Die europäische Verteidigungsindustrie birgt großes Potenzial. Kooperationen sind der Schlüssel zum Erfolg. PwC-Experte Jürgen Seibertz zur wachsenden Konkurrenz der Schwellenländer und über die Ineffizienzen im national geprägten Verteidigungssektor Europas.

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Jürgen Seibertz: Obwohl die Branche zunächst mit dunklen Vorahnungen aus dem Vorjahr ins Jahr 2009 startete, stellte sich heraus, dass es, was den Markt betrifft, ein solides Jahr werden sollte. Die Aktienwerte stiegen durchschnittlich um 30 Prozent - trotz verbreiteter Produktionsverzögerungen, rückläufiger Militäraufträge und einem weiterhin angespannten Kreditmarkt. Europäische Käufer, die in vergangenen Jahren stets sehr aktiv waren, hielten sich jedoch eher zurück. Zugleich wurden nur wenige europäische Unternehmen das Ziel von Fusionen und Übernahmen. Nach wie vor ist der europäische Markt stark fragmentiert. Ganz anders die USA, die mit einem starken zentralen Budget einen zusätzlichen Vorteil in der Forschung und Entwicklung aufweisen: keine Redundanzen in Folge paralleler nationaler Anstrengungen.
Seibertz: Konsolidierung in der Industrie und Kooperation auf der Nachfrageseite - nur ein gemeinsamer Ansatz zu wenigen, dafür effizienten Programmen kann das Entwicklungsbudget gezielt einsetzen und somit die Produktionskosten im Vergleich mit den USA drücken. Denn in Zeiten zunehmend komplexer und elektronischer Rüstungssysteme macht der Forschungsaufwand einen großen Teil der Stückkosten aus. Und selbst EU-weite Kooperationen wie der Eurofighter sind - bedingt durch ebenso EU-weit verzweigte Produktions- und Entwicklungsstätten - nicht in der Lage, Verbund- und Größeneffekte analog zur zentralisierten Manufaktur zu erzielen.
Seibertz: Studien führender Wirtschaftsinstitute sehen die BRIC-Staaten Russland, China, Indien und Brasilien spätestens 2030 als neue Schwergewichte auf der wirtschaftlichen und damit auch politischen Weltkarte. Die militärischen Kapazitäten wachsen nahezu proportional. Angesichts dieser West-Ost-Verschiebung kann die europäische Verteidigungsindustrie nur durch eine gemeinsame Sicherheitspolitik ihren Platz in der neuen Weltordnung sicherstellen. Dem stehen bislang teils nationale Interessen wie der einseitige Aufbau von Know-how, das Aufrechterhalten politischer Durchsetzungskraft und die Angst vor Massenentlassungen entgegen. Soll das Ziel Harmonisierung erreicht werden, müssen protektionistische Züge abgelegt werden - vor allem im politischen und rechtlichen Rahmenwerk der EU. Die Gründung der Europäischen Verteidigungsagentur als EU-einheitliche Institution der Rüstungsplanung, -beschaffung und -forschung markiert erst den Anfang. Langfristig wird die Zentralisierung auf der Nachfrageseite bis 2030 auch eine Konsolidierung auf der Anbieterseite mit sich führen.
Seibertz: Um Synergien zu erreichen, müssen die europäischen Verteidigungsunternehmen kooperieren und klar Position beziehen. Zur Wahl stehen drei strategische Optionen: Innovator, Integrator und Spezialist. Im Detail: Innovatoren haben die Forschung und Entwicklung als Wettbewerbsfaktor der Zukunft verinnerlicht und zeichnen sich durch besonders innovative Produkte und geistiges Eigentum aus. Sie sind aber auf die Kompetenzen der Integratoren angewiesen - das heißt auf die Fertigung komplexer integrierter Rüstungssysteme. Schließlich sind es die Spezialisten, die ausgefeilte Teilprodukte kostengünstig liefern. Der Markt ändert sich. Die Unternehmen müssen gerüstet sein.