Nach Zeiten des Booms hat die Wirtschaftskrise den Stahlmarkt komplett umgekrempelt: Auftragsrückgänge, Kurzarbeit und der Preisverfall erfordern eine integrierte Neuausrichtung. Der Anteil der etablierten Industriestaaten an der Stahlerzeugung fällt, die Marktmacht der Rohstofflieferanten wird spürbar. Eine ressourcenschonende Produktion als Beitrag zur Krisen-Exit-Strategie der Stahlbranche empfiehlt PwC in einer auf dem "Stahlmarkt 2010" vorgestellten Prognose.
Die Stahlbranche blickt auf ein Jahr des schlagartigen Abschwungs zurück, wie sie es so noch nicht erlebt hat: Bei drastischen Umsatzeinbußen durch Auftragsrückgang und Lageraufbau geriet die kurzfristige Sicherung von Liquidität und Bonität zur kritischen Stellschraube. Nach dem weitgehenden Versiegen der klassischen Kapitalquellen Kreditmarkt und Börsenmarkt steht die Branche nun vor der Herausforderung, die Innenfinanzierung weiter zu stärken und gleichzeitig neue Kapitalgeber zu suchen.
"Denn die fundamentalen positiven Entwicklungstrends bis 2020 sind von der Krise nicht dauerhaft beeinträchtigt. Grund ist der infrastrukturelle Nachholbedarf an stahlintensiven Industrie- und Konsumgütern in China und anderen Schwellenländern", betonte Peter Albrecht, PwC-Stahlexperte, auf der 14. Handelsblatt-Jahrestagung "Stahlmarkt 2010" in Düsseldorf.
Die energieintensive Stahlindustrie wird durch hohe Energiekosten und die Verknappung und infolgedessen Verteuerung von Rohstoffen belastet. Insbesondere vor dem Hintergrund der zunehmenden Konzentration auf Seiten der Rohstofflieferanten ist die Krise auch als Chance zu begreifen, langfristig strategische Planungsansätze an geänderte ökologische, soziale und ethische Anforderungen anzupassen. Sich vom Wettbewerb zu differenzieren, Kapitalkosten zu senken, Investitionsrisiken zu reduzieren und die Reputation zu stärken - diese Chancen bietet eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Unternehmensführung.
Verstanden als ressourcenschonende und sozialverantwortliche Geschäftstätigkeit, gewinnt die Nachhaltigkeitsstrategie auch für Unternehmen der Stahl, Eisen und Metall erzeugenden, verarbeitenden und verbrauchenden Industrie zunehmend an Bedeutung. Denn der Einsatz von "Greentech" in Form ressourceneffizienter Produktionstechnologien ermöglicht es, die Abhängigkeit von der Volatilität der schwer beeinflussbaren Rohstoffbeschaffungskosten zu verringern. So lassen sich die relative Wettbewerbsposition stärken und neue Kategorien nachhaltig orientierter Kapitalanleger erschließen.
"Anleger und Projektfinanzierer machen ihre Investitionsentscheidung verstärkt davon abhängig, ob ein Unternehmen internationale Umwelt- und Sozialstandards einhält. Dahinter steckt die Einsicht, dass Verstöße gegen diese Standards mit massiven ökonomischen Risiken und Reputationseinbußen verbunden sein können - für die Unternehmen selbst und damit auch für deren Kapitalgeber", mahnt Peter Albrecht, Stahlexperte und Mitglied des Vorstands bei PwC Deutschland.
Eine auf Mengenwachstum ausgerichtete Strategie verheißt keinen Erfolg für die im Produktionswachstum zurückgefallene "Triade" (Nordamerika, EU sowie Japan und Südkorea). Voraussichtlich noch im laufenden Jahr verhilft die ungebrochene Nachfrage Chinas der weltweiten Rohstahlerzeugung wieder zum Niveau von 2007 mit 1,35 Milliarden Tonnen. Die Bergbauindustrie in ihrer zunehmenden Oligopolstruktur sieht sich gestärkt in der Verhandlung um steigende Rohstoffpreise.
Die Fragen, die sich Unternehmen stellen müssen, sind: "Welchen ökologischen, sozialen und ethischen Wert hat ein Stahlprodukt? Wie kann dieser Wert als Teil des Preises an den Markt kommuniziert werden?", kommentiert Albrecht. Mit der Berichterstattung nicht finanzieller Kennzahlen schaffen nachhaltigkeitsbewusste Unternehmen eine transparente Entscheidungsgrundlage, um lukrative Investitionen mit kalkulierbaren ökonomischen Risiken zu tätigen. Als Belohnung des Richtungswechsels winkt die langfristige Finanzierung der Kapitalkosten und damit ein Leben nach der Krise.