Nachhaltigkeit in der Lieferkette: Auf sämtliche Details kommt es an

Beschaffungsprozesse aus Entwicklungs- und Schwellenländern stellen Unternehmen zunehmend in die Verantwortung zur Einhaltung von Nachhaltigkeitsstandards. Negative Berichterstattung in den Medien über Ereignisse entlang der gesamten Wertschöpfungskette, vom Rohstoffanbau bis hin zur Entsorgung, schadet dem Image, der Marke und dem Absatzmarkt vom Unternehmen. Nur sind diese Risiken immer schwieriger zu erkennen und zu managen, denn die Unternehmen sind immer weniger mit den Ländern und den Regionen vertraut, in denen sie zum Beispiel einkaufen oder produzieren lassen.

Um eine Lieferkette nachhaltig beurteilen zu können, werden in einem ersten Schritt alle relevanten Erkenntnisse und Einzelmaßnahmen erhoben. Diese fließen in einem zweiten Schritt in die Systematisierung eines ganzheitlichen Managementansatzes zur Supply Chain Governance (SCGov) ein. Dazu gehört auch die Optimierung und Integration vorhandener Steuerungs- und Kommunikationsprozesse. Die Folge: Umsichtig konzipierte "Codes of Conduct" werden zum effizienten Instrument innerhalb der Lieferkette.

Abb. 1: Wachsende gesellschaftliche Erwartungen und Regulierungen entlang der Wertschöpfungskette beeinflussen die Rahmenbedingungen für Unternehmen. Quelle: PwC

Arbeitsschritte mit dem Ziel eines nachhaltigen SCGov:

  • Untersuchen der gesamten Lieferkette hinsichtlich Marktchancen und Kosteneinsparpotenzialen.
  • Entwickeln von Aufbauorganisation und Ablaufplanung für Unternehmen, die erst am Anfang stehen.
  • Untersuchen existierender Governance-Strukturen, um Verbesserungspotenzial zu identifizieren.
  • Durchführen von Risikoanalysen entlang der Lieferkette und gemeinsame Entwicklung strategischer Optionen für sichere Lieferketten.
  • Untersuchen von Indikatoren und Kriterien auf Wirksamkeit und Anwendbarkeit.
  • Implementieren von Wirkungsmessungen.
  • Implementieren unterstützender IT-Lösungen.
  • Helfen, Lieferantenbeziehungen so zu gestalten, dass der Prüfungs- und Verwaltungsaufwand verringert wird und mehr Sicherheit vorhanden ist.

Verbesserungen sind möglich

Nachhaltiges Wirtschaften, auf englisch Sustainability, ist ein wichtiger Wert- und Wachstumstreiber geworden: Wer gesellschaftliche, ökologische und soziale Normen beachtet, profitiert von signifikanten Vorteilen an der gesamten Wertschöpfungskette. Gemessen an den Entwicklungsstufen eines Unternehmens unterscheiden sich dabei die Erfolgsfaktoren. Für den integrierten SCGov-Ansatz spricht: Verbesserung der Reputation und des Markenwerts, Verringerung der Angriffsfläche, Qualitätsverbesserung und dauerhaft sichere Lieferantenbeziehung. Je nach der aktuellen Evolutionsstufe eines Unternehmens kann die Einschätzung der Lieferkette unterschiedlich ausfallen. Danach richten sich die Möglichkeiten zur Umsetzung einer nachhaltigen Lieferkettenstrategie aus.

Unternehmen, die nach dem Motto "das Soll erfüllen" ("comply") agieren, legen Wert auf Risikomanagement und Markenschutz. Dafür setzen sie auf Einführung von Standards und Verhaltenskodizes bei ihren Zulieferern und kontrollieren diese. So sichern sie kurzfristig ihr Image und ihre Lieferfähigkeit.


Abb. 2: Je nach der aktuellen Evolutionsstufen eines Unternehmens kann die Einschätzung der Lieferkette unterschiedlich ausfallen. Quelle: PwC

Unternehmen, die sich positive Wirkungen auf ihr Geschäft versprechen, lassen sich in die Stufe "Leverage" einordnen. Mitarbeiterförderung ist für sie ebenso ein Thema wie Imagepflege und Kostenersparnisse in der Produktion (zum Beispiel Energie). Gesteigerte Produktivität und höhere Kundennachfrage sind das Ergebnis.

Innovative Unternehmen streben nach Marktführerschaft und Wertsteigerung der Marke. Sie treffen strategische Lieferantenauswahl, bilden neue Netzwerke und setzen auf langfristige Bindungen und Premiumqualität. Die Erfolgsmessung gehört zur Tagesordnung. So aufgestellt, lassen sich Qualität und damit auch die Position am Markt langfristig sichern und neue Märkte erschließen.

Im Gespräch mit Sascha Sobek, PwC-Experte für Supply Chain Governance


Sascha Sobek

Frage: Macht es nicht Sinn, den gesamten Wertschöpfungsprozess in einem Schritt nachhaltig zu definieren?

Sascha Sobek: Nicht unbedingt. Wir fragen die Unternehmen: Wo stehen Sie, wo wollen Sie hin? Um die nächste Evolutionsstufe mit ihren Vorteilen anzugehen, kann ein Unternehmen jederzeit in den Prozess einsteigen. Die erfolgreiche Weiterentwicklung hängt ab von Fragen wie diesen: Was will der Kunde? Welche Erwartungen haben zum Beispiel die Investoren und die Mitarbeiter? Welche Themen und Regularien sind heute und in Zukunft für das Unternehmen relevant?

Frage: Haben Sie bereits Erfahrungen mit Ihrem SCGov-Ansatz in der Praxis gemacht?

Sobek: Ja, unter anderem mit den Wertschöpfungsketten von Diamanten, Tee, Kaffee und Baumwolle. Wir haben zum Beispiel ein international anwendbares Überprüfungssystem, das Verification Scheme für den Common Code for the Coffee Community - 4C- , einen Nachhaltigkeitskodex für den Mainstream-Kaffeesektor, entwickelt. Dahinter stehen das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), der Deutsche Kaffeeverband und die vier großen Stakeholdergruppen der Branche - Produzenten, Röster, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen. Mehr als 80 Stakeholder sind beteiligt, auch die weltweit größten Kaffeekonzerne. Diese Vertreter des Sektors erstellten gemeinsam das 4C-Konzept für nachhaltige Kaffeeproduktion. Die Zusammenarbeit im PwC-Netzwerk, die Kenntnisse der lokalen Bedürfnisse und die technische Expertise des PwC-Teams kamen dem Projekt dabei beispielhaft zugute.