Die Qual der Wahl: Integrierte oder separate Berichterstattung über Nachhaltigkeit?

06 Juli, 2017

Eigentlich sollen Unternehmen Anleger, Aktionäre, Analysten und andere Interessierte gleich informieren. So fordert es der Deutsche Corporate Governance Kodex. Und über die Nachhaltigkeit ihres Wirtschaftens sollen sie eigentlich ausführlich berichten. Das fordert unter anderem das Handelsgesetzbuch. Damit müsste eigentlich der herkömmliche Nachhaltigkeitsbericht aufgehen in der jährlichen Unternehmensberichterstattung. Doch durch die zusätzliche Aufnahme der Nachhaltigkeitsinformationen würde diese nahezu unüberschaubar – eine Zwickmühle.

Anforderungen an die Unternehmensberichterstattung gibt es mehr als genug. Doch Regeln, wie Unternehmen ihre Außendarstellung praktisch gestalten, welche Informationen sie welchen Zielgruppen wie zukommen lassen sollen, sind verzwickt. So verlangt der Deutsche Corporate Governance Kodex seit seiner Revision im Juni 2009, dass Unternehmenslenker eine Reihe "weicher" Faktoren berücksichtigen. Doch wie sie über deren Einhaltung berichten sollen, bleibt umstritten.

Nachhaltigkeitsmanagement schafft Grundlage für Reports

Um überhaupt sinnvoll und konsistent über die geforderten Fakten zur Nachhaltigkeit ihres Wirtschaftens berichten zu können, müssen Unternehmen Forderungen wie die nach "Diversity" - also der angemessenen Vielfalt bei der Besetzung und Entlassung von Vorstand und Aufsichtsrat - zunächst in messbare Größen gießen. Wann ist ein Vorstand hinreichend vielfältig, wann ein Vergütungssystem angemessen?

Im zweiten Schritt brauchen Unternehmen Reporting-Systeme, die eine zuverlässige regelmäßige Berichterstattung über alle Aspekte nachhaltigen Wirtschaftens ermöglichen. Kunden, immer professionellere Interessen- und Anspruchsgruppen und immer stärker auch Investoren und Finanzanalysten wachen über "Sustainability" mit Argusaugen.

Nachhaltigkeit als Anforderung an eine gute Unternehmensführung:

  • Ziel der nachhaltigen Wertschöpfung und der Sicherung des Fortbestehens
  • Belange von Aktionären, Mitarbeitern und weiteren Stakeholdergruppen
  • Diversity
  • Angemessene Vergütung des Managements

Berichterstattung über Nachhaltigkeit kennt zwei Kanäle

Nachhaltigkeitsberichte gehören nicht zuletzt wegen des großen öffentlichen Interesses bei Unternehmen inzwischen nahezu zum "guten Ton". Doch dem Grundsatz nach gehören alle wesentlichen Informationen zur Lage einer Gesellschaft in den Konzernabschluss. Schließlich - so regelt es der Deutsche Corporate Governance Kodex für börsennotierte Unternehmen - werden "Anteilseigner und Dritte (...) vor allem durch den Konzernabschluss informiert."

Das gilt umso mehr, seit der Gesetzgeber mit dem Bilanzrechtsreformgesetz (BilReG, 2004) den Paragrafen 289 des Handelsgesetzbuchs (HGB) geändert hat: Auch er verlangt mittlerweile zumindest von großen Kapitalgesellschaften, auch "nichtfinanzielle Unternehmensangaben, wie Informationen über Umwelt- und Arbeitnehmerbelange," im Konzernlagebericht aufzunehmen, soweit sie für das Verständnis des Geschäftsverlaufs oder der Lage von Bedeutung sind. Und das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG) fordert darüber hinaus, dass in die Erklärung zur Unternehmensführung "relevante Angaben zu Unternehmensführungspraktiken, die über die gesetzlichen Anforderungen hinaus angewandt werden" aufzunehmen sind.

In Dänemark hat der Gesetzgeber Unternehmen bereits verpflichtet, eine Berichterstattung für Shareholder und Stakeholder insgesamt aufzusetzen. So sind als Teil des Berichts der Unternehmensleitung auch die ökologische und gesellschaftliche Leistungsfähigkeit und weitere Stakeholderbelange (Corporate Social Responsibility) in den Jahres- beziehungsweise Konzernabschluss eines Unternehmens einzubinden.

Darin fordert die Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex, dass alle wirtschaftlich orientierten Akteure wie Aktionäre, Finanzanalysten und vergleichbare Adressaten gleich zu behandeln sind.

Wie sehr sich die Finanz-Experten inzwischen für den Faktor "Sustainability" interessieren, zeigt sich unter anderem daran, dass die Europäische Vereinigung von Finanzanalysten (European Federation of Financial Analysts Societes, EFFAS) mit den "KPIs for ESG - A guideline for the Integration of ESG into Financial Analysis and Corporate Valuation" einen Katalog von Kennzahlen aus den Bereichen Umwelt, Gesellschaft und Governance entwickelt hat, nach dem sich Unternehmen bei ihrer Berichterstattung richten können.

Starke Argumente für separate Berichterstattung über Nachhaltigkeit

Dennoch stellt die eindeutige Mehrheit der deutschen Unternehmen ihre Aktivitäten rund um das Thema Nachhaltigkeit in gesonderten Nachhaltigkeitsberichten dar. Denn Corporate-Governance-Berichte, wie sie der Deutsche Corporate Governance Kodex vorsieht, sollen in erster Linie die Transparenz und das Vertrauen der Aktionäre und anderer Kapitalmarkt-Akteure stärken.

Nachhaltigkeitsberichte sind in der Regel für eine breitere Leserschaft aus dem Stakeholder-Universum des Unternehmens bestimmt.

In Nachhaltigkeitsberichten werden die wesentlichen ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekte der Unternehmenstätigkeit und ihrer Wechselwirkungen in ausgeglichener Weise dargestellt. Dadurch können die Einflüsse der wirtschaftlichen Tätigkeit auf das Umfeld ausführlicher und aus unterschiedlichen Perspektiven - statt rein ökonomisch - beschrieben werden. Denn die Geschäftsberichterstattung muss - soll sie im Umfang verhältnismäßig bleiben und das Kriterium der Lesbarkeit weiterhin erfüllen können - auf die ökonomischen Effekte nachhaltigen Wirtschaftens zur Darstellung der Unternehmenslage und -entwicklung fokussieren.

Für die Berichterstattung an Stakeholder haben sich inzwischen freiwillige Berichtsstandards etabliert - beispielsweise die Richtlinien  der Global Reporting Initiative (GRI), die bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung von Organisationen überwiegend angewendet werden.

Im Gespräch mit Hendrik Fink, Leiter des Bereichs Sustainability von PwC.

Zu welcher Form der Berichterstattung über Nachhaltigkeit raten Sie Unternehmen - separat oder integriert in den Konzernabschluss?

Hendrik Fink: Wir stellen fest, dass - gerade in der Finanzkrise - Banken, Anleger und Analysten wissen wollen, wie nachhaltig Unternehmen agieren, wie sie ihre Existenz langfristig sichern. Deshalb dürfen Nachhaltigkeits-Aspekte in der regulären Berichterstattung nicht fehlen. Gleichzeit werden jedoch Stakeholder wie Umwelt- oder Menschenrechtsgruppen immer professioneller. Für Kunden und Mitarbeiter ist unternehmerische Verantwortung in der Produkt- und Arbeitswelt zunehmend wichtig. Ihren Ansprüchen in der regulären Finanzberichterstattung gerecht werden zu wollen, würde wohl in vielen Fällen den Rahmen sprengen.

Also keine Chance für das dänische Modell der integrierten Berichterstattung?

Fink: Aspekte nachhaltiger Unternehmensführung in die reguläre Finanzberichterstattung zu integrieren, bietet sicherlich viele Vorteile - gerade weil Kapitalgeber der Nachhaltigkeit immer größere Aufmerksamkeit schenken. Messbare Leistungskennzahlen - sogenannte Non-Financials - ergänzt um die wesentlichen qualitativen Aussagen zur Nachhaltigkeit komplettieren das Bild zur Geschäftslage, so fordert es ja auch bereits heute der Gesetzgeber. Letztlich sind in der Umsetzung aber individuelle Lösungen gefragt, die den Bedürfnissen des jeweiligen Unternehmens und aller Interessen- und Anspruchsgruppen gerecht werden. Solche Lösungen entwickeln wir aktuell in verschiedenen Projekten mit unseren Mandanten.

Läuft man bei individuellen Lösungen nicht Gefahr, Berichtspflichten zu verletzen; gleichsam den Boden des Gesetzes zu verlassen?

Fink: Bei der Wahl zwischen integrierter und separater Berichterstattung lassen sowohl die Regierungskommission als auch der Gesetzgeber Unternehmen viel Spielraum. Beide Lösungen lassen sich - so zeigen es Beispiele aus der Praxis - mit den deutschen Corporate-Governance-Systemen und den handelsrechtlichen Vorgaben vereinbaren. Das darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass die Ausgestaltung und auch die Prüfung von Finanzberichterstattung, Nachhaltigkeitsberichterstattung oder der Kombination aus beidem anspruchsvolle Unterfangen sind.

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