Indien ist ein Subkontinent der Superlative. Mehr als 50 Prozent der 1,23 Milliarde Einwohner des Landes sind jünger als 25 Jahre. Circa 300.000 Menschen zählen zu der prosperierenden Mittelschicht, die dank eines wachsenden Pro-Kopf-Einkommens zunehmend konsumfreudiger wird. Allerdings könnte die stark steigende Inflation in Indien die Shoppinglaune der Mittelschicht in der nächsten Zeit etwas dämpfen. Doch in den nächsten Jahren werden insbesondere Luxusgüter sich steigender Nachfrage erfreuen, wächst doch die Zahl der Einkommensmillionäre stetig an.
Neben der Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs hat auch der indische Markt für Luxusgüter das Interesse ausländischer Handels- und Konsumgüterunternehmen geweckt. Bis ins 21. Jahrhundert hatten Anbieter von Luxusgütern in Indien einen schweren Stand. Doch seitdem sich die Mittelklasse eines wachsenden Wohlstands erfreut, treffen auch Luxusartikel zunehmend auf das Interesse der Bevölkerung. Die Handels- und Konsumgüterexperten von PwC schätzen den Markt für Luxuswaren auf rund 2,9 Milliarden US-Dollar. Die Ursache für das kräftige Wachstum sehen die Experten in den steigenden Gehältern der höheren Einkommensklassen. Mehr als 126.000 Inder verfügen bereits über ein jährliches Pro-Kopf-Einkommen von mehr als 1 Millionen US-Dollar.
In den vergangenen Jahren haben sich einige große Namen der Luxusbranche in Indien niedergelassen, um in den Millionenstädten die neue Mittelschicht, also die geschätzten 300.000 Haushalte mit einem Jahreseinkommen von über fünf Millionen indischer Rupien (umgerechnet circa 83.000 EUR, Stand: 2010), für sich zu gewinnen. Denn Indiens Konsumenten wandeln sich: waren sie bis zur Jahrtausendwende eher Spar- denn konsumorientiert, macht sich seit der kräftigen Aufwärtsentwicklung in der Wirtschaft und hier insbesondere bei den IT- und Software-Konzernen ein Umdenken breit. Die indische Mittelschicht im Alter zwischen 24 und 35 Jahren ist sowohl ausgesprochen qualitäts- als auch preisbewusst und lebt überwiegend in den großen Metropolen des Landes wie New Delhi, Mumbai oder Bangalore. Traditionell achten indische Konsumenten sehr stark auf das Preis-Leistungs-Verhältnis und investieren gerne in langlebige Konsumwerte wie Autos, Uhren, Schmuck oder Möbel. Galt es bisher noch als Unsitte, sich zu luxuriösen Dingen zu bekennen, hat inzwischen ein Sinneswandel eingesetzt, der es erlaubt "sich etwas zu gönnen".
Eine von ausländischen Firmen häufig nur schwer einzuschätzende Größe ist die logistische Erreichbarkeit des einzelnen Kunden in einem großen Flächenstaat mit eingeschränkter Infrastruktur. Bisher sind die meisten Anbieter von Luxusartikeln vor allem in den Millionenmetropolen Mumbai, New Delhi oder auch Bangalore vertreten, wo die Mieten sowohl für Wohnungen als auch für Ladenlokale explosionsartig in die Höhe schießen und das Angebot an verfügbarer Fläche sehr knapp ist. Wohlstand entwickelt sich in Indien aber vor allem in den kleineren Millionenstädten wie Hyderabad oder Pune – sie könnten für den Luxusmarkt erheblich an Bedeutung gewinnen. Um ihre potenziellen Kunden zu erreichen, sollten sich Handels- und Konsumgüterunternehmen also darüber Gedanken machen, wie sie ihre Waren sowohl räumlich als auch psychologisch näher an den Kunden heranbringen. Film und Fernsehen transportieren in Indien traditionell sehr erfolgreich Werbebotschaften – allein in der Metropole Mumbai sind über 100 Fernsehkanäle aktiv. Auch das Internet wird als Informationsquelle immer häufiger genutzt. Es könnte zudem in Zukunft eine wichtige Rolle als Vertriebskanal spielen, kann mit seiner Hilfe doch mit relativ wenig Aufwand und geringen Kosten Ware auf dem ganzen Subkontinent verkauft werden. Verschiedene indische Onlineshops berichten von guten Erfolgen gerade in den kleineren Millionenstädten – und blicken entsprechend optimistisch in die Zukunft.
Für Handelsunternehmen, die mehr als eine Marke vertreiben, könnte eine Gesetzesänderung in Kürze zur weiteren Öffnung des indischen Marktes führen. Ende Juli stimmte ein Ausschuss der indischen Regierung einem Gesetzesentwurf zu, der besagt, dass ausländische Gesellschaften wie die deutsche Metro, die britische Tesco oder die französische Carrefour Partnerschaften mit indischen Einzelhändlern eingehen dürfen, bei denen sie bis zu 51 Prozent Anteil an solchen Zusammenschlüssen haben. Für ausländische Händler, die viele Marken vertreten, ist das ein bedeutender Schritt hin zu Liberalisierung des indischen Einzelhandels. Bisher hatten sich die indischen Regierungen geweigert, den so genannten "multi-brand-retailing" den Markt zu öffnen, um die circa 15 Millionen traditionellen inhabergeführten Einzelhandelsgeschäfte, die so genannten Kiranas, zu schützen. Über die wird zurzeit noch circa 95 Prozent des indischen Einzelhandelsvolumens abgewickelt. Da im vergangenen Jahr nach Angaben des Nachrichtenportals internationalsupermarkets.com die ausländischen Direktinvestitionen im Einzelhandelssektor jedoch um 35 Prozent gesunken sind, wagt die indische Regierung jetzt eine Kehrtwende in ihrer Handelspolitik. Der Ministerentwurf bedarf jedoch der Genehmigung durch das Kabinett, hier dürften sich Befürworter und Gegner des Entwurfs noch zu Wort melden. Das letzte Wort in Sachen Gesetzesänderung hat der Souverän also noch nicht gesprochen.