„Pflege - Sorge und Hilfsbereitschaft in den Familien sind gleichermaßen groß“

Rund 2,8 Millionen Deutsche sind pflegebedürftig – Tendenz steigend. Die PwC-Umfrage „Zukunft der Pflege“ zeigt nun: Würde es die eigene Familie treffen, wären gut drei Viertel der Bundesbürger bereit, den Partner oder einen nahen Angehörigen bei sich aufzunehmen und zu pflegen. Trotzdem erwarten gerade einmal 16 Prozent dasselbe von ihren Verwandten, sollten sie selbst zum Pflegefall werden. Lesen Sie mehr zu den Ergebnissen der Umfrage im Interview mit Michael Burkhart, Partner bei PwC und Leiter des Bereichs Healthcare und Pharma in Deutschland.

Herr Burkhart, wie bewerten Sie der Ergebnisse der Umfrage?

Michael Burkhart: „Es ist eindrucksvoll zu sehen, wie viele Bundesbürger trotz der damit verbundenen Belastungen bereit sind, die eigenen Angehörigen zu pflegen. Das zeugt von einer enormen Hilfsbereitschaft und einem großen familiären Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Genauso greifbar ist andererseits aber die Furcht vieler Menschen, der Familie zur Last zu fallen“

Wenn drei Viertel der Deutschen ihre Angehörigen zu Hause pflegen würden, die wenigsten aber dasselbe von ihrer Familie erwarten, falls sie selbst einmal zum Pflegefall werden – ist das in dieser großen Diskrepanz kein Widerspruch?

Michael Burkhart

Burkhart: „Nein, das ist es aus meiner Sicht nicht. Mit der Pflege sind unweigerlich große Strapazen verbunden – wenn jemand sagt, er möchte das seinem Partner oder seinen Kindern nicht zumuten, ist das eine sehr menschliche Reaktion. Die Ängste, die die Leute bei dem Thema umtreiben, werden in unserer Umfrage ja sehr konkret genannt: 53 Prozent der Befragten äußerten die Sorge, emotional überfor-dert zu werden; fast genauso viele antworteten, dass sie die Pflege körperlich überlasten könnte. Und 55 Prozent gaben für die Aufnahme eines pflegebedürftigen Angehörigen eigentlich zu wenig Platz zu haben.“

Was folgt daraus?

Burkhart: „Meiner Meinung nach lässt sich aus den Ergebnissen der Umfrage ein klarer Handlungsauftrag an den Staat ableiten: Viele Menschen sind sehr wohl bereit, die Pflege ihrer Angehörigen in die eigenen Hände zu nehmen. Sie erwarten aber – und zwar mit gutem Grund – , dass die öffentliche Hand sie dabei soweit wie nur irgend möglich unterstützt. Das zeigt sich auch darin, dass zwei von drei Befrag-ten bei dem Thema zunächst einmal den Staat in der Pflicht sehen und erst dann die Familie.“

Was erwarten die Menschen vom Staat beim Thema Pflege konkret?

Burkhart: „Mehrere PwC-Studien in der Vergangenheit haben gezeigt, dass die öffentliche Hand auf die Alterung der Gesellschaft und die damit verbundenen Herausforderungen nur unzureichend vorbereitet ist; so fehlen hierzulande beispielsweise zehntausende Pflegekräfte. Mit anderen Worten: Der Staat ist geradezu darauf angewiesen, dass möglichst viele alte Menschen innerhalb ihrer Familien gepflegt wer-den. Andersherum ist es dann aber auch mehr als legitim, wenn die Familien, die diese Belastung auf sich nehmen, Hilfe erwarten. Wie die aussehen kann, liegt auf der Hand: 47 Prozent der Befragten fürchten, mit der Pflege in den heimischen vier Wänden finanziell überfordert zu werden. Das ist ein ganz konkreter Punkt, an dem der Staat – etwa durch höhere Zuschüsse – ansetzen muss.“

Also beschäftigen die Bürger auch finanzielle Anreize. Wie zeigt sich dies bei dem Model der Pflege im Ausland?

Burkhart: „Das erkennt man daran, dass finanzielle Fragen auch bei der Auswahl einer möglichen Pflegeeinrich-tung eine wichtige Rolle spielen. So könnte sich fast jeder zweite Deutsche prinzipiell vorstellen, einen nahen Angehörigen im Ausland pflegen zu lassen wenn sich dadurch 1000 Euro im Monat einsparen ließen. Jedoch knüpfen die meisten Befragten die Pflege im Ausland an Bedingungen – etwa dass die Entfernung regelmäßige Besuche möglich macht oder es deutschsprachiges Personal und einen ver-gleichbaren medizinischen Standard gibt. Unter den Befragten, für die eine ausländische Pflegeein-richtung grundsätzlich eine Option ist, sagten jeweils 34 Prozent, für sie kämen am ehesten Spanien oder Polen infrage. Dahinter folgen mit einigem Abstand Portugal und Griechenland. Die Pflege eines Angehörigen außerhalb Europas ist für kaum einen Deutschen eine ernsthafte Option.“