Energiewende: Masterplan gesucht

„Die Energiewende wird nur mit einem energiepolitischen Gesamtkonzept gelingen, das die Balance zwischen Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit hält. Eine Fokussierung auf Einzelaspekte wie den Ausbau der erneuerbaren Energien greift zu kurz“ Dr. Norbert Schwieters.

Im Gespräch mit Dr. Norbert Schwieters


Dr. Norbert
Schwieters

„Windkraft allein schafft die Energiewende nicht“

Die Energiewende ist ein Kernprojekt der neuen Bundesregierung. Welche Impulse der Koalitionsvertrag für den Umbau der deutschen Energieversorgung gibt und an welchen Stellen nachgebessert werden muss, erläutert Dr. Norbert Schwieters.

Herr Schwieters, Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Ausgestaltung der Energiewende jüngst als das „drängendste Problem“ bezeichnet. Welche Lösungsansätze zeichnen sich derzeit ab?

Der Umbau der Energieversorgung in Deutschland ist eine komplexe Herausforderung, für die es nur komplexe Lösungen geben kann. Bislang gibt es aber keinen ‚Masterplan’ der Regierung für die Energiewende. Der Koalitionsvertrag bezieht sich in erster Linie auf den Strombereich. Aussagen zur Energiewende in Transport und Verkehr und bei der Wärmeversorgung bleiben demgegenüber vage.

Was plant die Regierung denn konkret?

Erklärtes Ziel ist der Ausbau der erneuerbaren Energien. Bis 2035 sollen diese bis zu 60 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland decken. Dabei wird allerdings offen gelassen, wie sich der Stromverbrauch entwickelt. Würde der Verbrauch von 2013 bis 2025 um 0,9 Prozent zulegen, müsste sich die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien im gleichen Zeitraum nahezu verdoppeln, um das langfristige Ausbauziel zu erreichen. Ein derart massiver Ausbau ist jedoch nicht zu finanzieren. Auf der anderen Seite drohen bei einem sinkenden Stromverbrauch langfristig sogar Überkapazitäten bei erneuerbaren Energien.

Energiewende im Umbruch

 

Welche Rolle spielen künftig die konventionellen Kraftwerke?

Der Koalitionsvertrag bekennt sich zwar zu Kohle und Gas, legt aber nicht fest, wie der Energiemix aussehen soll. Auch hier ist die künftige Entwicklung des Strombedarfs ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor: Sollte der Stromverbrauch langfristig zulegen, müsste der Anteil der emissionsarmen Gaskraftwerke an der konventionellen Stromerzeugung steigen, um den CO2-Ausstoß wie geplant zu senken. Gaskraftwerke rechnen sich aber nur, wenn sie eine hohe Auslastung erreichen – je häufiger Gaskraftwerke abgeschaltet werden müssen, weil genug Strom aus Wind- und Solarkraftanlagen im Netz fließt, desto teurer wird es.

Wie lässt sich dieser Unsicherheitsfaktor denn verringern? Schließlich kann die Bundesregierung den Stromverbrauch nicht vorschreiben.

Nein, aber die Energiewende sollte verstärkt Effizienzaspekte berücksichtigen. Investitionen müssen an der Stelle erfolgen, an der sie die größte CO2-Ersparnis bringen. Wir brauchen nicht nur Ausbauziele für die erneuerbaren Energien, sondern auch Zielkorridore für fossile Energieträger und einen effizienteren Energieeinsatz in Industrie, Haushalten und Verkehr.