„Gut ist, was der Patient als gut empfindet?“

Patienten bewerten medizinische Produkte nach anderen Kriterien als Experten. Die große Frage lautet daher: Wie lässt sich die subjektive Perspektive der Betroffenen in eine objektive Qualitätsmessung einbeziehen. Die PwC-Studie „Einfluss von Qualität und Kosten beim Kauf medizinischer Produkte“ liefert hierzu erste wichtige Hinweise, sagt Michael Burkhart, Leiter Healthcare & Pharma bei PwC in Deutschland.  

Herr Burkhart, für Ihre aktuelle Studie haben Sie 1.000 Bundesbürger befragen lassen, von welchen Kriterien sie sich beim Kauf medizinischer Produkte leiten lassen. Was war die Intention dieser Untersuchung?

Michael Burkhart

Michael Burkhart

Michael Burkhart: Lassen Sie mich ein wenig ausholen. Im deutschen Gesundheitswesen war es lange Zeit üblich, dass für jede Leistung bezahlt wurde – ohne dass man die Qualität dieser Leistung wirklich hinterfragt hat. Das ändert sich gerade. Der Ansatz „Pay for Performance“ wird immer wichtiger. Denn dieses Prinzip zielt darauf, eine gute Qualität zu vergüten und damit die Fallzahlen zu reduzieren, weil gut versorgte Menschen länger gesund bleiben. Ungeklärt ist allerdings die Frage, wie wir Qualität im Gesundheitswesen überhaupt messen können. Und zwar so, dass die Kriterien auch für den Patienten nachvollziehbar sind.

Inwiefern hilft eine Umfrage hier weiter?

Burkhart: Wenn wir nach Qualitätsmerkmalen suchen, die sich nicht nur dem Experten, sondern auch dem Verbraucher erschließen sollen, dann liegt es nahe, zunächst einmal zu fragen, welche Kriterien der Verbraucher selber anlegt, wenn er ein Medikament oder ein medizinisches Gerät kauft. Klar ist: Jeder Patient wünscht sich zunächst einmal das hochwertigste Produkt. Doch Patient A hat womöglich eine ganz andere Vorstellung als Patient B, was diese „Hochwertigkeit“ ausmacht und woran er sie erkennt. Und: Ein Experte aus der Gesundheitsbranche legt vermutlich wiederum ganz andere Kriterien an. Diese fehlende Übereinstimmung ist ein Problem. An diesem Punkt gilt es anzusetzen, wenn wir „Pay for Performance“ sinnvoll umsetzen möchten.     

Woran bemessen die Menschen denn die Qualität medizinischer Leistungen? Was ist bei der Umfrage herausgekommen?

Burkhart: Unsere Untersuchung zeigt zum Beispiel, dass nur gut die Hälfte der Patienten beim Kauf von medizinischen Produkten dem Urteil  ihres Arztes „voll und ganz“ vertraut. Stattdessen suchen viele Menschen nach zusätzlichen Entscheidungshilfen. So gaben 32 Prozent an, sich stark an Testberichten und Qualitätstests zu orientieren. Weitere 27 Prozent führten Empfehlungen von Familien und Freunden an.

Das vermeintlich „objektive“ Urteil des Arztes reicht vielen Menschen als alleiniges Qualitätsmerkmal also nicht aus …

Burkhart: Genau. Und ganz ähnlich verhält es sich beim Kauf nicht-verschreibungspflichtiger Produkte in der Apotheke. Bloß 25 Prozent der Befragten sagten, sie würden allein auf Basis der Beratung entscheiden, welches Medikament oder medizinische Gerät sie erwerben. Fast genauso viele Bundesbürger – nämlich 22 Prozent – informieren sich hingegen im Vorfeld, welches Produkte sie kaufen wollen und lasse sich davon in der Apotheke auch nicht mehr abbringen. 46 Prozent der Umfrageteilnehmer meinten, sie informieren sich vorab, lassen sich aber zusätzlich vom Apotheker beraten und treffen daraufhin eine Kaufentscheidung.

Welche Rolle spielt der Preis?

Burkhart: Eine wichtige – allerdings nicht unbedingt so, wie man das vielleicht erwarten würde. Ein Beispiel: 58 Prozent der Patienten sagten, sie würden im Zweifel zu einem Produkt der mittleren Preisklasse greifen, weil sie in diesem Segment das beste Preis-Leistungs-Verhältnis vermuten. Dagegen stimmten nur sieben Prozent der Befragten der Aussage zu, „Ich entscheide mich für das teuerste Produkt, da ein hoher Preis für mich für ein qualitativ hochwertiges Produkt steht“. Zugleich entscheidet sich aber auch lediglich ein Drittel der Patienten für das billigste Medikament oder Gerät. Hier fürchtet die große Mehrheit eben doch, dass ein niedriger Preis mit qualitativen Nachteilen einhergeht.

Die Patienten nehmen also – ob bewusst oder unbewusst – Abwägungen vor?

Burkhart: Ja. Wir haben die Verbraucher zum Beispiel auch gefragt, ob sie eher zum Originalpräparat oder zum Nachahmerprodukt greifen. Hier kam heraus, dass die meisten Menschen durchaus bereit sind, für das Original einen gewissen Preisaufschlag zu akzeptieren. So gaben vier von fünf Befragten an, dem Original so lange die Treue zu halten, wie das Nachahmerprodukt nicht mindestens 25 Prozent billiger ist.

Nehmen wir einmal an, der Apotheker sagt, das Generikum ist genauso gut wie das Original …

Burkhart: … dann kann es trotzdem vorkommen, dass der Patient sich für das etwas teurere Original entscheidet. Bei solchen Abwägungsentscheidungen spielen neben den rationalen natürlich auch emotionale Aspekte eine Rolle. So stimmen fast zwei Drittel der Befragten der Aussage zu: „Ich vertraue bestimmten Originalprodukten, weil ich sie schon seit meiner Kindheit kenne.“ 

Warum soll das Gesundheitssystem solche Aspekte berücksichtigen?

Burkhart: Aus zwei Gründen. Erstens wäre es grundsätzlich fragwürdig, bei der Frage, welche Medikamente gut sind und welche nicht, das „subjektive Gefühl“ des Patienten auszuklammern. Und zweitens legen Studien nahe, dass es im Gesundheitswesen eine hohe Korrelation zwischen objektiver messbarer Leistung und der subjektiven Zufriedenheit der Menschen gibt. Ein Beispiel ist eine aufwendige Untersuchung zu Pflegeheimen in den Niederlanden. Die Einrichtungen, die die höchsten Qualitätsstandards aufwiesen, waren auch die, die von Bewohnern und Angehörigen die besten Noten erhielten - und interessanterweise auch die besten wirtschaftlichen Ergebnisse! 

Gut ist, was der Patient als gut empfindet?

Burkhart: Das ist natürlich eine Überspitzung. Ich würde es anders ausdrücken:  Es scheint objektive Gründe zu geben, auf das subjektive Gefühl des Patienten zu hören. Wenn wir das Prinzip „Pay for Performance“ im Gesundheitswesen durchsetzen wollen, dann müssen wir das Problem der fehlenden objektiven Qualitätsmessung angehen. Und das wiederum wird nicht gelingen, wenn wir die Sichtweise der Betroffenen einfach negieren.