Wie künstliche Intelligenz das Gesundheitssystem revolutioniert

25 Juli, 2017

Der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) in der Medizin könnte helfen, schwere Krankheiten früher zu erkennen, Millionen von Menschen besser zu therapieren – und allein in Europa die prognostizierten Gesundheits- und Folgekosten binnen zehn Jahren um eine dreistellige Milliardensumme zu senken.

Zu diesem Ergebnis kommt eine PwC-Studie. „Der Weg dorthin ist schwierig. Denn künstliche Intelligenz funktioniert nur auf Basis riesiger Datenbestände – und die müssen zunächst konsequent aufgebaut werden“, sagt Michael Burkhart, Partner und Leiter des Bereichs Gesundheitswesen & Pharma bei PwC. „Dennoch ist der potenzielle Nutzen von künstlicher Intelligenz so gewaltig, dass es sich ohne Zweifel lohnen wird, diesen Weg zu gehen.“

Die PwC-Studie konzentriert sich auf drei besonders verbreitete Krankheitsbilder: Fettleibigkeit bei Kindern, Demenz und Brustkrebs. Beim Thema Übergewicht zeigen erste klinische Studien, dass sich mithilfe künstlicher Intelligenz womöglich schon aus den Gesundheitsdaten von Zweijährigen ablesen lässt, welche Kinder einem besonders hohen Risiko ausgesetzt sind, später an Fettleibigkeit zu leiden. Diese Erkenntnisse könnten es Ärzten und Eltern ermöglichen, das Problem sehr viel früher anzugehen als das heute der Fall ist.

Ähnliche Fortschritte wie bei der Diagnostik von Übergewicht könnten sich der Studie zufolge bei Demenzerkrankungen ergeben. Bislang werden die meisten Fälle frühestens diagnostiziert, wenn Menschen bei sich selber entsprechende kognitive Veränderungen feststellen (oder wenn ihr Umfeld das tut). Dank künstlicher Intelligenz dürften deutlich frühere Diagnosen möglich werden – und zwar häufig schon auf Basis regulärer Vorsorgeuntersuchungen. Eine klinische Studie aus den Niederlanden kommt zudem zu Schluss, dass sich Künstliche-Intelligenz-Verfahren mit herkömmlichen Diagnosemethoden wie der Magnetresonanztomografie kombinieren lassen. Auf diese Weise wurden Alzheimer-Erkrankungen in einem sehr frühen Stadium mit einer Genauigkeit von 82 bis 90 Prozent festgestellt.

Die PwC-Studie zeigt gleichwohl, dass künstliche Intelligenz kein Allheilmittel ist – auch weil bei vielen Krankheiten die Fortschritte in der Therapie fürs erste hinter den Verbesserungen bei der Diagnose zurückbleiben dürften. Zudem sind die prognostizierten Einsparungen zunächst einmal an beträchtliche Investitionen geknüpft, etwa für den Aufbau der notwendigen Datenbanken. „Darüber hinaus wird auch der Gesetzgeber gefordert sein. Denn der Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Medizin verlangt nach starken Eingriffen in die Regulatorik – etwa was Datenschutzbestimmungen angeht“, sagt Burkhart. Und, ein nicht zu unterschätzender Punkt: „Selbst wenn alle technischen, finanziellen und rechtlichen Hürden genommen werden, bleibt noch die psychologische Komponente. Künstliche Intelligenz wird teilweise zu völlig neuen Therapieverfahren führen – die Frage ist, ob die Menschen bereit sind, sich darauf einzulassen.“

Doch trotz dieser Bedenken ist PwC-Experte Burkhart überzeugt, dass die Zukunft der Medizin in der künstlichen Intelligenz liegt: „In den vergangenen Jahrzehnten haben Gesundheitspolitiker immer nur ein eindimensionales Ziel ernsthaft verfolgt. Entweder sollte die medizinische Versorgungsqualität für den Einzelnen besser werden – oder für die Allgemeinheit kostengünstiger. Die künstliche Intelligenz löst diesen Konflikt, indem sie die verschiedenen Ziele zusammenbringt. Neben der Versorgungsqualität, dem Zugang zu Gesundheitsleistungen und der Kosteneffizienz betrifft das als vierte Dimension selbstverständlich auch den persönliche Nutzen des Patienten.“

Weitere Ergebnisse der Studie im Überblick:

  • Passgenauere Therapien bei Brustkrebs: Beim Thema Brustkrebs ist besonders bemerkenswert, dass bisherige Forschungen nicht nur bei der Diagnose, sondern auch bei der Therapie auf enorme Fortschritte hindeuten. So war künstliche Intelligenz bei einer Pilotstudie in der Lage, mit mehr als 70-prozentiger Genauigkeit vorherzusagen, wie eine Patientin auf zwei herkömmliche Chemotherapie-Verfahren reagieren würde.

  • Die Einsparpotenziale im Detail: Angesichts der enormen Verbreitung von Brustkrebs geht die PwC-Untersuchung davon aus, dass der Einsatz von künstlicher Intelligenz immense Kostensenkungen für das Gesundheitssystem brächte. So könnten über die nächsten zehn Jahre kumuliert schätzungsweise 74 Milliarden Euro eingespart werden. Beim Thema Fettleibigkeit beziffert PwC das Einsparpotenzial sogar grob auf 90 Milliarden Euro, bei der Demenz sind es etwas acht Milliarden.

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Michael Burkhart
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