Ein deutsches Familienunternehmen aus der Chemiebranche will eine neue Hauptniederlassung in Westeuropa gründen. Die wichtigsten Anforderungen an den neuen Standort: Die Lebensqualität soll hoch sein und der Ort soll als Drehscheibe fungieren, von der die wichtigsten Umschlagplätze schnell erreichbar sind. PwC hat das Unternehmen bei der Auswahl eines geeigneten Standorts unterstützt. Um eine fundierte Entscheidung treffen zu können, hat das PwC-Team sechs westeuropäische Metropolen anhand von 41 Faktoren verglichen.
Das weltweit in 100 Ländern aktive Chemieunternehmen unterhält Niederlassungen in Deutschland, Italien und Dänemark. Diese sollen nun an einem Standort zusammengeführt werden. Die Ziele: Kompetenzen bündeln und den Vertrieb für Westeuropa von einem Standort steuern. "Bei der Suche nach dem neuen Standort hat das Unternehmen klare Prioritäten festgelegt: Der neue Sitz soll eine hohe Lebensqualität bieten und über eine exzellente Infrastruktur verfügen", berichtet der verantwortliche PwC-Partner Martin Bork. "Aber auch steuerlich soll der Standort attraktiv sein."
Auf Basis dieser Richtungsvorgaben hat das PwC-Team 41 Faktoren herausgearbeitet und die möglichen Kandidaten auf dieser Basis verglichen. Die Faktoren lassen sich in folgende Cluster einteilen, die PwC gemeinsam mit dem Kunden gewichtet hat.
Lebensqualität und Umweltbedingungen
(Gewichtung: 5 Prozent)
Die Lebensqualität und Umweltbedingungen spielen für Mitarbeiter im Falle eines Standortwechsels eine wichtige Rolle. Das PwC-Team hat deshalb verschiedene Faktoren analysiert, die einen unmittelbaren Einfluss auf Sozialleben, Gesundheit und Zufriedenheit der Einwohner haben. Dazu gehören das Ausmaß der Umweltverschmutzung, sozio-kulturelle Rahmenbedingungen und das Einkommensniveau.
Bildungs- und Arbeitsmarkt
(Gewichtung: 25 Prozent)
Der Zugang zu guten Aus-und Weiterbildungsmöglichkeiten für Familienangehörige entscheidet mit darüber, wie zufrieden Mitarbeiter mit ihrer Arbeit sind. Damit mögliche Entsendungen gelingen, müssen aber beispielsweise auch lokale Arbeitsbedingungen für Lebenspartner, Durchschnittslöhne und Arbeitszeiten in die Überlegungen einbezogen werden.
Infrastruktur und Logistik
(Gewichtung: 25 Prozent)
Schnelle und gut erreichbare Anbindungen an die Infrastruktur sind eine wichtige Voraussetzung, damit ein Unternehmen seine Bestellungen schnell ausliefern und die Kosten in der Lieferkette senken kann. Das Augenmerk der Analyse lag deshalb insbesondere auf den Transport- und Logistikkosten und der Beförderungsdauer. In die Analyse eingeflossen sind aber auch die Entfernungen zu wichtigen Handelsumschlagplätzen und Verkehrsknotenpunkten sowie die Anbindung an internationale Streckennetzwerke.
Lebenshaltungskosten
(Gewichtung: 15 Prozent)
Die Lebenshaltungskosten in den westeuropäischen Metropolen variieren stark. In die Kostenkalkulation fließen Miet- und Nebenkosten, Lebensmittelpreise ebenso wie Ausgaben für Freizeitmöglichkeiten ein. Denn die Bereitschaft, für eine bestimmte Zeit ins Ausland zu gehen, hängt nicht nur vom Einkommen der entsandten Mitarbeiter ab, sondern auch von den täglichen Ausgaben, mit denen der Mitarbeiter rechnen muss.
Steuern und Sozialabgaben
(Gewichtung: 20 Prozent)
Die Steuern und Sozialabgaben an einem Standort spielen sowohl für das Unternehmen als auch für die Mitarbeiter eine wichtige Rolle. Auch wenn dieser Faktor nicht die höchste Priorität im Ranking darstellt, sollte er in den Vergleich einfließen. Denn Steuern und Sozialabgaben bilden einen entscheidenden Kostenfaktor.
Wirtschaftsfaktoren aus Unternehmenssicht
(Gewichtung: 10 Prozent)
Die neue Hauptniederlassung kann nur wie geplant wachsen, wenn genügend qualifiziertes Personal vorhanden ist. Dazu kommt: Die Fixkosten wie Immobilienpreise dürfen eine vorher definierte Höhe nicht überschreiten.
Die erste Analyse auf Basis der oben genannten Kriterien hat sechs Städte als mögliche Standorte ins Gespräch gebracht: Zürich, Basel, Amsterdam, München, Frankfurt und Hamburg. In zwei Schritten hat das PwC-Team um Martin Bork die Vor- und Nachteile jedes Standorts herausgearbeitet.
1.) Datenbeschaffung: Im ersten Schritt mussten die nötigen Daten beschafft werden. Während eines Workshops hat das PwC-Team gemeinsam mit dem Kunden die relevanten Daten und Kriterien erarbeitet. Das nötige Datenmaterial wurde in Datenbanken beschafft, zusammengeführt und ausgewertet. Auf dieser Basis hat das PwC-Team erste Annahmen getroffen und Hypothesen aufgestellt.
2.) Qualitative und quantitative Analyse: Im zweiten Schritt legte das Team die Vorgehensweise und Analysestruktur mit den sechs Kategorien und insgesamt 41 Kriterien fest. Die Städte wurden auf dieser Basis miteinander verglichen. Das Team stellte Benchmarks auf, um den am besten geeigneten Standort herauszufiltern. Im letzten Schritt fasste das PwC-Team die einzelnen Werte auf Grundlage der vereinbarten Gewichtung zusammen.
Die Standorte im Vergleich
"Welcher Standort sich am besten eignet, hängt immer vom konkreten Vorhaben und der Branche eines Unternehmens ab", sagt Martin Bork. "Für Produktions- und Vertriebseinheiten steht bei der Standortwahl die Nähe zu Beschaffungs-, Personal- und Absatzmärkten im Vordergrund. Für Service-, Finanzierungs- und Lizenzgesellschaften sind die steuerlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen ausschlaggebend," so Bork.
Deshalb empfiehlt er: "Unternehmen sollten die Investitionsbedingungen in mehreren Ländern und Städten einer Region vergleichen, analysieren und bewerten. Dafür haben sich Scoring-Modelle bewährt, die einzelne Standortfaktoren gewichten und gegenüberstellen. Nur so ist eine systematische Standortwahl möglich."