Mit ihrer Einführung 2010 haben sich die Zusatzbeiträge zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) entwickelt. Nun hat sich die Lage verändert: 2011 haben die Kassen satte Überschüsse erwirtschaftet und fast alle werden 2012 ohne Zusatzbeiträge auskommen - wenn auch zum Teil mit erheblichen Mühen. Die Abschaffung der Zusatzbeiträge muss oberste Priorität haben, denn durch zusätzliche Leistungen lassen sie sich nicht kompensieren. Wer finanzielle Spielräume hat, sollte flexible zusätzliche Services für sich im Wettbewerb nutzen. Das sind die zentralen Ergebnisse der PwC-Studie "GKV im Wettbewerb: Was ist wirklich relevant?". Für die Studie wurden 750 GKV-Versicherte befragt.
Die Politik hat sich mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen gewünscht. Daher können die Krankenkassen, je nach strategischer Ausrichtung und finanzieller Lage, zusätzliche Leistungen für ihre Versicherten anbieten, ebenso wie Wahltarife, Bonusprogramme oder auch Rabatte bei Kooperationspartnern. Wirtschaftlich starke Kassen bieten diese Services bereits erfolgreich an. Der eigentliche Wettbewerbsfaktor ist bislang aber der Zusatzbeitrag. Mehr als 90 Prozent der Mitgliederverluste hatten in den vergangenen anderthalb Jahren jene Kassen zu verzeichnen, die einen Zusatzbeitrag erhoben haben.
"Die Ergebnisse unserer Umfrage zeigen klar: Zusatzbeiträge waren in den vergangenen zwei Jahren der entscheidende Grund für die Versicherten, die Kasse zu wechseln. Diese Entwicklung lässt sich nicht durch zusätzliche Leistungen oder Services kompensieren", sagt Dr. Nikolaus Schumacher, PwC-Partner im Bereich Gesundheitswesen und Pharma.
Gerade bei jüngeren, gesunden und gebildeten Versicherten, die einen hohen Deckungsbeitrag bei den Krankenkassen erzielen, ist der Zusatzbeitrag häufig der Auslöser für einen Kassenwechsel. Zwölf Prozent aller gesetzlich Versicherten, die einen Zusatzbeitrag zahlen müssen, planen, die Kasse innerhalb der kommenden sechs Monate sicher oder höchstwahrscheinlich zu verlassen – im Vergleich zu zwei Prozent bei Kassen ohne Zusatzbeitrag. Weitere zwölf Prozent haben ihre Kasse bereits gewechselt. Für Krankenkassen ist das eine sehr hohe Fluktuation –die Wechselquote ist mit zwei bis drei Prozent ansonsten ausgesprochen gering. Über 39 Prozent der Befragten gaben an, dass sie ihre Krankenkasse wechseln würden, wenn diese einen Zusatzbeitrag in Höhe von fünf Euro erhebt; bei zehn Euro wären das bereits 59 Prozent.
Die starke Finanzsituation der GKV sorgt 2012 allerdings für geänderte Rahmenbedingungen: "Bislang war der GKV-Wettbewerb vor allem ein Preiswettbewerb: Wer einen Zusatzbeitrag erheben musste, hatte verloren. Die Ergebnisse der Studie belegen dies eindrucksvoll. 2012 stehen die Vorzeichen anders: Aufgrund der Überfinanzierung werden praktisch alle Kassen ohne Zusatzbeitrag auskommen. Wir werden einen Wettbewerb über zusätzliche Leistungen sehen. Diese müssen aber flexibel genug sein, um sie bei Bedarf wieder abschaffen zu können. Denn ein Grundsatz bleibt für jede Kasse bestehen: Ein Zusatzbeitrag ist unter allen Umständen zu vermeiden“, so Schumacher.
Bleiben die rechtlichen Rahmenbedingungen unverändert, werden spätestens 2014 aufgrund der allgemeinen Kostensteigerungen im Gesundheitswesen höchstwahrscheinlich wieder mehr Kassen Zusatzbeiträge erheben müssen.
Wechselabsichten im Vergleich
Doch was können Krankenkassen tun, um ihr Profil zu schärfen? Der Einheitsbeitrag zusammen mit dem gesetzlich vorgeschriebenen Leistungskatalog lässt wenig Differenzierungsmöglichkeiten zu. Krankenkassen, die wirtschaftlich stabil sind, können durch Zusatzleistungen oder Prämienzahlungen Kunden binden und neu gewinnen. Die besten Werte erzielen nach der PwC-Studie die professionelle Zahnreinigung und das Hautkrebs-Screening; weniger attraktiv sind Angebote mit Kooperationspartnern. "Das Jahr 2012 mit der wohl weiterhin starken Finanzsituation in der GKV bietet sich an, damit sich die Kassen optimal für die folgenden Jahre aufstellen", resümiert Dr. Schumacher.
Die Studie mit den vollständigen Ergebnissen können Sie als PDF kostenfrei bestellen.
GKV im Wettbewerb: Was ist wirklich relevant?
PwC Frankfurt
Januar 2012
44 S.
DIN A4, Softcover
22 Abb.
kostenfrei