Unternehmen nutzen Spielräume bei der Vergütung für Aufsichtsräte

"Viele DAX-Unternehmen sehen Veränderungsbedarf beim Vergütungssystem für den Aufsichtsrat", stellt Dr. Henning Hönsch, Leiter des PwC-Aufsichtsratsprogramms "Boardroom", fest. Hönsch und sein Team haben die Geschäftsberichte der 30 DAX- und von 48 MDAX-Unternehmen durchleuchtet und dabei vor allem im DAX deutliche Trends festgestellt: In acht der dreißig DAX-Gesellschaften hielt oder hält man Anpassungen für notwendig. Gleichzeitig profitieren die Aufsichtsräte vom wirtschaftlichen Aufschwung: Im Durchschnitt aller betrachteten Unternehmen stieg die Vergütung für ein Aufsichtsratsmandat erheblich an.

"Drei Jahre lang haben wir kaum Veränderungen bei der Aufsichtsratsvergütung gesehen", berichtet PwC-Fachmann Dr. Henning Hönsch: "Jetzt im Aufschwung nehmen offenbar einige Unternehmen Anpassungen in Angriff." Ein DAX-Unternehmen hat erstmals eine variable, erfolgsabhängige Vergütungskomponente eingeführt. Eines orientiert sich nicht mehr an der Dividende sondern - wie die große Mehrheit der Unternehmen - am Konzernergebnis je Aktie. Zwei andere Gesellschaften legen den Schwerpunkt bei der variablen Aufsichtsratsvergütung nicht mehr auf den kurzfristigen sondern auf den langfristigen Erfolg des Unternehmens, drei weitere planen Veränderungen in den kommenden Jahren.

Anteil der variablen Vergütung steigt

Insgesamt scheinen die Aufsichtsräte von der wirtschaftlichen Erholung zu profitieren: Die durchschnittliche Vergütung eines einfachen Aufsichtsratsmitglied in einem DAX-Unternehmen ist gegenüber dem Krisen-Geschäftsjahr 2009 um 24 Prozent gestiegen. Ausschlaggebend ist dafür vor allem die variable Vergütung: Erstmals nach zwei mageren Jahren fiel ihr Anteil an der Gesamtvergütung 2010 wieder höher aus als im Vorjahr; bei zwölf DAX-Unternehmen war der Anteil der variablen Vergütung sogar größer als der der fixen.

Nur wenig Veränderung bei der Vergütung nach langfristigem Erfolg

"Bei aller Bewegung, die in die Struktur der Aufsichtsratsvergütung gekommen ist, sind die Unternehmen doch bemerkenswert zurückhaltend, wenn es um die Ausrichtung der Aufsichtsratsvergütung am langfristigen Unternehmenserfolg geht", berichtet Hönsch. Zwar empfiehlt der Deutsche Corporate Governance Kodex (DCGK) seit 2009, dass die Aufsichtsratsvergütung auch vom langfristigen Erfolg abhängen soll. Trotzdem bezog diese Komponente nur jedes dritte DAX-Unternehmen ein in die Bemessung der Aufsichtsratsvergütung ein, im MDAX sind es noch weniger.

"Deutliche Trends im Geschäftsjahr 2010 sind auf DAX-Ebene eine ansteigende variable Vergütung sowie ein erhöhtes Veränderungsbestreben bezüglich der Vergütungssysteme", berichtet PwC-Fachmann Hönsch. Diese Trends sind in einer abgeschwächten Form auch in Unternehmen des MDAX zu erkennen.

Häufigster Maßstab für die erfolgsabhängige Vergütung ist das Konzernergebnis je Aktie. Das gilt sowohl bei dem variablen Vergütungsanteil, der sich am kurzfristigen Erfolg des Unternehmens orientiert, als auch bei der vom langfristigen Unternehmenserfolg abhängigen Komponente. Als langfristig gilt dabei in der Regel ein Zeithorizont von drei Jahren.

Im Gespräch mit Dr. Henning Hönsch, Leiter der PwC-Aufsichtsratsprogramms "Boardroom"


Dr. Henning
Hönsch

Die Vergütung für Aufsichtsräte steigt wieder. Warum streben Unternehmen trotzdem ausgerechnet jetzt Veränderungen in den Vergütungssystemen für die Mandatsträger an?

Dr. Henning Hönsch: Viele Aufsichtsratsmitglieder waren in der Krise stark gefordert, man musste unter hohem Druck Entscheidungen mit teilweise enormer Tragweite treffen. Zugleich waren die Aufseher zurückgeworfen auf den Teil der Vergütung, der fix vereinbart war. Denn der erfolgsabhängige variable Teil der Vergütung war häufig weggefallen, weil die Wirtschafts- und Finanzkrise den Unternehmen die Bilanzen verhagelt hatte. Das mag einer der Gründe dafür sein, dass in einigen Unternehmen wieder ein größerer Teil der Vergütung fest vereinbart wird.

Mehr fixe Vergütung garantiert den Aufsichtsräten, dass sie durch die nächste Krise mit höheren Vergütungen kommen. Schaffen sie so nicht einen neuen Nachweis für eine Mentalität der Selbstbedienung?

Hönsch: Selbstbedienungsmentalität würde ich den Aufsichtsräten nicht unterstellen. Denn erstens entscheiden ja die Aktionäre in der Hauptversammlung darüber, wie sie ihre Vertreter vergütet sehen wollen. Und zweitens stand gerade die Orientierung der Vergütung am kurzfristigen Unternehmenserfolg immer wieder in der Kritik. Da ist es schon nachvollziehbar, dass das Gewicht der erfolgsabhängigen Komponente zugunsten einer fixen Vergütung verringert wird.

Verliert andererseits ein Aufsichtsratsmitglied, wenn die Vergütung fix und damit unabhängig vom Unternehmenserfolg ist, nicht das Interesse an der Entwicklung der Gesellschaft?

Hönsch: Gute Aufsichtsräte haben den Erfolg des Unternehmens auch unabhängig von ihrer Vergütung fest im Blick. Sie müssen über ihre Tätigkeit ja auch in jedem Falle Rechenschaft ablegen. Dennoch gibt es auch gute Argumente dafür, dass Anteilseigner einen Anreiz für die Aufsichtsräte schaffen wollen, sich stärker für den Erfolg des Unternehmens einzusetzen. Dann ist es aber möglicherweise sinnvoll, die Vergütung nicht nur am kurzfristigen, sondern auch oder verstärkt am langfristigen Erfolg des Unternehmens auszurichten.