Börsengang bei Familienunternehmen: Reputation und Kontrolle sind wichtiger als Gewinne

Wenn Familienunternehmen an die Börse gehen, geben sie sich mit weniger Erlösen zufrieden als andere Unternehmensformen. Im Durchschnitt verzichten sie beim Börsengang auf zehn Prozent des Marktwerts der ausgegebenen Aktien. Eine Studie von PwC und der WHU – Otto Beisheim School of Management untersucht, welche Beweggründe hinter diesem Verhalten stecken. Der wichtigste Grund: Für Familienunternehmen sind beim Börsengang nicht-wirtschaftliche Ziele wichtiger. Sie versuchen, den Kontrollverlust und die Risiken für einen Reputationsverlust zu minimieren.

Börsengänge sind für Familienunternehmen ein zweischneidiges Schwert: Einerseits ist ein solcher Schritt für viele inhabergeführte Unternehmen tabu, denn sie fürchten, die Kontrolle über ihr eigenes Unternehmen zu verlieren. Andererseits kann ein Börsengang ein attraktiver Weg sein, um an neues Kapital für Wachstum, Transaktionen oder Innovationen zu kommen und unabhängiger von Banken zu werden. Ein weiteres Argument für den Börsengang: Familienunternehmen können so ihren Bekanntheitsgrad steigern.

Familienunternehmen akzeptieren beim Börsengang niedrigere Bewertung

Für die Studie „IPO-Underpricing in Familienunternehmen“ haben PwC und die WHU – Otto Beisheim School of Management 153 Börsengänge deutscher Unternehmen im Zeitraum 2004-2011 untersucht. Die Analyse kommt zu folgendem Ergebnis: Familienunternehmen sind bereit, beim Börsengang eine niedrigere Bewertung in Kauf zu nehmen. Der Preisabschlag ist um rund zehn Prozentpunkte höher als bei nicht-familiengeführten Kapitalgesellschaften. Dieses sogenannte Underpricing beschreibt beim Börsengang die Differenz, die entsteht, wenn neu emittierte Aktien günstiger angeboten werden, als es der Marktwert rechtfertigen würde.

Die Analyse zeigt drei zentrale Beweggründe, wieso Familienunternehmen diese Verluste in Kauf nehmen:

  • Breitere Streuung der Aktien: Underpricing sorgt für eine Überzeichnung der Aktien. Dadurch werden die Anteile breiter unter den neuen Anteilseignern gestreut. Familienunternehmen behalten so die Kontrolle über ihr Unternehmen.
  • Geringeres Risiko für ein Scheitern des Börsengangs: Ist ein Underpricing nicht möglich, zeichnen einige Investoren die Aktie nicht. Dadurch kann der Börsengang platzen. Mögliche Verluste für das Scheitern wie Kosten für Roadshows und Marketing oder der Reputationsverlust lassen sich durch Underpricing also möglicherweise verhindern.
  • Reduziertes Risiko von Gerichtsverfahren: Fehlgeschlagene Börsengänge haben oftmals kostspielige und langwierige Gerichtsprozesse zur Folge. Durch Underpricing lässt sich dieses Risiko minimieren.

„Familienunternehmen sind bereit, bei einem Börsengang auf wirtschaftliche Gewinne zu verzichten, um ihre nicht-wirtschaftlichen Ziele nicht zu gefährden. Deshalb nehmen sie eine niedrigere Börsenbewertung in Kauf. Was im ersten Moment unprofessionell erscheint, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein langfristig kluges Verhalten“, fasst Dr. Peter Bartels, PwC-Vorstand und Leiter des Bereichs Familienunternehmen und Mittelstand die Ergebnisse der Studie zusammen.

Familienunternehmen müssen entscheiden: Wie viel Gewinn kann ich opfern?

Peter Bartels empfiehlt familiengeführten Unternehmen, die einen Börsengang planen, sich bewusst zu werden, dass die Strategie des Underpricings ihnen möglicherweise hilft, wichtige nicht-finanzielle Ziele zu erreichen. „Im Gegenzug müssen sie aber auf wirtschaftlichen Gewinn verzichten. Sie müssen folglich entscheiden, wie viel Gewinn sie bereit sind, für nicht-wirtschaftliche Ziele zu opfern“, so Bartels. Um die Verluste zu minimieren rät er: „Familienunternehmen könnten sich beim Gang an die Börse zum Beispiel dazu entschließen, eine geringere Anzahl an Aktien zu veräußern und erst später zusätzliche Aktien verkaufen.“

Weitere Informationen bietet die Studie „IPO-Underpricing in Familienunternehmen“. Sie steht zum Download zur Verfügung.

Bibliographische Daten

IPO-Underpricing in Familienunternehmen

Autoren

Max Leitterstorf (WHU)
Sabine Rau (WHU)

Herausgeber

PwC

Bibliographie/Quelle

Juli 2013
32 S.

Preis

kostenlos