"Grün" wird auch zum Differenzierungsfaktor in der chemischen Industrie. Das gilt sowohl für die verfahrenstechnische Produktionsseite als auch für die Produktpalette. Viele Jahre wurde die Branche von Umweltorganisationen lediglich als Verursacher von Umweltverschmutzung gesehen. Das hat das Image der Branche geprägt. Seit einigen Jahren lässt sich jedoch eine Änderung in der Einstellung zur Chemie beobachten. Grund ist das zunehmende Bekenntnis zum nachhaltigen Umgang mit Rohstoffen, zur nachhaltigen Produktentwicklung und schließlich zu einer nachhaltigeren Geschäftsentwicklung.
Auch ohne direkten Kontakt zu Konsumenten trägt die Chemiebranche bereits seit langem zu einem "grüneren" Lebensstil bei: Dämmsysteme für Gebäude oder Kunststoffe, die im Vergleich zu anderen Materialien leichter sind, sind Beispiele dafür. Andererseits hat die Chemieindustrie vermutlich mehr als jede andere Industrie Erfahrung mit - berechtigten oder unberechtigten - Protesten, beispielsweise gegen Umweltverschmutzungen oder auch die Emission von Treibhausgasen.
Eine bekannte Richtlinie hin zu einer "grünen" Chemie hat die U.S. Environmental Protection Agency (EPA) in ihren zwölf Prinzipien der "grünen" Chemie entworfen. Deren Umsetzung stellt sicherlich eine große Herausforderung dar. Die chemische Industrie befindet sich ohnehin seit Jahren in einem häufig durch Regulierungen initiierten Prozess aus Produktinnovationen und Abfallvermeidungen.
Abfall bietet aber auch insofern einen möglichen ökonomischen Ansatzpunkt, als die Entstehung von Abfall meist einen Anreiz für Kostenreduzierung darstellt. Kosten lassen sich dabei auf zwei verschiedene Arten vermeiden: Zum einen lassen sich Kosten durch einen effizienteren Herstellungsprozess senken, zum anderen aber auch - ab initio - durch die Vermeidung der zu entsorgenden Abfälle.
Es gibt verschiedene Motivationen, sich der Herausforderung einer "grüneren" Chemie zu stellen. Zunächst gibt es die Möglichkeit für "Early-Mover Advantages". Innovative Produkte bieten die Chance, sich gegenüber Wettbewerbern einen strategischen Vorteil zu verschaffen. Weiterhin erhöhen "grüne" Produkte mitunter die Loyalität sowohl von Kunden als auch von Investoren. Durch die Portfolio-Umstellung auf umweltfreundlichere Produkte werden Risiken wie teure Zulassungsverfahren (REACH), der Bann von umweltgefährlichen Produkten und damit mithin verbundene Reputationsbeeinträchtigungen vermieden. Eine weitere Motivation stellt die mit Produktinnovationen häufig verbundene höhere Markteintrittsbarriere für Wettbewerber dar.
Die erste, wenn auch mittlerweile vielfach als selbstverständlich angesehene Maßnahme ist die Minimierung von Schadstoff-Emissionen aus der Produktion. Nicht mehr die bloße Einhaltung von Grenzwerten, sondern nur die freiwillige Minderung von Emissionen über die Einhaltung der gesetzlichen Grenzwerte hinaus wird in der Öffentlichkeit als pro-aktiv wahrgenommen. Als zweite Maßnahme kann die derzeit viel zitierte Reduktion von Treibhausgasen angesehen werden. Auch hier wird erwartet, dass die Maßnahmen über die kostenneutralen - durch Energieeinsparung kompensierten - Änderungen hinausgehen.
Die umfassendste Möglichkeit aber ist eine Änderung des gesamten Geschäftsmodells und damit auch des Produkt- und Technologieportfolios. Zu diesem Ansatz können eine Reihe von Maßnahmen gehören, beispielsweise der Verzicht auf umweltgefährdende Rohstoffe in der Produktion, die Streichung bedenklicher Produkte aus dem Sortiment (dies wird zusätzlich forciert durch die EU-Chemikalienverordnung REACH), die Entwicklung von klimaneutralen Produkten oder die Umweltorientierung im eigenen Hause.
Ein erster Schritt ist die Sammlung von relevanten Daten. Zu berücksichtigen sind dabei sowohl interne als auch externe Faktoren. Die dabei erhaltenen Informationen bilden die Grundlage für eine SWOT- und eine Portfolioanalyse unter Betrachtung der umweltrelevanten Themen. Die Resultate können für die Entwicklung einer Strategie und daraus abgeleiteten Einzelmaßnahmen verwendet werden. Die Maßnahmen aus dieser Umweltstrategie sollten als Komponenten in die integrierte Businessplanung einfließen. Dabei lassen sich die strategischen Alternativen modellieren.
Mit einem anschließend erstellten Chancen-/Risikoprofil sind die Wirkungen einzelner umweltrelevanter Maßnahmen übersichtlich darstellbar. Insbesondere vor einer internen Vermittlung einer Umweltstrategie sowie vor einer an die Stakeholder gerichteten Botschaft sorgt eine derartig aufbereitete Entscheidungsgrundlage für das erforderliche Maß an Transparenz.
Ein wichtiges Medium der Kommunikation mit dem Kapitalmarkt ist der Nachhaltigkeitsbericht des Unternehmens. Die korrekte Erstellung dieses Berichts ist von hoher Bedeutung für die Glaubwürdigkeit der Firmenkommunikation. Der Bericht muss den drei Kriterien Vollständigkeit, Angemessenheit und Richtigkeit sowie den Anforderungen Klarheit, Eindeutigkeit und Verständlichkeit entsprechen.
Um "grünere" Produkte zu entwickeln und am Markt auch zu etablieren, oder um an der Generierung von Umweltstandards mitzuwirken, spielt die Entwicklung von Kooperationsnetzwerken zwischen Unternehmen und (Umwelt-)Verbänden eine immer wichtigere Rolle. Bis die chemische Industrie wirklich "grün" ist, ist also noch eine Vielzahl von Einzelschritten notwendig. Dabei werden sich pro-aktiven und auf den Makrotrend strategisch gut vorbereiteten Unternehmen die größten Chancen bieten.