Förderbanken: Ein Quantensprung muss her

31 Mai, 2017

Die Digitalisierungswelle stellt die 19 deutschen Förderbanken vor elementare Herausforderungen. Technologische Innovationen im klassischen Bankgeschäft, erhöhte Anforderungen von Hausbanken und Endkunden sowie der verstärkte Markteintritt von FinTechs erfordern weitreichende Anpassungen im Fördersektor.

Im Gespräch mit Rainer Wilken und Hartmut Liehr

Förderbanken sollten ihre digitale Präsenz ausbauen, neue Technologien einführen und sich stärker mit Finanzierungspartnern vernetzen, um auch in Zukunft digital nah am Kunden zu bleiben und effektiv mit Finanzierungspartnern arbeiten zu können. PwC-Partner Rainer Wilken und PwC-Förderbankenexperte Hartmut Liehr erläutern, wie die erforderliche Neupositionierung der Institute hin zur digitalen Förderbank gelingen kann.

Die Förderbanken erleben unruhige Zeiten. Wie verändert sich das Umfeld gerade?

Rainer Wilken: Der digitale Wandel sorgt dafür, dass Hausbanken und Endkunden neue Ansprüche an die Förderbanken stellen. Gleichzeitig treten verstärkt Finanz-Start-ups als Wettbewerber im Markt auf. Das Geschäftspotenzial der Förderbanken verlagert sich gerade von der persönlichen Interaktion auf digitale Kanäle und dürfte infolge des anhaltenden Niedrigzinsumfelds abnehmen. Auch die Finanzierungs- und Förderbedürfnisse der Kunden verändern sich, denn es treten zunehmend Gründungs- und Innovationsfinanzierungen in den Mittelpunkt. Vor dem Hintergrund des massiven digitalen Umbaus der Bankenbranche wird das Thema Digitalisierung auch für den Fördersektor immer relevanter und macht Anpassungen dringend erforderlich.

Welche Anpassungen sollten die Förderbanken denn vornehmen?

Hartmut Liehr: Die Förderbanken sollten stärker digital Flagge zeigen. Unsere Metastudie „Förderbanken 2020 – Digitale Transformation!“ ergab, dass Hausbanken vermehrt auf gut informierte Fördersuchende treffen, die verschiedene Anbieter nutzen. Eine Vernetzung der Förderbanken auf Bundes- und Landesebene, eine aktive Positionierung in sozialen und professionellen Netzwerken und eine Verlinkung auf übergeordneten FinTech-Portalen eröffnet neue Vertriebswege und steigert den Bekanntheitsgrad. Gerade die wichtige Kundengruppe der 25- bis 35-Jährigen Digital Natives weiß oft wenig über die Arbeitsweise und Produkte des Fördersektors. Um digital affine Kunden in Zukunft genau so gut wie traditionelle Kunden anzusprechen, werden interaktive Anwendungen wie eine Smartphone-App immer wichtiger. Finanzierungspartner und Endkunden erwarten einen transaktionalen digitalen Kanal, um sich umfassend über Förderprogramme zu informieren und Förderanträge zu stellen. Die Förderbanken sind mit ihren Webseiten bereits gut aufgestellt, doch ließen sich viele komplexe Produktinformationen digital noch einfacher abbilden.

Welche neuen Technologien eignen sich für den Fördersektor?

Wilken: Die höchste Relevanz für den Fördersektor haben Technologien zur automatisierten Anlageberatung (Robo-Advice), zur Stärkung der Cyber-Sicherheit (Cyber Resilience) und zur Prozessautomatisierung durch Software (Robotic Process Automation/RPA). Bei Robotics werden standardisierte, immer wiederkehrende Arbeitsschritte von Computern übernommen. Das hilft, Personal einzusparen und Mitarbeiter stattdessen für steuernde oder kreative Aufgaben einzusetzen. Eine Förderbank bietet bereits ein Online-Durchleitgeschäft, in dem Anträge digitalisiert und manuelle Schritte automatisiert werden, sodass der Kunde in der Filiale sofort eine Förderzusage bekommen kann. Einige Landesförderinstitute haben sich bereits angeschlossen, aber längst nicht alle. Förderbanken sollten solche geeigneten Technologien aber zwingend implementieren, um auch in Zukunft reibungslos mit den Finanzierungspartnern zusammenarbeiten zu können.

Wäre eine Blockchain-Lösung für Förderbanken interessant?

Liehr: Viele Förderbanken interessieren sind für die Blockchain-Technologie und prüfen mögliche Anwendungsbereiche. Bei allen Innovationen sollten die Institute genau abwägen, welche Technologie zu ihrem Geschäftsmodell passt. Außerdem sind einige Förderbanken gerade damit beschäftigt, Standardsoftware einzuführen und ihre Buchhaltung oder Kreditbearbeitung zu modernisieren. Das sollte erst erledigt werden, bevor die nächste große Innovationswelle kommt.

Warum ist eine stärkere digitale Vernetzung für Förderbanken so wichtig?

Wilken: Durch den Aufbau eigener Online-Abschlusskanäle und eine stärkere digitale Vernetzung mit Hausbanken und neuen Finanzierungspartnern wie FinTechs und Crowd Finance über offene Schnittstellen (Application Programming Interfaces/APIs) können Förderbanken zusätzliche Vertriebswege und neues Geschäftspotenzial erschließen. So entsteht ein neues digitales Förderökosystem, das stark an den Bedürfnissen der Endkunden ausgerichtet ist. Der Kunde erhält mehrere kombinierbare, webbasierte Beratungs- und Antragswege. Ein eigenes Online-Angebot etwa mit Abschlusskanälen und Video- oder Chatberatung erlaubt es, Förderprodukte losgelöst zu beantragen und anschließend mit Finanzprodukten über Filialbanken zu kombinieren. Damit werden die Förderbanken unabhängiger und rücken – digital – näher an den Endkunden heran. Eine Kooperation mit FinTechs führt zu einer Erweiterung des Förderangebots und eröffnet den Zugang zu externen Datenbanken, etwa zur Bonitätsprüfung. Dabei ist allerdings die Einhaltung der Datensicherheit und der aufsichtsrechtlichen Vorgaben sicherzustellen. Außerdem müssen die Regelungen des Fördersektors beachtet werden, um Wettbewerbsverzerrung zu vermeiden.

Wie gelingt den Instituten der Sprung ins digitale Zeitalter?

Liehr: Alle Förderbanken haben die Relevanz der digitalen Transformation erkannt, sie reagieren aber mit unterschiedlicher Geschwindigkeit darauf. Eine Steigerung der digitalen Präsenz, die Einführung technologischer Innovationen und eine stärkere digitale Vernetzung sind notwendige Schritte auf dem Weg in die digitale Zukunft. Für die meisten Institute bedeutet das jedoch einen Quantensprung. Ein strukturierter Strategiefindungsprozess hilft hierbei. „Den einen“ Masterplan für die Förderbank der Zukunft gibt es jedoch nicht. Entscheidend wird sein, auf welchen Kanälen eine Förderbank künftig präsent ist und wie sie vom Kunden wahrgenommen wird. Da der Kunde nicht mehr über eine persönliche Beziehung durch eine Hausbank gebunden werden kann, wird das Kunden- und Fördererlebnis dabei immer wichtiger.

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