Der PwC Insurance Monitor #3 beschreibt die tiefgreifenden Veränderungen, die auf den Markt für Kfz-Versicherungen zukommen

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Vertriebswege verschwinden; das heutige Prämienvolumen (24 Mrd. Euro) droht bis 2030 um 40 Prozent abzuschmelzen; den Versicherern stehen einschneidende Veränderungen bevor.

Im Gespräch mit den Autoren Hendrik C. Jahn, Markus Heyen und
Jörg Wälder:


Hendrik C.
Jahn

Was beeinflusst den Kfz-Versicherungsmarkt in der Zukunft?

Hendrik C. Jahn: Im Markt für Kfz-Versicherungen bleibt in den kommenden Jahren kein Stein auf dem anderen - gleich vier Megatrends vollziehen sich parallel und werden den Markt nachhaltig verändern: Vergleichsportale und Digitalisierung, neue Angebote der Autobauer, der Fortschritt der Technik im Kfz und - last but not least - Mobilitätsangebote der Zukunft. Jeder einzelne dieser vier Megatrends hat das Potential, das Kfz-Versicherungsgeschäft fundamental zu verändern.

Vollziehen Versicherer diesen Wandel aus einer Position der Stärke?

Markus Heyen: Das kann man so nicht sagen. Mit 24 Mrd. Euro gebuchter Bruttoprämie im Jahr 2014 ist die Kfz-Versicherung die mit Abstand bedeutendste Schaden-/Unfall-Einzelsparte in Deutschland (ca. 40 Prozent der Gesamtprämie). Die Bedeutung dieser Sparte für die Fähigkeit der Versicherer, laufende Kosten zu tragen (Personalkosten zum Beispiel) ist daher immens. Aus diesem Grund wird der Wettbewerb um dieses Segment derart erbittert geführt, dass sich allein in den letzten fünf Jahren ein kumulierter versicherungstechnischer Verlust in Höhe von 4,7 Mrd. Euro ergeben hat.


Markus
Heyen

Kein Licht am Ende des Tunnels?

Heyen: Doch, 2014 wird der Kfz-Versicherungsmarkt aller Voraussicht nach seit vielen Jahren erstmals wieder profitabel sein. Das sollte aber nicht darüber hinweg täuschen, dass die Anbieter vor immensen Herausforderungen stehen: Die Versicherer werden kaum in der Lage sein, das Privatkundengeschäft in der Kraftfahrt auch noch in zehn Jahren „klassisch“ mit mobilen Vertrieben, traditionellen Produkten und heutigen Prozessen wirtschaftlich vernünftig zu betreiben.

Jörg Wälder: In der Kfz-Versicherung steht vielmehr ein Paradigmenwechsel ins Haus: Im Jahr 2030 werden Produkte, Vertrieb und Organisation der Unternehmen erheblich anders aussehen, als wir das heute kennen. Selbst bei optimistischsten Annahmen wird das Volumen der Kfz-Prämie von den heutigen ca. 24 Mrd. Euro bis 2030 nicht über einen Wert von 27,5 Mrd. Euro hinaus ansteigen. Dem steht im ungünstigsten Fall eine Erosion auf nur noch 15,5 Mrd. Euro gegenüber. Wir haben ein Rechenmodell entwickelt, um die Entwicklung der Kfz-Versicherung sowohl im Prämienvolumen, als auch im versicherungstechnischen Ergebnis prognostizierbar zu machen.


Jörg Wälder

Wie sollten die Anbieter reagieren?

Wälder: Soweit Versicherer nicht heute schon auf Direkt- und Partnergeschäft, wie etwa über Autobauer, Banken, Retail etc. eingestellt sind, besteht dringender Handlungsbedarf bei der Neuausrichtung der Vertriebe. Aber auch den Produkt- und Leistungsbereichen der Versicherer stehen drastische Veränderungen ins Haus, vor allem mit Blick auf Produktentwicklung, Verwaltung und Schaden - Hochautomatisierte Prozesse bei maximaler Kosten-Effizienz sind Pflicht, Benchmark dabei sind die besten der Direktversicherer. Dies wird nicht ohne Folgen auch für die Belegschaften bleiben. Je früher der unvermeidliche Umbau beginnt, umso besser für Mitarbeiter und die betroffenen Unternehmen.

Wer wird als Gewinner hervorgehen?

Jahn: Angesichts der beschriebenen Entwicklungen kann man sich den Kfz-Versicherer der Zukunft ebenso als extrem flexiblen, kostengünstigen und technisch hoch entwickelten Anbieter vorstellen, wie auch als Dienstleister für die Automotive Industrie, der Pricing, Produktentwicklung, Verwaltung und Schadenmanagement sehr gut beherrscht und diese Dienstleistungen kostengünstig und hoch automatisiert bereitstellt, möglicherweise aber an dieser Stelle kein versicherungstechnisches Risiko mehr trägt.
Die Marktentwicklungen bergen daher nicht nur Risiken, sondern auch beachtliche Chancen für diejenigen, die bereit sind, sich konstruktiv und schonungslos mit dem ohnehin Unausweichlichen auseinanderzusetzen.