Auf Basis einer Befragung von 750 Versicherten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) hat PwC untersucht, wie sich Kundenbindung und Wechselverhalten nach zwei Jahren Zusatzbeitrag entwickelt haben und welche Maßnahmen dieses Verhalten beeinflussen können. Ergebnis: Ein Zusatzbeitrag ist durch zusätzliche Services kaum kompensierbar. Eine Reihe von Zusatzservices wird von den Versicherten gleichwohl als wertvoll angesehen. Dr. Nikolaus Schumacherund Ralf Baldeweg erklären im Interview, welche Empfehlungen sich aus den Studienergebnissen in der aktuell starken Finanzsituation für die gesetzlichen Krankenkassen ergeben.

Dr. Nikolaus
Schumacher
Dr. Nikolaus Schumacher: Vergleichsweise gering. Die Bundesregierung möchte den Wettbewerb unter den Krankenkassen zwar stärken, doch durch die Einführung des Gesundheitsfonds 2009 mit einem Einheitsbeitrag und einem gesetzlich vorgeschriebenen Leistungskatalog bleibt den gesetzlichen Krankenkassen wenig Spielraum. Lediglich durch Zusatzleistungen, Bonusprogramme und Wahltarife können sich die Versicherer von ihren Mitbewerbern abheben. Unsere Studie zeigt allerdings, dass diese Services von den Versicherten zwar gerne angenommen werden, aber bislang nicht wettbewerbsentscheidend sind.

Ralf Baldeweg
Ralf Baldeweg: 90 Prozent der Abwanderungen aus den vergangenen zwei Jahren sind auf den Zusatzbeitrag zurückzuführen. Die gesetzlichen Krankenkassen, die einen Zusatzbeitrag erheben, haben bereits zwölf Prozent ihrer Mitglieder verloren. Weitere zwölf Prozent der Befragten gaben in unserer Studie an, dass sie ihre Kasse in den nächsten sechs Monaten sicher oder höchstwahrscheinlich verlassen werden. Gerade die jungen, gut ausgebildeten und gesunden Versicherten – also eine auch in Zeiten des Morbi-RSA immer noch attraktive Zielgruppe für die Krankenkassen – wollen wechseln. Diese Zahlen zeigen eindrucksvoll, dass wir bislang im Wesentlichen einen Preiswettbewerb in der GKV gesehen haben – wer einen Zusatzbeitrag nehmen muss, hat verloren.
Dr. Schumacher: Die GKV haben das Jahr 2011 mit einem deutlichen Überschuss abgeschlossen, und auch 2012 ist ein Überschuss zu erwarten. Entsprechend haben sich die Vorzeichen im Wettbewerb geändert: Aufgrund der aktuellen Überfinanzierung werden praktisch alle Kassen ohne Zusatzbeitrag auskommen. Wir werden einen Wettbewerb über zusätzliche Leistungen sehen. Diese müssen aber flexibel genug sein, um sie bei Bedarf wieder abschaffen zu können. Denn ein Grundsatz bleibt für jede Kasse bestehen: Ein Zusatzbeitrag ist unter allen Umständen zu vermeiden.
Baldeweg: Wir gehen davon aus, dass spätestens 2014 wieder mehr Kassen aufgrund der allgemeinen Kostensteigerungen im Gesundheitswesen einen Zusatzbeiträge erheben werden - vorausgesetzt die rechtlichen Rahmenbedingungen bleiben unverändert. Für 2013 ist vor dem Hintergrund der Bundestagswahl zu erwarten, dass die Politik Zusatzbeiträge in größerem Umfang zu vermeiden sucht.
Dr. Schumacher: Jede Kasse muss 2012 ihre individuelle Strategie entwickeln: Kassen, die über einen zum Teil erheblichen finanziellen Spielraum verfügen, sollten über Zusatzleistungen und Bonusprogramme nachdenken, um Kunden zu binden oder zu halten – unsere Studie gibt Anhaltspunkte, welche Leistungen besonders interessant sind.
Kassen, die einen Zusatzbeitrag benötigen, müssen alle Anstrengungen unternehmen, diesen möglichst noch bis 2013 zu vermeiden. Grundsätzlich gilt: Besser auf zusätzliche Leistungen und Services verzichten, als einen Zusatzbeitrag einführen oder beibehalten. Natürlich ist in dieser Situation auch ein effektives Kostenmanagement wichtig, das betrifft sowohl die Sachkosten als auch das Leistungsmanagement.