Der Stahlmarkt verändert sich rasant und damit auch die Risiken für Produzenten, Händler und Abnehmer. Ingo Schill, PwC Stahl-Experte, über die Entwicklungen und Risiken auf dem Stahlmarkt. Und über Strategien, damit umzugehen.

Ingo Schill
Ingo Schill: Die aktuelle Dynamik des Stahlmarkts spiegelt sich nicht nur in stark schwankenden und steigenden Stahl- und Rohstoffpreisen wider. Sie geht darüber hinaus mit einem Paradigmenwechsel einher: Die Rohstoffanbieter orientierten sich weg von langfristig stabilen, bilateralen Lieferkontrakten hin zum Handel an Spotmärkten. Dieser Paradigmenwechsel bestimmt maßgeblich die Stahlpreisentwicklung entlang der gesamten Stahl-Supply-Chain und birgt weitreichende Handels- und Preisänderungsrisiken, die bisher nur von Commodity-Märkten bekannt sind.
Schill: In erste Linie ist das Preisänderungsrisiko zu nennen. Dies hat Auswirkungen auf die Planungsgrundlage der Unternehmen, die ihre Preiskalkulationen immer schneller anpassen beziehungsweise flexibilisieren müssen. Darüber hinaus kann es passieren, dass Bestände massiv an Wert verlieren. Weitere Risiken sind bei der Versorgungssicherheit und der Finanzierung wie Kreditrisiken zu erwarten. Zur Steuerung dieser Risiken ist es sinnvoll, mit einem aktiven und integrierten Risikomanagementansatz zu arbeiten.
Schill: Er betrachtet physische und finanzielle Transaktionen unter Berücksichtigung von Liquiditäts- sowie Bestands- und Produktionsgesichtspunkten. Zu einer ganzheitlichen Risikosteuerung sollten organisatorische, vertragliche und logistische Maßnahmen gehören. Einkaufs- und Verkaufstransaktionen sollten unter ganzheitlicher Betrachtung des Preisänderungsrisikos, was maßgeblich die Höhe der Risikoposition beeinflusst, abgestimmt werden. Darauf aufsetzend kann man durch vertragliche und logistische Maßnahmen die Preis-, Liefer- und Kreditrisiken, also die Risikoposition, so steuern, dass durch Schwankungen verursachte negative Effekte vermieden werden.
Des Weiteren können Preisrisiken bestimmter Stahlsorten mittels Finanzderivaten abgesichert werden. Für Stahl, der als Werkstoff aus verschiedenen Rohstoffen bestehen kann, sind gleich mehrere bereits existierende Termin- und Finanzmärkte interessant, wie zum Beispiel für Zink, Nickel oder Ferrochrom.
Schill: Nicht nur Stahl, sondern schon sein Hauptrohstoff Eisenerz wird verstärkt an Börsen gehandelt. So treiben gewisse Rohstoffhersteller die Entwicklung von Stahlderivaten aktiv voran. Damit wird eine Grundlage gelegt, die es der gesamten Stahl-Supply-Chain ermöglichen würde, Preisabsicherungsgeschäfte zu tätigen. Aber auch Stahl selbst wir zunehmend an Börsen gehandelt. Dabei muss man allerdings beachten, dass Stahl nicht gleich Stahl ist. Hier muss zunächst zwischen den einzelnen Stahlsorten differenziert werden. Commodity-Produkte zeichnen sich durch ihre Standardisierung aus. Diese Standardisierung ermöglicht es, Commodities an Börsen zu handeln.
Angesichts der zurzeit etwa 2.500 in Europa bekannten Stahlsorten scheint Stahl die Anforderungen an Homogenität und Standardisierung auf den ersten Blick nicht zu erfüllen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch: Im Bereich der unlegierten oder niedrig legierten Stahlsorten, die keine sehr hohen Ansprüche erfüllen müssen, wie zum Beispiel bei den Baustählen, weist die Legierungszusammensetzung ein geringes Differenzierungspotenzial auf. Diese Stahlsorten können demnach als Commodities betrachtet werden.
Schill: Für Eisenerz gibt es sogenannte Swaps, die über Börsenbroker erhältlich sind und überwiegend an der Börse in Singapur gehandelt werden. Für die Stahlprodukte Billet und Rebar (Baustähle) sowie Hot-Rolled Coils (Flachstahl) hat sich an der London Metal Exchange und an der Shanghai Futures Exchange ein Kassa- und Terminmarkt mit Standardkontrakten etabliert, der zunehmend liquider wird. Speziell Letztere haben sich in letzter Zeit lebhaft entwickelt.
Schill: In den Bereichen der Spezial- und RSH-Stähle. Hier ist die Legierungszusammensetzung maßgeblich für die Materialeigenschaften und steht damit auch für die Kernkompetenz des herstellenden Unternehmens. Bei diesen Stählen kann man nicht von Commodities sprechen. Nichtsdestotrotz sehen wir hier ähnliche Preisvolatilitäten und Risiken auch in diesem Segment, die entsprechend abgesichert werden müssen, um die Planungsgrundlage für die Unternehmen zu gewährleisten.