Smart Home ist beileibe kein Selbstläufer

PwC-Studie: Smart Home vor dem Durchbruch. Bis 2030 wird dem Markt für vernetzte Haustechnik eine Verzehnfachung zugetraut. Gleichwohl muss die Branche zunächst eine Reihe wichtiger Herausforderungen meistern. PwC-Partner Ralph Niederdrenk und Senior Manager Timo Hofmann erläutern, worauf es ankommt.

Im Gespräch mit den PwC-Experten Dr. Ralph Niederdrenk und Timo Hofmann


Dr. Ralph
Niederdrenk

Herr Niederdrenk, wie sehen die Prognosen für den Smart-Home-Markt konkret aus?

Dr. Ralph Niederdrenk: Unsere Studie hat ergeben, dass im Jahr 2030 ungefähr jedes dritte neu gebaute oder renovierte Haus über automatisierte und vernetzte Elektronik, Heizung oder Lüftung verfügen dürfte – im Vergleich zu heute wäre dies eine Verzehnfachung. Laut den von uns befragten Unternehmen liegt die Marktdurchdringung von Smart Home derzeit lediglich bei durchschnittlich 3 Prozent, bis 2017 dürfte die Rate auf 10 Prozent und bis 2030 auf 30 Prozent steigen. Für unsere jährlich durchgeführte Studie „Baubranche aktuell“ haben wir von Oktober bis Dezember 2014 Geschäftsführer sowie Experten von 30 führenden Unternehmen der Deutschen Bauwirtschaft und Baustoffindustrie befragt.


Timo
Hofmann

Herr Hofmann, das klingt ja nach einem Selbstläufer, oder gibt es auch Hindernisse?

Timo Hofmann: Das ist beileibe kein Selbstläufer. Die Branche muss dringend eine Reihe von Herausforderungen adressieren, um das große Potenzial von Smart Home zu heben. Zum Beispiel sollten zeitnah Standards definiert werden. Solange dies nicht geschehen ist, werden viele Endanwender den Kauf noch hinauszögern. Außerdem muss die Branche kurzfristig den konkreten Nutzen besser hervorheben und attraktive Anwendungsfelder aufzeigen, da Endkunden Innovationen in der Regel nur begrenzt Aufmerksamkeit schenken. Um die Marktdurchdringung deutlich zu steigern, werden nicht zuletzt die Preise für Smart Home sinken müssen. Aktuell können Smart-Home-Systemlösungen für ein Einfamilienhaus je nach Umfang 5.000 bis 10.000 Euro und mehr kosten. Als Faustregel sprechen Experten von circa 1.000 Euro pro Zimmer.

Was heißt das für den Vertrieb?

Niederdrenk: Auch hier gilt, entscheidend für den Erfolg von Smart Home wird eine effiziente und von den Anbietern steuerbare Vermarktung sein; entweder über Handwerker oder über andere Vertriebskanäle wie Baumärkte oder Internetplattformen. Für den Markterfolg von Smart Home entscheidend sind daher der Handel und das Handwerk, da diese den Endkundenkontakt pflegen und bei der Installation der Smart-Home-Lösungen involviert sind. Klar ist: Die Anbieter von Smart-Home-Lösungen müssen in Aus- und Weiterbildung investieren.

Fehlt nicht auch ein einheitliches Qualitätssiegel?

Hofmann: In der Tat. Die Einführung eines Smart-Home-Siegels soll als wichtige Orientierungshilfe dienen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie will zudem mit seinem „Zertifizierungsprogramm Smart Home + Building“ dazu beitragen, Deutschland zu einem Leitmarkt für Smart-Home-Produkte und -Technologien zu entwickeln.

Welche Anbieter haben die besten Chancen in diesem Markt?

Niederdrenk: Derzeit versuchen viele Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen, sich Marktanteile bei Smart Home zu sichern. Dabei räumen die befragten Unternehmen den Gebäudetechnikherstellern die größten Chancen ein, das Thema langfristig erfolgreich zu besetzen. Doch bereits auf Platz zwei und drei der Umfrage tauchen Unterhaltungselektronikhersteller und Internetspezialisten wie Apple oder Google auf. Dies ist besonders interessant, da diese Unternehmen ursprünglich nichts mit Gebäudetechnik zu tun hatten.