"Die Landkarte, auf der Emittenten den Platz für ihr Initial Public Offering aussuchen, ist deutlich größer geworden", folgert Christoph Gruss, Partner in der Capital Markets Group von PwC aus den Zahlen des "IPO Watch Europe" von PwC für das zweite Quartal 2010: 25 Börsendebüts verzeichnete die Warschauer Börse - fast so viele wie der europäische IPO-Spitzenreiter London Stock Exchange. Auch beim Emissionsvolumen lagen beide Börsenplätze fast gleichauf. Mit je zehn IPOs folgen Luxemburg und die Dreiländerbörse NYSE Euronext - wenn auch mit deutlich kleineren Volumina
"Den eindeutigen Spitzenplatz für ein IPO gibt es weniger denn je", meint PwC-Experte Gruss: In London und Warschau zusammen erzielten Emittenten zwar im zweiten Quartal des Jahres 2010 mit knapp 6,4 Milliarden Euro fast drei Viertel des gesamten europäischen Emissionsvolumens. Doch schon der Börsengang des Ticketing-Unternehmens Amadeus allein brachte im zweiten Quartal 2010 die spanische Börse in die Top-IPO-Ränge in Europa. Und mit fünf Börsengängen übertrifft im zweiten Quartal 2010 der Börsenplatz Oslo die zwei IPOs der Deutschen Börse. "Es gilt sorgfältig abzuwägen, an welchem Börsenplatz sich die Ziele eines IPOs am besten erreichen lassen", meint angesichts der wenig eindeutigen IPO-Landschaft der PwC-Experte Christoph Gruss.
Zu prüfen sind dabei längst nicht mehr nur Alternativen, die vertraut scheinen beim Gedanken an die großen Börsen der Welt. Denn deutlich mehr IPOs als die US-amerikanischen und die europäischen Börsen verzeichnen schon seit längerem die Börsenplätze Chinas. In Hong Kong, Shenzhen und Shanghai zählte man im ersten Halbjahr 2010 zusammen 207 IPOs. In Europa waren es im gleichen Zeitraum nur 168, an den US-Börsen gar nur 66.
Klarer Spitzenreiter unter den chinesischen Börsen ist Shenzhen mit einem Emissionsvolumen von fast 17 Milliarden Euro bei stolzen 163 IPOs im ersten Halbjahr 2010. Für internationale Unternehmen, so PwC-Experte Gruss, sind die Aktienmärkte des chinesischen Festlands jedoch häufig noch sehr unübersichtlich, Shenzhens Nachbarstadt Hong Kong biete deutlich mehr Transparenz.
Hong Kong hat den Zugang für deutsche Unternehmen erleichtert
Dass die Börsenaufsicht der ehemaligen britischen Kronkolonie im Herbst 2009 die deutsche Rechtsordnung als "acceptable jurisdiction of an issuer's place of incorporation" anerkannt hat, macht deutschen Unternehmen den Weg an die Börse in der heutigen chinesischen Sonderverwaltungszone deutlich einfacher. Sie müssen damit unter anderem nicht mehr einzeln nachweisen, dass beispielsweise Aktionäre in Deutschland ähnlich geschützt wird wie in Hong Kong. "Bei der Auswahl der Börse für einen IPO liegt das Gute nicht immer nah", resümiert PwC-Experte Gruss: "Wir rechnen mit mehr Mobilität der Emittenten, denn gute Argumente gibt es für nahezu jeden Börsenplatz."