Die Versorgungsqualität des deutschen Gesundheitssystems ist dramatisch in Gefahr. Mit einer neuen Studie zum Fachkräftemangel zeigen PwC und WifoR nun auf, welche Chancen es gibt, dem drohenden Kollaps entgegenzusteuern. Michael Burkhart, Geschäftsbereichsleiter Gesundheitswesen und Pharma bei PwC und Leiter der Studie, im Interview.

Herr Burkhart, mit „112 – und niemand hilft“, trägt die neue PwC-Studie bereits einen provokanten Namen. Und auch inhaltlich hat diese Untersuchung einen starken appellativen Charakter. Warum diese Deutlichkeit?
Michael Burkhart: Wenn wir heute nicht aktiv werden, wird die Gesundheitswirtschaft mittel- bis langfristig unter einem nie dagewesenen Fachkräftemangel leiden. Die Patientenversorgung in Krankenhäusern, Pflegeheimen und in Arztpraxen in der heute gewohnten Qualität ist erheblich in Gefahr. Das Gesundheits- und pflegewesen beschäftigt sechsmal so viele Menschen wie die Automobilindustrie. Stellen sie sich vor wie die Versorgungsqualität aussehen würde, wenn ein Drittel der heute beschäftigten Fachkräfte fehlen würde. Das können wir uns schlichtweg nicht leisten.
Was muss konkret getan werden?
Burkhart: Zunächst gilt: Die Menschen in der Gesundheitswirtschaft, ganz gleich ob Pflegekräfte oder Ärzte, müssen wieder Spaß an ihrer Arbeit haben, der ist über die Zeit verloren gegangen. Viel zu viele, gut ausgebildete Fachkräfte verlassen den Job frühzeitig, sind ausgebrannt und leiden unter einer starken sowohl physischen als auch psychischen Belastung. Zu viele Fachkräfte arbeiten nicht mehr in ihren erlernten Berufen. Fast 25 Prozent der Ärzte verzichten derzeit nach dem Studium auf eine Facharztausbildung. Anstatt als praktizierender Arzt tätig zu sein, wechseln sie in die Pharmaindustrie. Auch unter den Pflegekräften sind ähnliche Tendenzen zu beobachten. Hierdurch gehen uns bis zu einem Drittel sämtlicher Fachkräfte verloren. Deshalb müssen die Arbeitsbedingungen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie entscheidend verbessert werden.

Was würde passieren, fände keine Kurskorrektur statt?
Burkhart: In unserer Studie haben wir untersucht, wie sich der Fachkräftemangel entwickelt, wenn wir keinerlei Maßnahmen ergreifen um gegenzusteuern. Dabei sind erschreckende Ergebnisse zu Tage getreten. Die stetig sinkende Anzahl an Pflegekräften führt dazu, dass vorhandene Arbeit auf immer weniger Schultern verteilt wird. Die sich erhöhende Arbeitsbelastung würde zu noch mehr Unzufriedenheit führen, mit der Folge, dass sich die Anzahl der Menschen, die sich für einen Berufsweg in der Gesundheitswirtschaft entscheiden, weiter verringert. In unserer Studie zeigen wir, dass durch diesen Effekt im Jahr 2030 über eine halbe Million Pflegekräfte und gut 100.000 Ärzte in unserem Gesundheitssystem fehlen könnten. Allerdings zeigen wir auch, dass durch gezielte Maßnahmen dem Fachkräftemangel entgegen gewirkt werden kann. So könnte die Angebotslücke bei den Pflegekräften auf knapp 170.000 und bei den Ärzten auf gut 51.000 reduziert werden.
Welche Maßnahmen wären hierfür nötig?
Burkhart: Nach unseren Erkenntnissen wird nur die Umsetzung eines ganzen Bündels vielfältiger Maßnahmen zu einer signifikanten Reduzierung des Fachkräftemangels führen. Derart lassen sich auch Kosten einsparen und finanzielle Mittel für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen gewinnen.
Können Sie uns ein Beispiel nennen?
Burkhart: Tätigkeiten müssten stärker anhand der notwendigen Qualifizierung verteilt werden. Eine verbesserte Aufteilung der Aufgaben insgesamt, entlastet die Fachkräfte und würde somit weiteres Potenzial heben. Mit der zunehmenden Etablierung von Fachkräften beispielsweise für die Dokumentation medizinischer Leistungen, sehen wir bereits eine erste Entwicklung in die richtige Richtung.
Grundsätzlich gilt: Jede Maßnahme die einen Beitrag dazu leistet, dass sich Ärzte und Pflegekräfte wieder mehr um Ihre Patienten kümmern können, hat auf die Bekämpfung des Fachkräftemangels einen positiven Einfluss. Dabei geht es nicht nur um Bürokratieabbau, sondern vielmehr um eine effiziente Verteilung der Arbeitsaufgaben. Darüber hinaus sehen wir heute schon, dass die Flexibilisierung der Arbeitszeit und die zunehmenden Vereinbarkeit von Familie und Beruf wie in andren Branchen Früchte tragen. Mit weiteren gezielten Maßnahmen in diese Richtung, würde sich die Quote der in Teilzeit arbeitenden Fachkräfte beachtlich reduzieren.