Wachstumsmarkt Türkei: In welchen Branchen sich deutsche Investitionen am Bosporus lohnen

Mit jährlichen Wachstumsraten um die zehn Prozent rangiert die Türkei in der Weltrangliste der am schnellsten wachsenden Länder derzeit ganz oben. Das Land bietet auch für deutsche Unternehmen zahlreiche Investitionsmöglichkeiten. "Wer in der Türkei investiert, erhält Zugang zu einem Absatzmarkt mit 74 Millionen Menschen, die im Durchschnitt jünger sind als 30", so die PwC-Türkei-Experten Frank Pattusch und Hera Kohnert. "Zudem liegt die Türkei an einer geografisch interessanten Schnittstelle zwischen Ost und West. Für deutsche Unternehmen kann die Türkei dadurch auch bei der Geschäftsentwicklung in Asien, dem Nahen Osten und Nordafrika helfen."

Nach der dramatischen Wirtschaftskrise in den Jahren 2001 und 2002 setzte die türkische Wirtschaft zu einem Höhenflug an. Sechs Jahre lang wuchs sie um durchschnittlich sieben Prozent pro Jahr. Dank der damals eingeleiteten Reformen überstand die Türkei die globale Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 relativ unbeschadet.

Das Bruttoinlandsprodukt hat sich in zehn Jahren mehr als verdreifacht

Gemessen am Bruttoinlandsprodukt liegt die Türkei heute auf Rang 16 der größten Volkswirtschaften der Welt. Im Vergleich mit den EU-Ländern schafft sie es sogar auf Platz sechs. Im Jahr 2010 ist die türkische Wirtschaft um knapp neun Prozent gewachsen. In den ersten neun Monaten des Jahres 2011 lag das Wirtschaftswachstum bei 9,6 Prozent. Damit wächst die türkische Wirtschaft weltweit am schnellsten, sogar schneller als China mit 9,4 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt hat sich von 231 Milliarden US-Dollar im Jahr 2002 auf 736 Milliarden im Jahr 2010 mehr als verdreifacht. Im gleichen Zeitraum stieg das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt von 3.500 US-Dollar auf 10.079 US-Dollar.

Die aktuellen Rahmenbedingungen in der Türkei sind günstig:

  • Ein neues Handelsgesetzbuch gilt ab Juli 2012. Es ist eng an das deutsche HGB angelehnt und lässt zum Beispiel Eingesellschafterkapitalgesellschaften zu und enthält ein lokales Abschlussprüfungserfordernis.
  • In Diskussion ist ein Entwurf über die Einführung eines Schuldrechts, das den EU-Vorgaben entspricht.
  • Ein modernes Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Deutschland und der Türkei, das rückwirkend ab 2011 in Kraft treten soll, wurde im September 2011 von den Finanzministern unterschrieben und muss nun noch die jeweiligen parlamentarischen Hürden nehmen.

Investitionsförderprogramm verbessert die Marktbedingungen

Das im Juni 2009 in Kraft getretene Investitionsförderprogramm erleichtert ausländischen Unternehmen den Eintritt in den türkischen Markt. Das Programm verfolgt drei Schwerpunkte:

  • Die 20-prozentige Köperschaftsteuer sinkt abhängig von der Region um bis zu zwei Prozent.
  • Die Kosten für die Sozialversicherung werden vom Staat übernommen. Der Marktzugang für Arbeitnehmer wird leichter.
  • Der Zugang zu Finanzmitteln, insbesondere für kleine und mittelgroße Betriebe, wird erleichtert, indem der türkische Staat Bürgschaften übernimmt.

Diese Begünstigungen können für Investitionen, deren Beginn vor dem 31. Dezember 2011 liegt, in Anspruch genommen werden. "Wie auch in den Vorjahren rechnen wir damit, dass diese Frist verlängert wird", vermutet Hera Kohnert, Leiterin der Turkish Business Group von PwC in Deutschland, und ergänzt: "Mit Blick auf die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für ausländische Investitionen ist die Türkei heute eines der liberalsten Länder weltweit".

Im Fokus: Privatisierungen und Energieinfrastruktur

"Für deutsche Unternehmen ergeben sich aktuell besonders durch die Privatisierung von Staatsbetrieben und den Ausbau der Energieinfrastruktur gute Chancen, von dem schnellen Wachstum in der Türkei zu profitieren und - entgegen dem weltweiten Trend - zu wachsen," so die Einschätzung von Adnan Akan, Partner bei PwC in der Türkei.

"Eine Übernahme oder Kooperation in der Türkei kann dazu beitragen, die Marktposition im eigenen Land zu verbessern, einen neuen Absatzmarkt mit etwa 74 Millionen Menschen mit einem Durchschnittsalter von 28,8 Jahren zu erschließen und die Türkei als Drehscheibe für die Geschäftsentwicklung in Asien, dem Nahen Osten und Nordafrika zu nutzen," so Frank Pattusch, Partner bei PwC in Deutschland. 

In diesen Branchen können deutsche Unternehmen am Bosporus punkten:

Automobil

Die türkische Automobilindustrie ist ein attraktiver Investitions- und Beschaffungsmarkt mit sehr ambitionierten Produktionszielen: Bis 2023 sollen zwei Millionen Fahrzeuge vom Band laufen. Die Rahmenbedingungen dafür sind gut: Freie Kapazitäten sind vorhanden, das Personal zunehmend hochqualifiziert, Produktivität und Effizienz sind hoch.

Im Jahr 2008 konnte die Produktion mit 1,15 Millionen Fahrzeugen erstmals die Millionen-Grenze überschreiten. Im Jahr 2010 belegte die Türkei in der Weltrangliste der Gesamtproduktion von Fahrzeugen den 16. Platz. Bei den EU-Ländern lag sie auf Rang fünf. Bei der Produktion von Nutzfahrzeugen nimmt sie sogar den neunten Platz unter den größten Herstellern der Welt ein und Platz eins unter den größten Herstellern Europas.

Bauwirtschaft

Die türkische Baubranche wächst schneller als die türkische Wirtschaft insgesamt. In der ersten Jahreshälfte 2010 konnte die Baubranche um über 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zulegen. Das Land investiert kräftig, um seine Infrastruktur auf den neuesten Stand zu bringen – auch im Hinblick auf eine mögliche EU-Mitgliedschaft. Im Bereich der Zement-Exporte ist die Türkei schon heute Marktführer.

Elektro und Elektronik

Die Elektro- und Elektronikbranche in der Türkei gehört zu den wesentlichen Nutznießern der im Jahr 2009 in Kraft gesetzten Konjunkturpakete. Die Produktion und der Export von elektrischen Haushaltsgeräten nahmen auch während der Krise leicht zu. Mit rund 15 Millionen Einheiten ist die Türkei der wichtigste Produktionsstandort in Europa. Das gilt im Bereich der Unterhaltungselektronik auch für Fernseher. In diesem Segment hat der Umstieg auf Flachbildschirme den Herstellern seit 2009 wieder steigende Umsätze beschert.

Energie

Bis 2020 sind in der Türkei Investitionen von über 100 Milliarden Euro notwendig, um den Energiebedarf von dann etwa 500.000 Gigawattstunden zu decken. Der wachstumsstarke Energiemarkt des Landes bietet damit enormes Potenzial für Investoren. Bis Ende 2011 soll die Privatisierung der staatlichen Stromnetzbetreiber abgeschlossen sein. Derzeit ist die Privatisierung der einzelnen Kraftwerke und Portfolio-Gruppen in vollem Gange. Parallel laufen die Ausschreibungen im Bereich der Erdgas-Netzbetreiber.

Ob Öl, Gas oder Strom - die Türkei ist und bleibt aufgrund ihrer strategisch günstigen Lage ein sowohl national als auch international umkämpfter Energiemarkt.

Hochtechnologie

Im Hochtechnologie-Bereich will die türkische Regierung durch den Bau des bereits 1987 beschlossenen "Teknopark Istanbul" hervorragende Grundlagen für Forschung und Entwicklung schaffen. Unternehmen aus der Verteidigungs-, Raum- und Luftfahrt- oder Nanotech-Industrie können ihre Forschung und Entwicklung unter günstigen Bedingungen mit direkter Anbindung zum zweiten Flughafen von Istanbul betreiben.

Ende 2012 soll der erste Bauabschnitt fertiggestellt sein. Unternehmen, die zu den Erstanmeldern gehören, profitieren von sehr lukrativen Vergünstigungen. Für das Vorhaben sind etwa zehn Milliarden Dollar eingeplant. Der "Teknopark Istanbul" soll nach 25-jähriger Entwicklung mit 800 Unternehmen und 18.000 Mitarbeitern das größte Zentrum für Forschung und Entwicklung in Europa werden.

Landwirtschaft

Die türkische Agrarwirtschaft und –industrie bietet sehr gute Einstiegschancen für Unternehmen aus der Nahrungsmittelindustrie: Die klimatischen Bedingungen in der Türkei sind günstig, die Binnennachfrage mit 74 Millionen beachtlich. Dazu kommen die Exporte und eine steigende Effizienz bei der Produktion durch eine stufenweise Automatisierung.

Die Türkei ist einer der größten Exporteure von Agrarerzeugnissen nach Europa und in den Nahen Osten. Bei vielen landwirtschaftlichen Erzeugnissen wie Haselnüssen, getrockneten Aprikosen, Sultaninen und getrockneten Feigen hält die Türkei eine international dominierende Marktposition als Anbau- und Exportland.

Telekommunikation

Auf dem türkischen Telekommunikationsmarkt gab es in den vergangenen Jahren viel Bewegung. Wichtige Schritte auf dem Weg zu mehr Wettbewerb waren die Privatisierung von "Türk Telekom", der Einstieg internationaler Unternehmen in den Mobilfunkmarkt, die Einführung der Nummernübertragbarkeit und der Start von Multimediadiensten (3G).

Die Anzahl der Festnetzanschlüsse ist zwar stark rückläufig. Kräftig angestiegen ist in den vergangenen fünf Jahren hingegen die Zahl der Mobilfunkverträge: Sie liegt derzeit bei 65 Millionen. Verglichen mit der Bevölkerungszahl liegt die Zahl der Breitbandzugänge in der Türkei mit 19 Millionen noch erheblich niedriger als im Durchschnitt der EU-Staaten. Das Mobilfunk-Segment bietet also gute Einstiegschancen für deutsche Unternehmen.

Textil

Die traditionelle Exportindustrie der Türkei, die Textilindustrie, befindet sich in einem Transformations- und Selbstfindungsprozess. In den vergangenen Jahren war die Türkei der weltweit viertgrößte Bekleidungsproduzent und der zehntgrößte Lieferant von Textilwaren zur Veredelung. Aktuell entwickelt sich das Land verstärkt durch eigene Marken zu einem Trendsetter auf dem Weltmarkt. Im Juni 2010 lagen die Exportmengen um 18 Prozent über dem Vorjahr. Das bestätigt die erfolgreiche Wende in der türkischen Textilindustrie.

Tourismus

Die Tourismus- und Reisebranche zählt zu den dynamischsten Branchen in der Türkei. Im Jahr 2009 haben über 27 Millionen Menschen in der Türkei Urlaub gemacht. Das Land belegte damit Rang sieben der am meisten besuchten Länder weltweit.

Die Einnahmen aus dem Tourismus lagen 2009 bei 21,3 Milliarden US-Dollar. Das ehrgeizige Ziel der Branche: Bis 2023 soll die Türkei zu den fünf attraktivsten Ländern für den Tourismus gehören, sowohl im Hinblick auf die Besucherzahlen als auch in Bezug auf die Einkünfte.

Transport und Logistik

Auch in der Transport- und Logistikbranche stehen aktuell Privatisierungen und die Vergabe von zeitlich begrenzten Konzessionen für den Bau und Betrieb von Infrastrukturprojekten im Vordergrund. In August 2011 hat die Regierung den Bau von acht Autobahnstrecken und zwei Bosporus-Brücken öffentlich ausgeschrieben.