Digitalisierung revolutioniert die Industrie

Industriebetriebe planen bis 2020 weltweite Investitionen in Industrie 4.0-Projekte von USD 907 Mrd. pro Jahr (fast 5 Prozent ihres Jahresumsatzes). Das Top-Management digitalisiert wesentliche Funktionen entlang der vertikalen internen Wertschöpfungskette sowie bei horizontalen Partnern in der Supply Chain, um bis 2020 Betriebskosteneinsparungen von 3,6 Prozent pro Jahr zu erreichen. Darüber hinaus erweitern sie ihr Produktportfolio um digitale Funktionen und führen innovative, datenbasierte Dienstleistungen ein, um ihre Umsatzerlöse um 2,9 Prozent pro Jahr zu steigern. Das sind die Ergebnisse der weltweiten Studie „Industry 4.0: Building the digital enterprise“ mit mehr als 2.000 Teilnehmern aus 9 Industriebranchen in 26 Ländern. Die PwC-Experten und Autoren Reinhard Geissbauer und Jesper Vedso geben Auskunft darüber, was Unternehmen von den neuen digitalen Funktionalitäten erwarten und welche Herausforderungen sie überwinden müssen.

Im Gespräch mit den Industrie 4.0-Experten Reinhard Geissbauer (Partner bei Strategy&, einem Teil des PwC-Netzwerks in Deutschland und Head of Industry 4.0) und Jesper Vedso (Partner bei PwC Dänemark und Global Industrial Products Industry 4.0 Champion)

Vor nicht allzu langer Zeit musste die Bedeutung des Begriffes Industrie 4.0 noch erklärt werden. Was hat sich geändert?

Reinhard Geissbauer: Die Umsetzung von Industrie 4.0-Anwendungen hat in den vergangenen zwei Jahren rasant zugenommen und sich von einer Modeerscheinung zu einer Transformation der betrieblichen Kernprozesse in führenden Industriebetrieben entwickelt. Die Höhe der Investitionen und die Geschwindigkeit der digitalen Transformation haben uns ehrlich gesagt überrascht, als wir die Ergebnisse der PwC-Studie „Industry 4.0: Building the digital enterprise“ mit mehr als 2.000 Teilnehmern in 26 Ländern analysiert haben.

Reinhard Geissbauer

Reinhard Geissbauer

Die teilnehmenden Unternehmen planen eine Verdoppelung ihrer Digitalisierung im Rahmen der horizontalen und vertikalen Wertschöpfungskette bis 2020 und investieren stark in ihr Portfolio an digitalen Produkten und Dienstleistungen. Global werden die Investitionen bis 2020 einen Betrag von USD 907 Mrd. pro Jahr ausmachen.

Was erwarten sich die Unternehmen von diesen gewaltigen Investitionen?

Geissbauer: Die Unternehmen investieren stark in die Digitalisierung ihrer betrieblichen Prozesse und in Datenflüsse von der Produktentwicklung und -fertigung bis hin zu Logistik und Service – sowohl innerhalb des eigenen Betriebs als auch im Rahmen von Kooperationen mit Partner-Netzwerken. Unsere Studie hat ergeben, dass Industrie 4.0-Anwendungen bis 2020 Kostenreduktionen von durchschnittlich 3,6 Prozent pro Jahr bewirken werden. Darüber hinaus erweitern die Industriebetriebe ihr Produktportfolio um digitale Lösungen, die ihren Kunden Mehrwert und erweiterte Funktionalitäten bringen. Neue digitale Funktionalitäten, wie z. B. die Analyse von Big Data oder digitale Plattformen, schaffen innovative digitale Services und Gesamtlösungen für die Ökosysteme der Kunden. Die Unternehmen rechnen damit, dass dies bis 2020 jährliche Umsatzzuwächse von 2,9 Prozent bedeuten wird. Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen rechnet mit einem Return on Investment innerhalb von zwei Jahren.

Was hat sich durch die Digitalisierung verändert?

Jesper Vedso: Die Transport- und Logistikbranche ist ein gutes Beispiel für den schnellen technologischen Wandel: Heute ist das weltweite Tracking von Paketen und Versandcontainern in Echtzeit gängige Praxis. Bald wird es zum Standard gehören, nicht nur den physischen Zustand von Transportbehältnissen zu überwachen, sondern die Daten aus den Trackingsystemen auch in die Lager- und Fertigungssysteme der Kunden zu integrieren. Diese durchgängigen Datenflüsse führen zu kürzeren Manipulations- und Qualitätssicherungszeiten und bedeuten für die Kunden mehr Verlässlichkeit und Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Worin bestehen für Sie die Herausforderungen bei der Einführung von Industrie 4.0-Lösungen?

Geissbauer: Die zur Umsetzung von Industrie 4.0-Anwendungen erforderlichen Technologien sind verfügbar. Die größten Herausforderungen bestehen in der Ausbildung der digitalen Fähigkeiten bestehender Mitarbeiter und der Akquisition neuer Mitarbeiter mit digitalen Fachkenntnissen. Bezüglich der Anwendung von Datenanalyse gibt es noch einige Schwachstellen, wie die Sicherung der Produktqualität, die Optimierung der Fertigungsprozesse oder die Verbesserung der Informationen über Kundenbedürfnisse. In den meisten europäischen Ländern kann nur ein Viertel der Industriebetriebe sagen, dass sie über die richtige interne Organisation und die erforderlichen Fähigkeiten verfügen, um Planungs- und Optimierungsthemen mit Hilfe von Datenanalyse zu lösen. Datenanalyse ist jedoch die Grundlage für strategische Entscheidungen, bessere Informationen über die Produktverwendung und den Aufbau langfristiger Kundenbeziehungen.

Erfolgt die Entwicklung in Richtung Industrie 4.0 auf der ganzen Welt wirklich gleichmäßig?

Vedso: Was die Investitionen in Industrie 4.0-Anwendungen und das Engagement des Top-Managements betrifft, lautet die Antwort ja. Die Ziele der Unternehmen sind jedoch in verschiedenen Ländern unterschiedlich. Führende Industriebetriebe in Deutschland, Skandinavien und Japan konzentrieren ihre digitalen Investitionen zum Beispiel vor allem auf den Ausbau von betrieblicher Effizienz und Produktqualität. In den USA wird Industrie 4.0 zunehmend für die Entwicklung neuer, die bestehenden Strukturen aufbrechender digitaler Geschäftsmodelle und die Erweiterung des digitalen Produkt- und Dienstleistungsangebots eingesetzt. Industrieunternehmen in China erwarten bis 2020 im Durchschnitt Kostensenkungen sowie höhere digitale Umsatzerlöse. China ist eines der Länder, die von der Automatisierung und Digitalisierung von arbeitsintensiven Fertigungsprozessen am meisten zu profitieren haben. Darüber hinaus sind Unternehmen in China und generell in Asien sehr flexibel und digitalen Veränderungen gegenüber aufgeschlossen.

Mit zunehmender Digitalisierung wächst auch die Gefahr von Cyber-Angriffen. Betrachten Unternehmen dies als Hindernis?

Vedso: Digitale Ökosysteme mit mehr Schnittstellen zur Datenerfassung und zum Datenaustausch bedeuten auch mehr Angriffspunkte für Cyber-Attacken. Bei den Umfrageteilnehmern bestehen umfassende Bedenken im Bereich Datensicherheit, darunter auch die Störung der betrieblichen Abläufe durch Verletzungen der Cyber-Sicherheit.

Mit dem Ausbau der digitalen Ökosysteme muss auch das digitale Vertrauen zunehmen, und zwar gepaart mit Transparenz und Nachweisbarkeit, sodass die Integrität und der Ursprung von eigenen Daten sowie von Drittdaten zweifelsfrei nachgewiesen werden können. Stabile Risikomanagement- und Datenintegritätssysteme können Unternehmen dabei unterstützen, Sicherheitsverletzungen zu vermeiden und mit Störungen der betrieblichen Abläufe (der größten Sorge im Zusammenhang mit Datensicherheit) besser umzugehen. Diese Risiken wurden von Unternehmen klar identifiziert, doch selbst forschungsintensive Firmen, die um ihr geistiges Eigentum besorgt sind, scheuen sich nicht davor, Schritte in Richtung Industrie 4.0 zu setzen.

Was sind also die ersten Schritte, die ich auf dem Weg zu einem digitalen Unternehmen setzen sollte?

Geissbauer: Zur Weiterentwicklung von Industrie 4.0 sind digitale Fähigkeiten unerlässlich. Ermitteln Sie zunächst den digitalen Reifegrad Ihres Unternehmens und setzen Sie klare Ziele für die nächsten fünf Jahre. Konzentrieren Sie sich am Anfang auf jene Maßnahmen, die den größten Mehrwert für Ihr Unternehmen bringen, und stellen Sie sicher, dass diese Ihrer allgemeinen Strategie entsprechen. Bringen Sie die Unternehmensführung an Bord und sichern Sie sich deren Unterstützung.

Weisen Sie in einem nächsten Schritt mit Pilotprojekten die Wirksamkeit des Industrie 4.0-Konzeptes nach und zeigen Sie den Mehrwert für Ihr Unternehmen. Selbst wenn nicht jedes Projekt von Erfolg gekrönt ist, werden sie doch alle dazu beitragen, den richtigen Ansatz für das eigene Unternehmen zu finden. Auf Grundlage der ersten Erfolge können Sie auch die Organisation für sich gewinnen und so die Finanzierung für ein umfassenderes Rollout sicherstellen.

Um das volle Potenzial von Industrie 4.0 nutzen zu können, bedarf es oft unternehmensweiter Veränderungen. Stellen Sie sicher, dass das Konzept von der Unternehmensspitze und den finanziellen Stakeholdern voll mitgetragen und gelebt wird (Tone from the Top). Fördern Sie eine digitale Kultur: All Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen wie Digital Natives denken und handeln. Sie müssen bereit sein, mit neuen Technologien zu experimentieren und neue Arbeitsmethoden zu erlernen.

Entwickeln Sie für Ihre Kunden schließlich umfassende Produkt- und Servicelösungen. Tun Sie dies auf Basis von Partnerschaften oder Plattformen, wenn es intern nicht machbar ist. Es ist vielleicht nicht leicht für Sie, Ihr Wissen mit anderen Unternehmen zu teilen, weshalb Sie eine Akquisition eventuell bevorzugen würden. Ihre Performance wird jedoch nur dann entscheidend verbessert, wenn Sie das Konsumentenverhalten wirklich verstehen und die Rolle Ihres Unternehmens in einem zukünftigen Ökosystem von Partnern, Lieferanten und Kunden aktiv gestalten.

Lassen Sie sich nicht von der Euphorie anstecken, aber glauben Sie an die Tatsachen. Industrie 4.0 bringt einen enormen Aufschwung für Unternehmen, die die Vorteile gekonnt für sich nutzen.