„IT-Finanzarchitektur braucht ganzheitlichen Ansatz“

Die regulatorischen Auflagen an Banken und Finanzdienstleister nehmen zu. Um sie im Unternehmen umzusetzen, kommt der IT-Finanzarchitektur eine entscheidende Rolle zu. Dabei schöpfen die Finanzinstitute technologische Möglichkeiten nicht voll aus, wie die neue PwC-Studie „IT-Finanzarchitektur – Zufallsprodukt oder gezielte Weiterentwicklung?“ zeigt. Warum das so ist und was Finanzinstitute in Zukunft besser machen können, erklären Marc Billeb und Michael Rasch, PwC-Partner und Experten für IT-Finanzarchitektur.


Marc
Billeb

Im Gespräch mit Marc Billeb und Michael Rasch, PwC-Partner und Experten für IT-Finanzarchitektur.

In der PwC-Studie haben Sie die Qualität der IT-Finanzarchitektur unter die Lupe genommen. Wie gut sind die Banken aufgestellt?

Marc Billeb: Oft ist die IT-Finanzarchitektur getrieben von regulatorischen Anforderungen. Bei unserer Umfrage betonen 90 Prozent der Unternehmen die zunehmende Komplexität der IT-Finanzarchitektur, aber nur jedes vierte sieht ein Problem in der veralteten Technologie. Wir beobachten häufig eine IT-Finanzarchitektur, die heterogen aufgebaut ist, historisch gewachsen und im Wesentlichen die Organisationsstruktur des Hauses widerspiegelt. Das erschwert den Austausch von Daten und Informationen. Bei IT-Systemen von Banken und Finanzdienstleistern standen in den vergangenen Jahren mehr die regulatorischen Anforderungen im Vordergrund und weniger technologische Aspekte.


Michael
Rasch

Welche Konsequenzen hat das in der Praxis?

Michael Rasch: In älteren IT-Systemen ist es nach unseren Erfahrungen schwieriger, neue regulatorische Vorgaben umzusetzen. In solch einem Umfeld führt jede Änderung zu einem hohen Aufwand und steigenden Kosten. Gleichzeitig nehmen die Risiken zu, die regulatorischen Vorgaben nicht adäquat umsetzen zu können. Die Finanzinstitute entwickeln ihre IT-Finanzarchitektur in der Regel strategisch nicht weiter, sondern setzen immer wieder nur punktuell an. Die technologische Modernisierung der IT-Architektur wird so auf die lange Bank geschoben. Die führt in der Regel zu viel höheren Kosten, als wenn die Investition in eine neue IT-Finanzarchitektur früher erfolgt wäre.

Wer trägt denn überhaupt die Kosten für die Modernisierung der IT-Finanzarchitektur?

Billeb: Die Regulierung bezweckt eine höhere Stabilität und Sicherheit des Finanzsystems. Diese Stabilität gibt es nicht zum Nulltarif. Kunden werden wohl nicht dauerhaft von Regulierungskosten, beispielsweise für umfangreichere Berichtssysteme oder einer höheren Eigenkapitalunterlegung, verschont bleiben können.

Ein Thema in der Studie ist die Separierbarkeit von Systemen und Daten. Warum ist dieses Thema so zentral?

Rasch: Daten und Informationen zu separieren, aber auch in Systeme zu integrieren, wird immer wichtiger. Die Geschäftsmodelle von Banken ändern sich, auch weil durch die Regulierung der Anpassungsdruck größer ist als in der Vergangenheit. Wenn Unternehmen ihr Geschäftsmodell zum Beispiel durch eine konzerninterne Umstrukturierung ändern, müssen sie das in Systemen und Datenhaushalten effizient darstellen können. Wir wissen aus Transaktionen in der Vergangenheit, dass aufgrund fehlender oder stark eingeschränkter Separierbarkeit der Daten an dieser Stelle große Schwierigkeiten bestehen.

Banken und Finanzdienstleister setzen in ihrer IT häufig individuell hergestellte Software ein. Welche Nachteile hat das gegenüber einer Standardsoftware?

Billeb: Wer ein Fertighaus kauft und es vollständig nach seinen individuellen Bedürfnissen umbaut, sieht sich sowohl mit hohen Investitionen als auch mit höheren Betriebskosten konfrontiert. Das gleiche gilt auch für die IT-Finanzarchitektur. Mit Prozessen und einer Organisation, die auf einer Standardsoftware basieren, lassen sich zahlreiche Vorteile realisieren. So erleichtert eine einheitliche Basis den Austausch von Informationen. Zudem können die Institute neue Regulierungsvorschriften leichter umsetzen.

Wie wichtig ist ein zentraler Datenhaushalt für Finanzinstitute?

Rasch: Die Regulierungsbehörden gehen bei der Definition neuer gesetzlicher Bestimmungen von einem zentralen Datenhaushalt sowie einheitlichen Methoden zwischen Rechnungs- und Meldewesen sowie Risikocontrolling aus. Die Praxis in den Instituten sieht aber anders aus. Deshalb ist der Aufwand für die Institute enorm hoch, wenn sie schon kleine Neuerungen umsetzen wollen.

Wie können Institute diesen Herausforderungen begegnen?

Rasch: Die Vielzahl und die Frequenz neuer regulatorischer Vorgaben setzen eine integrierte IT-Finanzarchitektur voraus, die Anpassungen flexibel und effizient ermöglicht. Um die IT-Finanzarchitektur weiterzuentwickeln, braucht es einen ganzheitlichen Ansatz und eine Planung, die verschiedene Szenarien berücksichtigt. Dabei sollten alle Beteiligten für ein Höchstmaß an Transparenz sorgen. Dazu gehört es auch, Kosten, Ziele und einen Zeitplan festzulegen. Eine strategische Roadmap sowie ein Business Case für die IT-Finanzarchitektur sind dabei nach unserer Erfahrung äußerst hilfreich.