Was ist eine Chemieanlage wert?

Chemieanlagen sind aus rechtlichen Gründen oder bei Verkäufen auf ihren materiellen Wert hin zu prüfen. Sorgfältiges Strukturieren und gute Branchenkenntnisse sind die Grundlage für eine realistische Beurteilung.

Eine Bewertung von Anlagen oder Anlageteilen, also von "materiellen Gütern des Anlagevermögens" (Fixed Assets), kann aus mehreren Gründen notwendig sein: Zum einen erfordert die internationale Rechnungslegung (international financial reporting standards, IFRS) eine solche Prüfung. Zum anderen ermitteln Unternehmen in einer Krisensituation damit ihren Wert - im Extremfall den Liquidationswert. Eine strategisch orientierte Beratung stützt sich ebenso auf die Anlagenbewertung wie eine Transaktion, also ein Unternehmensverkauf oder -einkauf.

Die Fixed-Asset-Bewertung ist insbesondere bei der Kaufpreisverteilung (purchase price allocation, PPA) nach IFRS 3 im Zuge einer Transaktion wichtig. Die PPA soll die für ein Gesamtunternehmen gezahlte Summe so auf die gekauften Vermögenswerte verteilen, dass diese mit ihrem Zeitwert (Fair Value) in der Bilanz des Erwerbers stehen.

Betrachten

Zunächst sind für eine Bewertung die Vermögensgegenstände zu identifizieren und zu klassifizieren. Dies können Laborausrüstungen, Rohrleitungen, Reaktionskessel oder auch im Bau befindliche Gebäude sein. Prozessbeschreibungen, Flussdiagramme oder Kostenstellen helfen, das materielle Vermögen korrekt einzuschätzen.

Wichtig ist die Strukturierung der häufig komplexen Produktionsnetzwerke.

Dafür sind Erfahrung und Branchenkenntnisse notwendig. Besichtigungen und Interviews mit dem Management sind unverzichtbar, um die Wirklichkeit in der Bewertung und schließlich in der Bilanz sinnvoll abzubilden.

Bewerten

Die in der chemischen Industrie am häufigsten verwendete Methode zur Bewertung ist wohl die Kostenmethode (cost approach). Diese bedient sich wiederum verschiedener Verfahren wie Preistrendmethoden, Detailberechnung der Herstellungskosten und Altersanalysen, um den Wiederbeschaffungsneuwert (replacement cost new) zu ermitteln.

Der Fair Value ergibt sich dann aus dem Wiederbeschaffungsneuwert abzüglich Abschreibungen. Dabei ist die angenommene durchschnittliche wirtschaftliche Nutzungsdauer des Vermögensgegenstands (total useful lifetime) entscheidend.

Die beste Grundlage für die Bewertung bieten Vergleichswerte auf Basis der Kapazität und Spezifikation der Anlage.

Berichten

Schließlich müssen die Bewertungsdaten plausibilisiert, in die Bilanz übernommen und nötigenfalls regelmäßig auf Werthaltigkeit überprüft werden. Bei dieser nach der internationalen Rechnungslegung Impairment Test genannten Methode ergeben sich gewinnbeeinträchtigende Abwertungen, wenn beispielsweise technische Verfahren obsolet sind oder werden: Bei der Chloralkalielektrolyse ist dies das traditionelle Quecksilberverfahren, dem das Membranverfahren gegenübersteht.

Subsektoren der chemischen Industrie wie Petrochemie und Spezialitäten sind kapitalintensiv und gelten in besonderem Maße als assetgeprägt. Einzelne Fixed Assets wie ein Steamcracker können bestimmend für die Bewertung des gesamten Geschäfts sein.

Polystyrolfabriken oder Kunststoffverarbeiter werden zum Beispiel in steigender Zahl auf Basis des ermittelten Werts der Vermögensgegenstände gehandelt.