Gemeinsame Plattform könnte helfen Nachhaltigkeit in der Lieferkette zu sichern

Immer aufwändiger wird es für Unternehmen, die Abfragen ihrer Kunden zum nachhaltigen und sozialverträglichen Wirtschaften, ihrer Corporate Social Responsibility (CSR), abzuarbeiten. "Gerade kleine und mittelständisch denkende Unternehmen kommen bei umfangreichen CSR-Anfragen großer Konzerne schnell an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit", beobachtet Barbara Wieler, Senior Managerin im PwC-Bereich Sustainability Services. Sie ist überzeugt: Eine gemeinsame, allseits anerkannte Plattform könnte den Informationsaustausch deutlich erleichtern.

Barbara Wieler
Barbara Wieler

Im Gespräch mit Barbara Wieler, Expertin im PwC-Team Sustainability Services

Unternehmen knüpfen immer komplexere Lieferketten, um unterschiedlichste Standort-, Spezialisierungs und andere Vorteile auszunutzen. Gleichzeitig verlangen Kunden immer genauere und detailliertere Informationen über Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility in der Lieferkette. Kommen Unternehmen da überhaupt noch nach?

Barbara Wieler: Kaum. Selbst bei größtem eigenen Engagement für Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility ist es extrem aufwändig, CSR-Standards in der Lieferkette zu etablieren und deren Einhaltung sicherzustellen. Besonders kleine und mittelständisch denkende Unternehmen spüren außerdem immer deutlicher den Aufwand für die Beantwortung von Kundenanfragen zu CSR. Denn Standards gibt es kaum, abgefragt werden immer wieder andere Fakten und Daten.

Wer sich um Nachhaltigkeit in der Lieferkette bemüht, gerät leicht in eine Sandwich-Position zwischen seinen Kunden und den eigenen Zulieferern. Welche Möglichkeiten für Unternehmen sehen Sie, als Teil weltweiter Supply-Chains mit der problematischen Lage umzugehen?

Wieler: Der Gedanke an eine gemeinsame Online-Plattform für CSR-Informationen drängt sich auf: Unternehmen hätten schnell Zugriff auf Informationen über aktuelle und potenzielle Lieferanten; ihre eigenen Informationen müssten sie nur noch an einer Stelle pflegen. Gemeinsam mit der Kommunikationsagentur Johansen + Kretschmer haben wir von PwC in einer Vorstudie für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) kürzlich die Erarbeitung eines Konzepts für eine solche "KMU-freundliche CSR Supply Chain Management-Plattform" geprüft: Die Akzeptanz einer solchen Plattform scheint groß.

Wenn sich die weltweite Nummer 1 im Feld der Wirtschaftsprüfung des Themas annimmt und ein Online-Tool in die Diskussion wirft, riecht das nach Standards, Regeln und Pflichtfeldern. Oder wie könnte eine gemeinsame Plattform Ihrer Meinung nach ausgestaltet sein?

Wieler: In den Gesprächen mit Unternehmen und Wirtschaftsverbänden, die wir für die Vorstudie im Auftrag des BMAS geführt haben, wurde deutlich: Eine gewisse Standardisierung empfinden viele als hilfreich. Denn sie erleichtert die Aufbereitung, Verarbeitung und Weitergabe der Informationen. Freifelder, in denen individuelle, besondere Informationen erscheinen, müssen allerdings ebenfalls enthalten sein.

Lässt sich mit solch einer gemeinsamen Plattform der Wust von Informationen, Reports und Daten zu Nachhaltigkeit und Sustainability wirklich lichten? Oder ist eine solche Plattform nicht nur ein weiterer Aufwandstreiber?

Wieler: Eine Plattformlösung kann nach unserer Vorstudie Akzeptanz finden, wenn sie Unternehmen entlastet und nicht zusätzlich belastet. Der Wust entsteht zum großen Teil durch unzählige unterschiedliche Lieferantenfragebögen, mit denen Kunden erkunden, wie Nachhaltigkeit in der Lieferkette und in der eigenen Produktion verfolgt wird. Dieses Auskunftswesen zu strukturieren und wo möglich zu vereinfachen, verringert das Durcheinander. Als wertschöpfende Potenziale sehen die Interviewpartner unserer Vorstudie: Kostenreduktionen, Optimierungen in der Akquise und Zeitersparnisse vor allem im Präqualifizierungsprozess.

Wenn eine gemeinsame Online-Plattform so vielversprechend klingt – wann geht sie dann an den Start?

Wieler: Unsere Vorstudie zur Erarbeitung eines Konzepts für eine "KMU-freundliche CSR Supply Chain Management-Plattform" ist ein Baustein im Rahmen der Leitidee "Corporate Social Responsibility - Made in Germany", mit der die Bundesregierung die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen in Deutschland stärken und vor allem kleine und mittlere Unternehmen dafür gewinnen will. Die Vorstudie hat auch gezeigt: Wirklich sinnvoll ist eine gemeinsame Plattform nur, wenn sie europa- oder noch besser weltweit anerkannt und genutzt wird. Bis zum Start ist also noch ein weiter Weg zu gehen – selbst wenn alle Beteiligten die Idee mittragen.