Nur wenige Länder wurden von der Finanz- und Wirtschaftskrise so stark getroffen wie Russland. Der drastische Rückgang des Öl- und damit auch des Gaspreises stoppte den stetigen Geldfluss in Russlands Kassen. Die Folge war ein Einbruch der Wirtschaftsleistung im Jahr 2009 um acht Prozent; ausländische Investoren verließen das Land. Doch es gibt auch gute Nachrichten: Die Miet- und Investitionskosten für Handelsobjekte fallen, was bisher überwiegend inländische Händler nutzen.
Noch muss der Einzelhandel in Russland an vielen Fronten gleichzeitig kämpfen. Denn die Kauffreude der Konsumenten ist im Gleichschritt mit der um sich greifenden Weltwirtschaftskrise gefallen. Hohe Arbeitslosigkeit und steigende Preise taten ein Übriges, um die Konsumlaune zu dämpfen. Allerdings hat Russland - im Gegensatz zu vielen westlichen Staaten - keine Staatsschulden zu bedienen und aktuell scheint die Inflationsproblematik gebannt. Es sieht sogar so aus, also ob die russische Notenbank in den kommenden Monaten die Zinsen senken wird.
Diese Aussichten lassen auch die ausländischen Investoren wieder Interesse an Russland finden. Viele Ausländer, die im Jahr 2009 der rohstofflastigen russischen Börse den Rücken gekehrt haben, kommen seit Jahresbeginn 2010 zum wichtigsten russischen Handelsplatz Moskau zurück. So zeigt eine aktuelle Umfrage unter den Fondsmanagern der Bank of America/Merrill Lynch, dass Russland unter den Investitionszielen in Schwellenländern eindeutig die Nase vorn hat. Waren im Februar 2010 nur fünfzig Prozent der befragten Manager an russischen Aktien interessiert, so favorisieren nur einen Monat später bereits 70 Prozent der Geldexperten die russischen Anteilspapiere.
Eine positive Entwicklung sieht auch der Dienstleister für die Analyse von Finanzströmen von Investmentfonds namens EPRF global. So haben Fonds, die sich auf Russland und die GUS-Staaten spezialisiert haben, in der zweiten Märzwoche 411 Millionen US-Dollar binden können. Im gleichen Zeitraum wurden in China nur 90 Millionen, in Indien sogar nur 67 Millionen und in Brasilien nur 47 Millionen US-Dollar investiert. Damit zieht Russland von den so genannten BRIC-Staaten, also Brasilien, Russland, Indien und China, aktuell die meisten Investoren an.
Große Handelskonzerne investieren im laufenden Jahr dagegen noch mit angezogener Handbremse. Wie häufig bei Wirtschaftskrisen war auch in Russland im vergangenen Jahr ein Discounter der stille Sieger: Die Kette Magnit konnte Marktanteile für sich gewinnen und profitiert von der zunehmenden Verbreitung von Konsumentenkrediten in Russland. Zudem hat sich der russische Staat auf die Fahne geschrieben, künftig seine Importabhängigkeit von Fleischeinfuhren zu verringern. Davon könnten die großen Fleischverarbeiter wie die Gruppa Cherkizovo profitieren.
Während die russischen Handels- und Konsumgüterunternehmen sich klar positionieren, sind die ausländischen Investoren noch vorsichtiger. Einerseits hat beispielsweise der US-Konzern Wal-Markt eine Tochterfirma in Moskau gegründet und ist nach Angaben von Germany Trade & Invest auch Mitglied im russischen Handelsverband AKORT (Assoziazija kompanij rosnitschnoi torgowli) geworden. Andererseits eröffnete der französische Einzelhandelskonzern Carrefour erst Ende Juni 2009 in Moskau sein erstes SB-Warenhaus, dessen Aus er bereits wenige Monate später verkündete. Weitere Expansionspläne haben die Franzosen bis auf Weiteres ebenfalls gestoppt.
Dabei spricht eine Reihe von Fakten für einen Einstieg in den russischen Markt. Aktuell fallen die Mieten für Handelsflächen und auch die Baukosten sinken, da immer weniger Investoren bereit sind, in Immobilien zu investieren. So sind die Investitionskosten für Handelsbauten wie Hypermärkte seit Ausbruch der Wirtschaftskrise in Russland von 1.000 US-Dollar pro Quadratmeter auf 600 US-Dollar zurückgegangen. Geeignete Grundstücke kosten aktuell zwischen 50 bis 100 US-Dollar, noch vor einem Jahr mussten Investoren 300 bis 500 US-Dollar pro Quadratmeter zahlen. Bei den Mieten können Händler heute Abschläge von 20 bis 30 Prozent verlangen - und erhalten sie auch, denn die Objektbetreiber sind an zuverlässigen und langfristigen Mietern interessiert.