„Das Thema ‚personalisierte Medizin‘ trifft auf große gesellschaftliche Akzeptanz“

20 Dezember, 2016


Die meisten Deutschen sind bereit, persönliche Krankheitsdaten freizugeben, wenn dies zu besseren Therapiemöglichkeiten führt, zeigt eine PwC-Umfrage. Was dieser Befund für den Durchbruch der „personalisierten Medizin“ bedeutet, erklären Michael Burkhart, Leiter Gesundheitswesen & Pharma, sowie Thomas Solbach, Pharma- und Gesundheitsexperte bei PwC Strategy

Im Gespräch mit Michael Burkhart, Leiter Gesundheitswesen & Pharma und Thomas Solbach, Pharma- und Gesundheitsexperte bei PwC.

In einer repräsentativen Umfrage hat PwC 1.000 Bundesbürger über 18 Jahren nach ihren Einstellungen zum Topthema „personalisierte Medizin“ befragt. Was sind die Ergebnisse?

Michael Burkhart: Das entscheidende Resultat ist sicherlich, dass die Mehrheit der Deutschen am Durchbruch der „personalisierten Medizin“ mitwirken will. So meinen 71 Prozent der Befragten, sie seien bereit, ihre Krankheitsdaten zur Verfügung zu stellen, wenn sie damit zur Prävention von Krankheiten bzw. zur Entwicklung besserer Therapiemöglichkeiten beitragen. In dieser Deutlichkeit hat uns das Ergebnis ehrlich gesagt überrascht – zumal sich nur sechs Prozent aller Umfrageteilnehmer klar gegen die Freigabe ihrer Daten aussprechen. Das Thema “personalisierte Medizin“ trifft offenbar auf große gesellschaftliche Akzeptanz

Um kurz auszuholen: Was genau ist die „personalisierte Medizin“ – und warum sind die Daten so wichtig?

Burkhart: Bei der „personalisierten Medizin“ handelt es sich um eine völlig neue Form der medizinischen Diagnostik. Die Fortschritte in der Molekularbiologie sorgen verbunden mit der Verfügbarkeit und Auswertbarkeit großer Datenmengen (Stichwort: Big Data)dafür, dass viele Patienten schon in naher Zukunft deutlich zielgerichteter behandelt werden können, als das momentan der Fall ist. Für den endgültigen Durchbruch dieser Therapieformen bedarf es allerdings einer gewaltigen Menge von persönlichen Daten, die die Menschen selber zur Verfügung stellen müssen.

Thomas Solbach: Die medizinische Wissenschaft weiß unglaublich viel über die einzelnen Krankheiten und darüber, mit welchen Medikamenten bzw. Therapien sie zu bekämpfen sind. Allerdings wissen wir nur sehr wenig über das Zusammenspiel der angewandten Behandlungsmethode mit den spezifischen Eigenheiten des einzelnen Kranken. Schließlich ist ein Patient ja nicht wie der andere. Die Unterschiede reichen von der genetischen Disposition über den persönlichen Lifestyle bis hin zum allgemeinen Gesundheits- und Fitnesszustand.

Das heißt, die Therapie, die bei dem einen Patienten anschlägt, läuft beim nächsten ins Leere?

Solbach: In einigen Fällen ist das so, ja. Mittels neuartiger Hochdurchsatzverfahren wird es künftig möglich sein, Patienten eine zielgerichtete Therapie beispielsweise auf Basis ihres genetischen Fingerabdrucks zukommen zu lassen. Dadurch lassen sich möglicherweise nicht nur bessere Behandlungsergebnisse erzielen sondern auch mögliche Nebenwirkungen für den einzelnen Patienten vermeiden. Aber dafür brauchen wir erst einmal die Masse der persönlichen Daten, um mithilfe neuartiger Verfahren zur Datenanalyse ermitteln zu können, bei welcher Krankheit sich welche persönlichen Spezifika wie auf den Erfolg welcher Therapie auswirken.

Sie sagen, wie groß die grundsätzliche Akzeptanz für das Thema in der Bevölkerung bereits sei, habe Sie erstaunt. Welche Umfrageergebnisse fanden Sie sonst noch besonders bemerkenswert?

Burkhart: Was uns zwar nicht überrascht hat, was wir aber bemerkenswert fanden, das ist, wie wichtig den Menschen die Sicherheit ihrer Daten ist. So meinten fast zwei Drittel derer, die grundsätzlich offen für die Freigabe ihrer persönlichen Daten sind, sie hätten zugleich die Sorge, die Informationen könnten in irgendeiner Form missbraucht werden. Diese Sensibilität ist richtig und wichtig. Ansonsten würden wir uns bei diesem Thema auf sehr gefährliches Terrain begeben.

Lässt es sich so zusammenfassen: Die Daten müssen sicher sein – aber wenn sie das sind, dann sind viele Menschen bereit, sogar sehr weitgehende persönliche Angaben zur Verfügung zu stellen?

Solbach: Ja. Zum Beispiel meinten 89 Prozent der grundsätzlichen Befürworter, sie hätten kein Problem damit, ihre persönlichen Vorerkrankungen offenzulegen. Selbst was die Vorerkrankungen in der Familie betrifft, lag die Zustimmung bei 77 Prozent. Was ich besonders bemerkenswert fand: 61 Prozent sind bereit, ihren genetischen Fingerabdruck zur Verfügung zu stellen – etwa auf dem Wege einer Blutprobe. Und: Jeder vierte Befürworter würde sogar Angaben zu seinem Sexualverhalten machen. Eine Offenheit mit der ich nicht gerechnet hätte.

Burkhart: Was man darüber hinaus noch betonen sollte: Zwar wird den Ärzten naturgemäß das größte Vertrauen entgegengebracht. Doch rund 30 bzw. sogar rund 40 Prozent meinten explizit, sie würden ihre Angaben auch forschenden Pharmafirmen bzw. akademischen Forschungseinrichtungen zugänglich machen. Die Hoffnung, die mit dem Stichwort „personalisierte Medizin“ verknüpfen wird, ist offenbar so groß, dass viele Menschen bereit sind, den handelnden Personen bzw. Institutionen einen gewaltigen Vertrauensvorschuss entgegenzubringen.

Trotzdem wird am Ende die Frage gestellt werden: Wer soll das alles bezahlen?

Solbach: Knapp die Hälfte der Befragten wäre bereit, zumindest einen Teil der Kosten für Prävention und Therapie selbst zu tragen, zeigt unsere Umfrage. Viele Menschen sind also willens, für die Aussicht auf bessere Heilmethoden auch tiefer in die Tasche zu greifen. Wobei: Die Frage „Wer soll das alles bezahlen?“ impliziert ja, dass die „personalisierte Medizin“ automatisch teurer sein muss als hergebrachte Therapieformen. Das allerdings ist gar nicht unbedingt gesagt.

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