'Wichtig ist es, in der SAAAME-Region jetzt einen Fuß in die Tür zu bekommen'

Im Welthandel und der internationalen Finanzordnung verschieben sich die Gewichte: Die Staaten Südamerikas, Afrikas, Asiens und des Mittleren Ostens (SAAAME) melden enorme Wachstumsraten – und wickeln einen steigenden Anteil des Welthandels untereinander ab. "Ein immer größerer Teil der weltweiten Handelsströme wird künftig an der 'westlichen Welt' vorbeigehen", sagt Rainer Wilken, Partner und Leiter der Banking & Capital Markets Consulting Practice bei PwC in Deutschland. Banken und anderen Finanzmarktakteuren aus dem Westen drohe daher die Abkopplung von den Geschäftschancen der Zukunft.

Im Gespräch mit Rainer Wilken, Partner und Leiter der Banking & Capital Markets Consulting Practice bei PwC in Deutschland

Rainer Wilken
Rainer Wilken

Mit großem Nachdruck weist PwC in der Studie "Project Blue: Capitalising on the rise and interconnectivity of the emerging markets" die Finanzbranche auf die wachsende Bedeutung der sogenannten SAAAME-Region hin. Warum?

Rainer Wilken: Die anschwellenden Handelsströme innerhalb der SAAAME-Region schwächen das bisherige Muster. Es handeln künftig eben nicht mehr im Wesentlichen die Nationen der westlichen Welt untereinander und mit dem Rest des Globus, sondern zunehmend auch der Rest des Globus untereinander. Je mehr der Handel an den etablierten Wirtschaftsmächten vorbeiläuft, desto weniger werden auch die etablierten Finanz-Intermediäre in Anspruch genommen.

Entwicklung des Welthandel 2010

Entwicklung des Welthandels

Banken, Versicherungen und andere Finanzkonzerne aus dem Westen verlieren an Gewicht, weil China wächst und wächst und die Rohstoffe dafür in Afrika und Asien einkauft?

Wilken: Das ist so sicherlich etwas verkürzt. Aber mit zunehmendem Handel innerhalb der SAAAME-Region werden auch deren Währungen, etwa der chinesische Renminbi (RMB), immer wichtiger werden. Zumindest für den Intra-SAAAME-Handel könnte der RMB durchaus als Leitwährung neben den US-Dollar treten - der RMB ist bereits heute die Währung für grenzüberschreitenden Handel Chinas mit seinen Nachbarstaaten sowie Grundlage mehrere bilateraler Währungstauschabkommen mit internationalen Handelspartnern. Zugleich wächst mit wachsendem Wohlstand in der SAAAME-Region die Nachfrage nach Finanzdienstleistungen. Die westlichen Finanzinstitute müssen aufpassen, dass sie nicht den Anschluss verpassen, sondern einen Fuß in der Tür behalten.

Was bedeutet das Wachstum in den SAAAME-Staaten für etablierten Finanzkonzerne der westlichen Welt?

Wilken: Einige Banken aus Brasilien, Indien oder China sind bereits dabei, ihren Firmenkunden ihre Dienstleistungen weltweit anzubieten. Zwar hat noch keine SAAAME-Bank eine weltweite Präsenz aufgebaut, die an die der europäischen oder nordamerikanischen Finanzhäuser heranreicht. Aber in vielen SAAAME-Staaten ist die Konzentration auf den Finanzmärkten bereits sehr hoch. Da liegt es nahe, dass sich die SAAAME-Banken auf der Suche nach zusätzlichen Marktanteilen auch im Ausland umsehen.

Das heißt, Sie rechnen mit Fusionen und Übernahmen westlicher Banken durch Konkurrenten aus den Emerging Markets?

Wilken: Die neuen Riesen aus der SAAAME-Region könnten sich durchaus für westliche Banken interessieren. Denn sie können darauf hoffen, Technologie, Produktexpertise und Management-Erfahrung einzukaufen, die sie auch auf der globalen Bühne wettbewerbsfähig macht. Die Preise für Übernahmen sind gerade im Nachgang der Finanzkrise derzeit günstig – wenn auch wahrscheinlich nicht für lange Zeit.

Sind die aufstrebenden SAAAME-Staaten nicht umgekehrt auch als Markt attraktiv für die etablierten, westlichen Geldhäuser?

Wilken: Die Marktdurchdringung internationaler Banken in den SAAAME-Märkten variiert; in weitgehend abgeschlossenen Märkten wie China ist sie vernachlässigbar. Selbst in offenen Märkten wie Brasilien könnten weitere Akquisitionen für westliche Banken unerschwinglich teuer werden und Lizensierungsverfahren bei Gründungen langwierig. Und es dürfte für jeden Einsteiger in einem SAAAME-Markt nicht ganz einfach werden, marktführende Positionen zu erlangen. Trotzdem könnte mancher zu dem Schluss gelangen, dass man es sich nicht leisten kann, nicht in den SAAAME-Märkten präsent zu sein.

Wo sehen Sie die größten Schwierigkeiten für die etablierten westlichen Finanzinstitute bei einem Eintritt in die Finanzmärkte von SAAAME-Staaten?

Wilken: Die Aufgabe wird darin liegen, mit einem Netzwerk für die Low-Cost-Distribution die Marktdurchdringung zu steigern. Dafür bietet sich beispielsweise das Mobile-Banking per Mobiltelefone an, es ist heute schon in den SAAAME-Märkten weiter entwickelt als im Westen. Außerdem gilt es, eine Infrastruktur aufzubauen für Bereiche wie Kundenservice und Kreditbewertung. Kooperationen mit Finanzdienstleistern vor Ort dürften hierbei weitaus erfolgversprechender sein als der Versuch, die westlichen Geschäftsmodelle auf die Schwellenländer zu übertragen.

Warum sollten etablierte Financial-Services-Unternehmen ein Engagement in den SAAAME-Märkten in Betracht ziehen?

Wilken: Selbst ein vergleichsweise kleiner Marktanteil in großen Märkten wie China, Indien oder Brasilien kann einen signifikanten Beitrag zu Geschäft und Wachstum eines Finanzkonzerns bedeuten. Finanzinstituten, die die Risiken klar sehen, aber Services entwickeln können, die auf den jeweiligen Markt zugeschnitten sind, bieten sich in den SAAAME-Märkten mit ihren wachsenden Mittelschichten große Chancen.