Die Finanzkrise hat auch der Diskussion um die Überlebensfähigkeit des Modells "Soziale Marktwirtschaft" neue Nahrung gegeben. Sind Unternehmen überhaupt Willens und in der Lage, außerhalb gesetzlicher Pflichten einen kontinuierlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung zu geben, lautet die Frage. Und gerade mittelständische Unternehmen können hier Antworten geben. Denn dort entscheidet nicht Rendite, sondern die Nachhaltigkeit der Geschäftstätigkeit.
"Eine angemessene Kapitalverzinsung ist wichtig, aber kein Ziel an sich. Wir fragen immer wieder: Was hat unser Unternehmen in 20, 50 oder 80 Jahren davon?" so äußert sich beispielsweise Dr. Jürgen Heraeus im aktuellen Geschäftsbericht der Heraeus AG zum Thema Nachhaltigkeit.Aus dieser Langzeitbetrachtung heraus resultiert die Notwendigkeit für ein Unternehmen, die Anforderungen seiner Anspruchsgruppen (Stakeholdern) systematisch zu erfassen und zu bewerten. Nur so lassen sich die Bedürfnisse unter anderem von Verbraucherschützern, Mitarbeitern, Kunden und Kommunalpolitikern vorausschauend in das Geschäftsmodell integrieren. Neue Produkte und Märkte können so gezielter erschlossen, aber auch Reputation und Marke gestärkt werden. Konflikten im Umfeld kann präventiv begegnet und Gesetzgebungsvorhaben auf Branchenebene durch Selbstverpflichtungen entgegengewirkt werden. Nachhaltigkeit wird so zum Flankenschutz für die Umsetzung der Unternehmensstrategie.
"Außerdem werden mittelständische Unternehmen als Zulieferer mittlerweile von ihren Industriekunden in Sachen Nachhaltigkeit besonders gefordert. Code of Conducts zu Menschenrechten, Mindestlohn, Umweltschutz, Anti-Korruption oder Kinderarbeit müssen den Kunden bestätigt und in der eigenen Lieferkette sicher verankert werden", weiß Dieter Horst, Sustainability-Experte bei PwC in Frankfurt. "Denn immer stärker setzt sich durch, dass Industriekunden Auditoren beauftragen, die Übereinstimmung mit den Regeln eines verantwortlichen Wirtschaftens vor Ort zu prüfen."
Mittelständische Unternehmen, die ihre bisher schon gelebte Unternehmensverantwortung nach außen darstellbar gestalten wollen, sollten im ersten Schritt die bereits in der Vergangenheit eingerichteten Systeme und Prozesse erfassen. Umwelt- und Qualitätsmanagement, Aus- und Weiterbildung, Kundenbefragungen oder karitatives Engagement - an vielen Stellen haben Unternehmen bereits Teilelemente eines Nachhaltigkeitsmanagements etabliert. Diese gilt es zu bündeln und in ein Gesamtbild der bisherigen Tätigkeiten zu fassen, um eine weitere Koordination zu erleichtern. Sicherlich macht es Sinn, das Vorhandene mit den Anforderungen der Stakeholdergruppen abzugleichen, Prioritäten zu setzen und Ergänzungen vorzunehmen.
Gesetzliche Vorgaben, freiwillig übernommene Anforderungen und selbstgewählte Verpflichtungen bilden dann den Handlungsrahmen. Dieser sollte als Leitlinie zusammengefasst natürlich auch an die eigenen Zulieferer als Orientierung weitergegeben werden, denn viele Mittelständler lassen ihrerseits im Ausland produzieren beziehungsweise beziehen von dort Waren und Rohstoffe. Der Zusammenschluss in Brancheninitativen zur gemeinsamen Ausgestaltung allgemeingültiger Leitlinie empfiehlt sich.
"Es ist aber auch wichtig, die erreichten Erfolge und noch geplante Maßnahmen nicht nur an die direkten Kunden zu berichten, sondern auch weiteren wichtigen Anspruchsgruppen mitzuteilen", so Horst weiter. "So können Mitarbeiter, Anwohner, Kreditgeber und Behörden über das Internet oder mit einem Nachhaltigkeitsbericht regelmäßig informiert werden." Bei dieser Berichterstattung ist es von besonderer Bedeutung, transparent zu berichten, kritische oder kontroverse Themen nicht auszusparen und offen Stellung zu beziehen.
Dass alle berichteten Faktenangaben richtig sein müssen, versteht sich von selbst. Hier kann eine externe Prüfung der Angaben durch einen Wirtschaftsprüfer helfen, sicher und genau zu berichten. Neben der Datenqualität ist aber auch die Fokussierung auf die für den Unternehmenserfolg wesentlichen und entscheidenden Nachhaltigkeitsthemen sowie ihre griffige Darstellung wichtig.
Mit Leistungsdaten zum Wasser-Fußabdruck oder der durch die Produkte des Unternehmens eingesparten CO2-Menge trifft man aktuelle Themen und Publikumsinteresse gleichermaßen. Mit der Aufschlüsselung der Wertschöpfung kann gezeigt werden, was das Unternehmen an Finanzmitteln an den Staat via Steuerzahlung, an seine Mitarbeiter und an seine Lieferanten weitergibt - und belegt damit seine Rolle als "guter Unternehmensbürger".
Nicht zuletzt kann ein Unternehmen zeigen, wie innovative Dienstleistungen und Produkte helfen, die Herausforderungen der Zukunft zu Geschäftschancen umzumünzen - auch zum Nutzen künftiger Generationen.