Politische Krisen und regulatorische Eingriffe, ökonomische Notlagen und kriegerische Auseinandersetzungen: Die Liste möglicher Risiken, die Unternehmen bei ihren Auslandsaktivitäten beeinträchtigen können, ist lang. Nur wenn ein Unternehmen diese Länderrisiken genau kennt und beobachtet, kann es im Ausland auf Dauer erfolgreich sein. Wie ein Länder-Monitoring das Risikomanagement verbessern kann, beschreibt Dr. Olaf Graf, PwC-Experte für Exportfinanzierung.

Dr. Olaf Graf
Dr. Olaf Graf: Da gibt es leider sehr viele: Typisch im internationalen Handel sind Informations-Asymmetrien, die zu einem erhöhten Risiko von Forderungsausfällen führen. Verstärkt wird dieser Effekt dadurch, dass Unternehmen ihre Auslandsengagaments zunehmend in Schwellenländer verlegen. Dort besteht das Risiko von sozialen Unruhen. Auch das regulatorische Umfeld kann Probleme bereiten. Denn Änderungen der Regularien sind im Ausland häufig wenig planbar. In China können ausländische Unternehmen beispielsweise oft nur im Rahmen eines Joint Ventures aktiv werden. Im schlimmsten Fall – Stichwort Libyen – kann es passieren, dass ein Unternehmen seine Anlagen im Ausland schließen muss, die Produktionsstätten beschädigt werden. Im Extremfall kommt es zur Enteignung, oder die Sicherheit der Mitarbeiter steht auf dem Spiel. Gemeinsam haben diese Länderrisken: Sie sind komplex und lassen sich schwer vorhersehen.
Graf: Weil der Gang ins Ausland auch unglaubliche Chancen verspricht: Die Märkte in Westeuropa und Nordamerika sind teilweise bereits gesättigt. Wachsen kann ein Unternehmen oft nur, wenn es neue - auch instabilere - Märkte erschließt. Viele Firmen erhoffen sich durch globalen Handel, dass ihre Absätze steigen. Attraktiv an Auslandsengagements kann auch sein, dass der Kampf um die besten Köpfe dort noch nicht so stark wütet. Firmen erhoffen sich also Zugang zu qualifizierten Mitarbeitern. Schließlich können auch die Verlagerung der Wertschöpfungskette oder Outsourcing-Aktivitäten den Weg ins Ausland weisen.
Graf: Ein strukturiertes Länder-Risiko-Management hilft dabei, Krisen rechtzeitig zu erkennen. Der erste Schritt heißt dabei immer, ein erhöhtes Gefährdungspotenzial zu erkennen. Anschließend muss das Unternehmen reagieren. Dafür muss es die Auswirkungen verschiedener Risiken auf Lieferketten, Finanzen und Personal kennen und adäquate Maßnahmen einleiten. Nur dann kann das Unternehmen auch die Vorteile nutzen, die der Gang ins Ausland bietet. Ein Beispiel: Ein Streik an Standort A macht die Produktion vorübergehend unmöglich. Einen Lieferengpass kann ich vermeiden, wenn ich vorab definiert habe, dass bei Lieferschwierigkeiten an Standort A - auf Basis bestimmter Kennzahlen - die Produktion an Standort B automatisch erhöht wird.
Graf: Leider haben die Komplexität und die geringe Vorhersagbarkeit lange Zeit dazu geführt, dass Unternehmen sich mit dem Thema Länderrisiken nicht ausreichend auseinandergesetzt haben. Viele Unternehmen schöpfen das Potenzial systematischer Länder-Monitorings bislang nicht aus. Eine globale PwC-Studie zeigt: Über die Hälfte der Unternehmen erstellt gar keine oder keine regelmäßigen Berichte über Länderrisiken. Fast ebenso viele nutzen Informationen über Länderrisiken nicht für ihre laufende Geschäftstätigkeit.
Graf: In erster Linie entsteht Transparenz. Das Unternehmen kann also schneller reagieren, wenn tatsächlich eine Krisensituation eintritt. Unternehmen können ihre Prozesse an die Risiken anpassen und so Lieferengpässe vermeiden. Die Finanzsituation wird positiv beeinflusst. Unternehmen können bedarfsgerechte Sicherungsinstrumente einsetzen. Die Auslandsinvestitionen lassen sich so mit dem Detailwissen um mögliche Risiken besser steuern.
Graf: PwC kann beim Aufbau eines Länder-Monitorings helfen. Dabei hat sich ein Vorgehen in vier Schritten bewährt. Zuerst analysieren wir die globalen Prozesse und die Risikosensibilität, um einen Überblick zu erhalten. Im Anschluss schauen wir uns genau an, wie stark und wo das Unternehmen Risiken ausgesetzt ist. Darauf aufbauend definieren wir ein unternehmensspezifisches und systematisches Länder-Monitoring. Dieses muss letztlich in die bestehenden Prozesse verankert werden.
Graf: Wir arbeiten mit Daten etablierter Organisationen, die auch für die Unternehmen frei verfügbar sind: Alleine die Weltbank stellt über 200 Indikatoren zur Verfügungen, mit denen sich Krisen frühzeitig erkennen und visualisieren lassen. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OECD) vereint mehrere Indikatoren zum sogenannten "Composite Leading Index" einschließlich der BRIC-Staaten. Dieser Index hat einen vorlaufenden Charakter. Er hat beispielsweise die sich abzeichnende weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise sehr früh angezeigt. Ergänzt werden können diese Daten durch Informationen etablierter Wirtschaftsinformationsdienste oder Intelligence Agencies. Mit diesen und ähnlichen Daten können wir spezifische Länderprofile erstellen, die die individuellen Chancen und Risiken für ein Unternehmen in den jeweiligen Länder wiedergeben. In Risiko-Landkarten zusammengeführt geben sie kurz und leicht verständlich einen weltweiten Überblick über die Risikosituation eines Unternehmens.