Patienten brauchen einen Lotsen

27 Januar, 2016

Wie die Versorgung von Patienten besser koordiniert werden könnte, damit beschäftigte sich der Gesundheitsclub Rhein-Main bei seinem jüngsten Treffen im November. Der Zirkel, den PwC zusammen mit der Gesundheitswirtschaft Rhein-Main (gwrm) initiierte, trifft sich mehrmals im Jahr, um aktuelle Themen aus dem Gesundheitsbereich zu diskutieren. Als Referent war diesmal Frank Lucaßen, Geschäftsführer der Fresenius Kabi Deutschland GmbH, zu Gast. Seine Überzeugung: Patienten brauchen ein Lotsen.

Im Gespräch mit Michael Burkhart, Partner von PwC und Leiter des Bereichs Healthcare & Pharma, und Frank Lucaßen, Geschäftsführer der Fresenius Kabi Deutschland GmbH

Herr Burkhart, vor einem Jahr wurde der Gesundheitsclub ins Leben gerufen. Was ist die Idee?

Michael Burkhart: Wir wollen mit dem Gesundheitsclub eine Plattform bieten, um aktuelle Themen differenziert zu diskutieren. Deswegen ist uns wichtig, gezielt Vertreter aus allen Bereichen der Gesundheitswirtschaft einzuladen. Die Runde ist auf 30 Teilnehmer beschränkt, um einen intensiven Austausch unter Experten zu ermöglichen.

Im November ging es um die bessere Koordination bei der Versorgung von Patienten. Wieso greifen Sie gerade dieses Thema auf?

Burkhart: Das Thema spielt aktuell in verschiedenen Zusammenhängen eine Rolle: Zum einen geht es um die Versorgung einer größer werdenden Zahl älterer Menschen, die trotz gesundheitlicher Belastungen zu Hause leben möchten. Gerade bei diesen Patienten mit mehrfachen und oft chronischen Erkrankungen ist zu beobachten, dass die einzelnen Rädchen des Gesundheitswesens nicht optimal ineinandergreifen. Ein weiterer Zugang zu diesem Thema ist die Digitalisierung: Sie bietet neue Möglichkeiten, den Austausch zwischen den Akteuren im Gesundheitswesen zu erleichtern und so die Zusammenarbeit zu verbessern.

Wo gibt es Schwachstellen bei der Versorgung von Patienten?

Frank Lucaßen: Je kranker ein Mensch wird, desto eher benötigt er als Patient eine Führung durch das Gesundheitssystem mit seinen vielen Ansprechpartnern und verschiedenen Zuständigkeiten. Denn die einzelnen Bereiche arbeiten häufig isoliert voneinander und ohne sich miteinander abzustimmen: Da ist das Krankenhaus, der Hausarzt, das Sanitätshaus, die Physiotherapie. Oft wissen Patienten beim Verlassen des Krankenhauses nicht, an wen sie sich als nächstes am besten wenden. Und der Hausarzt bekommt den Entlassungsbrief mit den für ihn wichtigen Informationen erst Wochen später. Patienten fühlen sich verloren – und das ausgerechnet in Phasen, in denen sie gesundheitlich sowieso belastet genug sind.

Wie stellen Sie sich eine gut koordinierte Versorgung vor?

Lucaßen: Jedem Patienten sollte ein Berater an zentraler Stelle zur Seite gestellt werden, der ihn durch das Gesundheitssystem lotst, Kontakte herstellt, für den Austausch der nötigen Unterlagen sorgt und so Irrwege und Mehrfachbehandlungen vermeidet. Das würde Patienten entlasten wie auch insgesamt für mehr Effizienz sorgen.

Wer könnte so eine Lotsenfunktion übernehmen?

Lucaßen: Grundsätzlich könnten das natürlich die Krankenkassen tun. Doch bisher nehmen sie solche Aufgaben kaum wahr. Als Lotsen könnten aber auch private Unternehmen fungieren, die in einer Region über ein Netzwerk an Ärzten, Kliniken, Apotheken und Pflegediensten verfügen und so eine lückenlose und passgenaue Versorgung jedes einzelnen Patienten gewährleisten könnten. Fresenius Kabi arbeitet als Dienstleister in der außerklinischen Versorgung derzeit an der Einführung von 12 Gesundheitsregionen für die eigene Arbeit. Das wäre eine gute Grundlage. Allerdings ist für solche Berateraufgaben auch eine IT-Struktur nötig, die Daten und Unterlagen der Patienten zentral bereitstellt – unter Einhaltung aller datenschutzrechtlichen Vorgaben. Nicht nur Apple und Google arbeiten mit Hochdruck an solchen Lösungen.

Wie empfanden Sie als Referent die Diskussion im Gesundheitsclub?

Lucaßen: Besonders aufschlussreich fand ich es, kontroverse Punkte zu diskutieren – gerade weil im Gesundheitsclub so verschiedene Akteure des Gesundheitswesens zusammenkommen. Eine spannende Frage war da zum Beispiel, wie weit der Gesundheitsauftrag der Gesellschaft reichen sollte und in welchem Maß es legitim ist, mit Gesundheit Geld zu verdienen. Da war es interessant zu hören, wie Vertreter von Krankenkassen und von privaten Anbietern argumentieren.

Vor und nach der Diskussion wird per Blitzumfrage ja immer ein Meinungsbild erhoben.

Burkhart: Das war auch diesmal so. Es zeigte sich, dass die Offenheit gegenüber privaten Gesundheitsanbietern im Verlauf des Abends zugenommen hat: Nannten zu Beginn nur 26 Prozent „übergreifende Gesundheitsanbieter“ als Möglichkeit, um dort Beraterstellen anzusiedeln, waren es am Ende etwa 68 Prozent. Herr Lucaßen konnte offensichtlich viele von seiner Idee überzeugen.

Was soll und kann der Gesundheitsclub noch bewirken?

Burkhart: Wir wollen zentrale Fragen aufgreifen und damit Entwicklungen vorantreiben. Das passiert, indem die Teilnehmer die Ergebnisse der Diskussion als Multiplikatoren in ihre Organisation hineintragen. Gleichzeitig nutzen wir auch unsere eigenen Möglichkeiten, solche Themen auch nach außen zu transportieren – zum Beispiel, indem wir die wesentlichen Ergebnisse der Diskussion auf der Website von PwC veröffentlichen.

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Michael Burkhart
Leiter Gesundheitswesen & Pharma
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