„Wirtschaftskriminalität bei Versicherern sprunghaft gestiegen“

18 April, 2017

Im Gespräch mit Gunter Lescher, Partner im Bereich Forensic Services.

Die Sonderauswertung von PwC zur Wirtschaftskriminalität bei Versicherern offenbart eine verschärfte Bedrohungslage. Gunter Lescher, Partner im Bereich Forensic Services bei PwC, im Gespräch über neue kriminelle Trends in Zeiten der Digitalisierung, die überraschende Rolle klassischer Kopierer und die Relevanz von Hinweisgebern bei der Aufdeckung von Straftaten.

Herr Lescher, welches Ergebnis der Sonderauswertung ragt aus Ihrer Sicht heraus?

Gunter Lescher: Eindeutig der Blick aufs Ganze: dass 70 Prozent der befragten Versicherer Opfer von Wirtschaftskriminalität geworden sind. Das ist ein signifikanter Anstieg. Und die Branche liegt damit 19 Prozent über dem Durchschnitt aller Branchen.                                                    

„Signifikanter Anstieg“ bedeutet konkret?

Lescher: Laut unseren Sonderauswertungen von 2013 und 2011 waren damals 53 Prozent und 49 Prozent betroffen. Selbst das war ja nicht gerade wenig.

Wie kam der Anstieg zustande?

Lescher: Er beruht vor allem auf zunehmenden Vermögenskriminalitätsdelikten wie Betrug. Im branchenübergreifenden Durchschnitt waren 37 Prozent der befragten Unternehmen von dieser Deliktkategorie betroffen – bei den Versicherern waren es ganze 61 Prozent. Erinnern wir uns: 2013 waren es nur 36 Prozent! Bemerkenswert ist auch, dass die polizeiliche Kriminalstatistik eine ähnliche Entwicklung zeigt: Diebstahl- und Raubkriminalität stagnieren oder nehmen seit längerem ab, doch die Betrugskriminalität hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten nahezu verdoppelt.

Ein durch die zunehmende Digitalisierung bedingtes, neues Phänomen ist Cybercrime. Wie sehen Sie hier die Bedrohungslage im Versicherungswesen?

Lescher: Unter Cyber- oder E-Crime verstehen wir Delikte, bei denen IT als wesentliches Element genutzt wird, um eine Wirtschaftsstraftat zu begehen – Computerbetrug zum Beispiel. Beunruhigend sind Studien, denen zufolge über 80 Prozent der Cyberangriffe organisiert durchgeführt werden. Kurzum: Die Bedrohungslage nimmt zu.

Sehen das die Versicherer auch so?

Lescher: Ein Drittel der Befragten berichtete laut Sonderauswertung über mindestens einen E-Crime-Fall und 39 Prozent über E-Crime-Verdachtsfälle. Das ist und bleibt ein Riesenthema. Ich warne aber davor, deshalb die „alten“ Risiken zu unterschätzen.

Woran denken Sie da?

Lescher: Unsere branchenübergreifende Studie zeigt, dass die Angriffe – entgegen der Einschätzung der befragten Unternehmen – weniger als angenommen über IT-Systeme erfolgten, sondern nach wie vor viel öfter durch schlichtes Entwenden, also auch Kopieren, von Firmenunterlagen. Die befragten Versicherer beklagten Daten- und Wissensverluste ebenfalls am häufigsten auf diese klassisch zu nennende Weise. Wir reden hier immerhin über 64 Prozent.

Auch das Risiko von sogenanntem Fake President Fraud, bei dem sich Betrüger per E-Mail als vermeintliches Mitglied der Geschäftsleitung ausgeben und dabei Überweisungen veranlassen, hat erheblich an Bedeutung für die Versicherungsbranche gewonnen.

Wer trägt besonders dazu bei, Wirtschaftskriminalitätsfälle aufzudecken?

Lescher: Extrem wichtig sind Hinweisgeber. Unsere Sonderauswertung ergab, dass in 39 Prozent der aufgedeckten Fälle ein interner Hinweis entscheidend war – und in jedem fünften Fall ein Hinweis von externen Quellen.

Und wo bleibt die Interne Revision?
Lescher:
Auf die gingen 17 Prozent der Aufdeckungen zurück.

Das klingt bescheiden.
Lescher:
Auf den ersten Blick vielleicht. Allerdings ist der Wert fast doppelt so hoch wie im Schnitt aller Branchen. Und: 2012 betrug er bei den Versicherern gerade einmal drei Prozent. Das heißt, die Revisoren werden immer besser.

Worauf führen Sie das zurück?  

Lescher: Dass beispielsweise Compliance-Management-Systeme (CMS) in der Versicherungswirtschaft mittlerweile fest etabliert sind – wenn auch noch nicht flächendeckend. Auch hat die Bekanntheit des CMS-Prüfungsstandards 980 des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW) gegenüber 2013 zugenommen.

Genügt Bekanntheit?

Lescher: Nein, aber sie trägt natürlich zur Verbreitung bei. Wenn – wie im Rahmen der Studie verlautbart – die Anzahl der Versicherer, die sich nach diesem Standard zertifizieren lassen wollen, tatsächlich weiter zulegt, dürfte die Interne Revision künftig noch relevanter bei der Aufdeckung von Wirtschaftskriminalität werden.

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