Geopolitische Bedrohungslage wächst – Konjunkturzuversicht der Manager sinkt

PwC Global CEO Survey 2016: Wachstumsprognosen für Weltwirtschaft fallen gegenüber dem Vorjahr um zehn Prozentpunkte / Stimmung in Deutschlands Vorstands-Etagen bleibt unter weltweitem Durchschnitt / Doppelt so viele deutsche Manager wie im Vorjahr sehen soziale Instabilität als Bedrohung für die Wachstumsziele des eigenen Unternehmens

Im Gespräch


Prof. Dr.
Norbert
Winkeljohann

Herr Winkeljohann, wie ist derzeit die Stimmung unter den CEOs weltweit?

Norbert Winkeljohann: Bei den Prognosen für 2016 herrscht weltweit große Einigkeit: Es wird kein Erfolgsjahr. Nur noch 27% der Top-Manager glauben, dass die Weltwirtschaft in diesem Jahr wachsen wird; das sind zehn Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Großkonzerne und kleinere Unternehmen beobachten mit Sorge, dass geopolitische Auseinandersetzungen zunehmen, die staatliche Überregulierung zunimmt und Währungsschwankungen die Exporte erschweren, letztere vor allem geprägt durch die Entwicklung des Ölpreises und die wirtschaftliche Situation Chinas. Darüber hinaus verunsichert viele die Geschwindigkeit von Veränderungen durch neue Technologien und die zunehmende Cyber-Kriminalität. In Summe sehen 66% der Topmanager mehr Gefahren für das globale Wachstum als vor drei Jahren, das sind sieben Prozentpunkte mehr als im Vorjahr.

CEO-Survey Zusammenfassung

CEO-Survey Zusammenfassung

Wie sieht die Stimmungslage bei deutschen Vorstandschefs aus?

Winkeljohann: In den deutschen Chefetagen herrscht zumindest größere Klarheit als im vergangenen Jahr: Damals gaben mehr als die Hälfte der Befragten an, die Weltwirtschaft werde mehr oder weniger stabil bleiben, waren also eher unentschieden in ihrer Einschätzung. Nun sehen wir mit 40% zwar mehr Optimisten, aber auch doppelt so viele Pessimisten wie im Vorjahr: 24% der deutschen Manager erwarten eine schrumpfende Weltwirtschaft.

Wie beurteilen die deutschen Vorstandschefs das Jahr 2016 im Hinblick auf die wirtschaftliche Lage des eigenen Unternehmens?

Ländervergleich Umsatzwachstum

Ländervergleich Umsatzwachstum

Winkeljohann: Nur noch 28% der deutschen Manager rechnen für dieses Jahr damit, dass ihr Unternehmen Wachstum erzielen wird. Das sind sieben Prozentpunkte weniger als im Vorjahr und im aktuellen Vergleich zum Durchschnitt weltweit. Nur die Schweizer Manager sind weltweit noch pessimistischer als ihre deutschen Kollegen.

Wir gehen also schwierigen Zeiten entgegen?

Winkeljohann: Wir sind mittendrin, und das wird sich in diesem Jahr nicht ändern. Mittelfristig sind die deutschen Manager aber etwas optimistischer.

Was bedeutet das konkret?

Winkeljohann: Zwar sehen 60% der deutschen Manager mehr Risiken für Wachstum als vor drei Jahren, aber das sind immerhin zehn Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Für die nächsten drei Jahre sind 45% der deutschen Manager sehr zuversichtlich, Wachstum für das eigene Unternehmen erzielen zu können. Angesichts all der Veränderungen und Unsicherheiten ist das ein Lichtblick, aber auch nicht mehr. Die Topmanager weltweit setzen nach wie vor große Hoffnungen in den deutschen Markt: Hinter den Vereinigten Staaten und China liegt Deutschland auf Rang drei der ertragreichsten Exportziele weltweit.

CEO-Survey Wachstum

CEO-Survey Wachstum

Etwas optimistischer als im Vorjahr sind die Top-Manager, wenn es um das Umsatzwachstum des eigenen Unternehmens in den kommenden zwölf Monaten geht: Weltweit sind 39% (+3 zum Vorjahr) zuversichtlich. Von den deutschen Managern äußert sich jeder Dritte (33%) sehr zuversichtlich, den Umsatz steigern zu können. Damit übertreffen sie den Europa-Durchschnitt leicht, der um acht Prozentpunkte auf 30% wächst.

Gibt es im CEO Survey auch Hinweise auf die Einstellungspolitik deutscher Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten?

Winkeljohann: In diesem Punkt sehen wir keine großen Veränderungen zum Vorjahr: Einstellungen planen 43% und damit leicht mehr Befragte als 2015. Einen Personalabbau sieht jedes dritte Unternehmen in Deutschland, auch hier stieg die Zahl etwas an. Dennoch werden weiterhin qualifizierte Mitarbeiter gesucht: 60% der deutschen Manager sehen hier einen Mangel auf dem Arbeitsmarkt.

Enthalten die Antworten der deutschen Topmanager auch Erkenntnisse zur aktuellen Flüchtlingsdebatte?

CEO-Survey Trends

CEO-Survey Trends

Winkeljohann: Obwohl die Befragung bereits Mitte November und damit vor den Ereignissen der letzten sechs Wochen abgeschlossen wurde, gibt es einen klaren Hinweis darauf, wie groß die Sorgen der deutschen Manager bei diesem komplexen Thema geworden sind: Im Januar 2015 gaben nur 28% der deutschen Manager an, dass fehlende gesellschaftliche Stabilität eine Gefahr für das Wachstum ihres Unternehmen darstellt. Aus diesen 28% sind in diesem Jahr nun 57% geworden, der Wert hat sich also verdoppelt. Das Flüchtlingsthema ist eine hochkomplexe Herausforderung für Politik und Gesellschaft. Auch aus Sicht der Wirtschaft ist zu hoffen, dass es uns gelingen wird, die in Deutschland bleibenden Menschen möglichst gut zu integrieren, das gilt auch für die Arbeitswelt. Denn wird dürfen nicht vergessen, dass in Deutschland langfristig dringend Arbeitskräfte benötigt werden – wir gehen davon aus, dass durch den demografischen Wandel bis zum Jahr 2030 zwischen zwei und vier Millionen Erwerbstätige weniger zur Verfügung stehen werden.

Abschließend: Welche Erkenntnis aus der diesjährigen Umfrage hat Sie am meisten überrascht?

Winkeljohann: Am meisten überrascht hat uns die weltweit einhellige Einschätzung der Top-Manager, dass eine echte „Globalisierung“ der Wirtschaft eher eine Utopie bleibt: Statt politischer oder wirtschaftlicher Unionen, weltweit geltenden Handelsrechten, gemeinsamen Werten und einer Weltbank in einem einzigen großen Weltwirtschaftsraum erleben und erwarten die Manager auch für Zukunft verstärkt national abgeschottete Märkte mit unterschiedlichen Wirtschaftssystemen, maximal regionalen Wirtschaftsräumen, unterschiedlichen Gesetzen und Wertesystemen sowie lokalen Bank-Instituten. Die jüngsten Erfahrungen in der EU tragen zu dieser Meinung sicherlich ebenso bei wie die schwierigen Verhandlungen vieler Handelsabkommen, zu denen auch TTIP gehört. Nur im weltweit freien Zugang zum Internet sehen 72% der Manager noch einen echten Globalisierungstreiber.