Im Welthandel und der internationalen Finanzordnung verschieben sich die Gewichte: Die Staaten Südamerikas, Afrikas, Asiens und des Mittleren Ostens (SAAAME) melden enorme Wachstumsraten – und wickeln einen steigenden Anteil des Welthandels untereinander ab. "Ein immer größerer Teil der weltweiten Handelsströme wird künftig an der 'westlichen Welt' vorbeigehen", sagt Rainer Wilken, Partner und Leiter der Banking & Capital Markets Consulting Practice bei PwC in Deutschland. Banken und anderen Finanzmarktakteuren aus dem Westen drohe daher die Abkopplung von den Geschäftschancen der Zukunft.

Rainer Wilken
Rainer Wilken: Die anschwellenden Handelsströme innerhalb der SAAAME-Region schwächen das bisherige Muster. Es handeln künftig eben nicht mehr im Wesentlichen die Nationen der westlichen Welt untereinander und mit dem Rest des Globus, sondern zunehmend auch der Rest des Globus untereinander. Je mehr der Handel an den etablierten Wirtschaftsmächten vorbeiläuft, desto weniger werden auch die etablierten Finanz-Intermediäre in Anspruch genommen.
Entwicklung des Welthandels
Wilken: Das ist so sicherlich etwas verkürzt. Aber mit zunehmendem Handel innerhalb der SAAAME-Region werden auch deren Währungen, etwa der chinesische Renminbi (RMB), immer wichtiger werden. Zumindest für den Intra-SAAAME-Handel könnte der RMB durchaus als Leitwährung neben den US-Dollar treten - der RMB ist bereits heute die Währung für grenzüberschreitenden Handel Chinas mit seinen Nachbarstaaten sowie Grundlage mehrere bilateraler Währungstauschabkommen mit internationalen Handelspartnern. Zugleich wächst mit wachsendem Wohlstand in der SAAAME-Region die Nachfrage nach Finanzdienstleistungen. Die westlichen Finanzinstitute müssen aufpassen, dass sie nicht den Anschluss verpassen, sondern einen Fuß in der Tür behalten.
Wilken: Einige Banken aus Brasilien, Indien oder China sind bereits dabei, ihren Firmenkunden ihre Dienstleistungen weltweit anzubieten. Zwar hat noch keine SAAAME-Bank eine weltweite Präsenz aufgebaut, die an die der europäischen oder nordamerikanischen Finanzhäuser heranreicht. Aber in vielen SAAAME-Staaten ist die Konzentration auf den Finanzmärkten bereits sehr hoch. Da liegt es nahe, dass sich die SAAAME-Banken auf der Suche nach zusätzlichen Marktanteilen auch im Ausland umsehen.
Wilken: Die neuen Riesen aus der SAAAME-Region könnten sich durchaus für westliche Banken interessieren. Denn sie können darauf hoffen, Technologie, Produktexpertise und Management-Erfahrung einzukaufen, die sie auch auf der globalen Bühne wettbewerbsfähig macht. Die Preise für Übernahmen sind gerade im Nachgang der Finanzkrise derzeit günstig – wenn auch wahrscheinlich nicht für lange Zeit.
Wilken: Die Marktdurchdringung internationaler Banken in den SAAAME-Märkten variiert; in weitgehend abgeschlossenen Märkten wie China ist sie vernachlässigbar. Selbst in offenen Märkten wie Brasilien könnten weitere Akquisitionen für westliche Banken unerschwinglich teuer werden und Lizensierungsverfahren bei Gründungen langwierig. Und es dürfte für jeden Einsteiger in einem SAAAME-Markt nicht ganz einfach werden, marktführende Positionen zu erlangen. Trotzdem könnte mancher zu dem Schluss gelangen, dass man es sich nicht leisten kann, nicht in den SAAAME-Märkten präsent zu sein.
Wilken: Die Aufgabe wird darin liegen, mit einem Netzwerk für die Low-Cost-Distribution die Marktdurchdringung zu steigern. Dafür bietet sich beispielsweise das Mobile-Banking per Mobiltelefone an, es ist heute schon in den SAAAME-Märkten weiter entwickelt als im Westen. Außerdem gilt es, eine Infrastruktur aufzubauen für Bereiche wie Kundenservice und Kreditbewertung. Kooperationen mit Finanzdienstleistern vor Ort dürften hierbei weitaus erfolgversprechender sein als der Versuch, die westlichen Geschäftsmodelle auf die Schwellenländer zu übertragen.