Grün bauen in China

Die Städte in China wachsen rasant. Entsprechend groß ist der Bedarf an energiesparenden und nachhaltig errichteten Gebäuden. Seit 2005 hat sich der Markt für "Green Building" Jahr für Jahr mehr als verdoppelt. Dr. Martin Nicklis, Leiter des Bereichs Engineering and Construction bei PwC, erklärt im Interview, welche Chancen und Hürden sich für deutsche Unternehmen ergeben.


Dr. Martin Nicklis

Wie entwickelt sich der Markt für Green Building in China momentan?

Dr. Martin Nicklis: China hat einen hohen Bedarf an grünen Bauten. Das Wachstum der Städte schreitet sehr schnell voran: Im Jahr 2030 werden mehr als eine Milliarde Menschen in Städten leben. 220 chinesische Städte werden dann über eine Million Einwohner haben. Diese Menschen brauchen Wohnraum: China baut jährlich zwei Milliarden Quadratmeter neu. Damit deckt China die Hälfte des weltweiten Baumarkts ab. Allerdings haben die Bauten oft nur eine kurze Lebensdauer und einen hohen Energiebedarf. Die chinesische Staatsführung sieht, dass die Rohstoffe knapp werden und die Umweltbelastung in den Städten zunimmt. Sie hat daher ökologisches Bauen zu einem Ziel ihres 12. Fünf-Jahres-Plans erklärt. Hier wird es in den kommenden Jahren schnelles Wachstum geben.

Welche Chancen sehen Sie für deutsche Unternehmen?

Nicklis: Die Stärke der deutschen Unternehmen liegt im Bau komplexer Gebäude. Sie können viele Dienstleistungen rund um den Lebenszyklus einer Immobilie anbieten – von der Planung über den eigentlichen Bau bis zum Betrieb und zur Revitalisierung oder zum Abriss. Genau diese Kompetenz ist im Green Building gefragt. Hinzu kommt: In Deutschland wird seit langem grün gebaut, daher bringen die Unternehmen spezifische Expertise mit. Für einfache Hochhäuser dagegen brauchen uns die Chinesen nicht.

Wo liegen die Hürden für den Gang nach China?

Nicklis: Der Markt entwickelt sich gerade erst, bislang war das Bauen in China vor allem auf Wachstum und schnellen Profit ausgerichtet. Daher sind deutsche Unternehmen bisher kaum in China vertreten. Sie kennen die Marktbedingungen, die Bürokratie und die Mentalität der Chinesen noch nicht. Unternehmen müssen sich also darauf einstellen, dass sie Zeit benötigen, um in China Fuß zu fassen. Gleichzeitig stehen sie im Wettbewerb mit Konzernen weltweit. Insbesondere die USA, Australien, Spanien und Frankreich drängen ebenfalls auf den Markt. Wer sich dort als einer der Ersten etablieren will, muss sich beeilen.

Auf welche Hindernisse sollten sich Unternehmer einstellen?

Nicklis: Noch existieren keine einheitlichen Standards für Green Building. Häufig mangelt es auch an der Akzeptanz. Green Building ist rund zehn Prozent teurer als konventionelles Bauen und nicht jeder Projektentwickler ist bereit, die höheren Investitionskosten zu tragen – auch wenn sie durch niedrigere Betriebskosten und einen höheren Wiederverkaufswert später wieder ausgeglichen werden. Dabei gibt es durchaus einen Kreis von Mietern oder Eigentümern, die bereit sind, für grüne Bauten mehr zu zahlen. Mit steigenden Einkommen und verbesserter Bildung wird sich dieses Bewusstsein unter den Chinesen immer stärker durchsetzen, vor allem in den Städten. Eine Studie der China Greentech Initiative, eines Zusammenschlusses von Unternehmen und Organisationen, hat ergeben, dass Käufer bereit sind, bis zu 20 Prozent mehr für Green Building zu zahlen, um gesünder und umweltbewusster zu leben.

Wie unterstützt die chinesische Regierung die Baubranche?

Nicklis: Der Druck von den Rohstoffmärkten und die hohe Umweltbelastung des Landes haben zu einem Umdenken bei der chinesischen Regierung geführt. Die Staatsführung sieht grünes Bauen als einen wichtigen Weg, Energie einzusparen und den Ausstoß von Kohlendioxid zu reduzieren. Im 11. Fünf-Jahres-Plan war bereits festgeschrieben, dass ausgewählte neue öffentliche Gebäude einen 65 Prozent niedrigeren Energieverbrauch als bestehende haben sollen. Diese Quote soll mit dem aktuellen Fünf-Jahres-Plan auch auf das übrige Land ausgeweitet werden. Dadurch ergeben sich für ausländische Firmen große Marktchancen in China.