Grüner Aufschwung in China?

Die chinesische Regierung hat das Thema Nachhaltigkeit zu einem zentralen Bestandteil ihres zwölften Fünf-Jahres-Plans für die Jahre 2011 bis 2015 gemacht. Sie fördert gezielt neue Umwelttechnologien. Noch steht das Land allerdings vor erheblichen Umweltproblemen. Über die Ziele der chinesischen Führung und ihre Motive sprechen Jens-Peter Otto, Leiter der China Business Group bei PwC, und Hendrik Fink, PwC-Nachhaltigkeitsexperte, im Interview.

Im Gespräch mit Jens-Peter Otto und Hendrik Fink:


Jens-Peter Otto  

Die chinesische Regierung hat sich für ein nachhaltiges Wachstum ausgesprochen. Was hat sie sich genau vorgenommen?

Jens-Peter Otto: China kämpft mit großen Umweltproblemen und hat einen enorm hohen Energie- und Wasserbedarf – eine Folge des schnellen Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahre. Hier setzen die Nachhaltigkeitsziele der Regierung an. Sie will vor allem den Ausstoß von Kohlendioxid verringern, um 40 bis 45 Prozent bis zum Jahr 2020. Der Energieverbrauch pro erwirtschaftetem Yuan soll bis zum Jahr 2015 um 16 Prozent gesenkt werden. Insgesamt wird der Anteil an Energie aus Kohle in den kommenden Jahren sinken, der aus erneuerbaren Energien wie Wind-, Wasser- und Solarkraft steigen. Allerdings möchte China an der Atomkraft weiter festhalten, trotz der Nuklear-Katastrophe in Japan. Ein weiteres wichtiges Ziel ist die Sicherung von sauberem Wasser. Hier plant die chinesische Führung, die Infrastruktur des Landes weiter auszubauen und auch die ländlichen Regionen an die Wasserversorgung anzuschließen.


Hendrik Fink

Wie ernst nehmen Sie diese Ziele - sind das zunächst nur Parolen?

Hendrik Fink: Die chinesische Führung vertritt sehr ehrgeizige Ziele, sie investiert mehr Gelder in grüne Technologien als jede andere Nation. Das Land unternimmt große Anstrengungen im Umweltschutz und hat strenge Richtlinien zum Kohlendioxid-Ausstoß, zur Förderung erneuerbarer Energien und zur Energie-Effizienz aufgestellt. Allerdings muss man genau hinter die Zahlen schauen: Der Anteil an Stromerzeugung aus Kohle soll zwar gesenkt werden, allerdings nur von 70 auf 62 Prozent des Energiemixes. Auch die Klimaschutzziele klingen ambitionierter, als sie eigentlich sind. Wenn man von einem jährlichen Wirtschaftswachstum von acht Prozent ausgeht, dürfen die absoluten Emissionsmengen um 75 bis 90 Prozent steigen – die Zielmarke für 2020 wird dennoch erreicht, da die relative Absenkung der Emissionen erfolgt ist. Insgesamt stellen wir aber ein Umdenken fest, weg vom Wachstum um jeden Preis, hin zu einem moderateren, grüneren Aufschwung. Das ist auch Ergebnis des "China Greentech Report 2011" der China Greentech Initiative, an der PwC beteiligt ist.

Welche Motive der chinesischen Staatsführung stecken dahinter?

Otto: Die Führung setzt sich langfristig für Nachhaltigkeit ein, um die Umweltprobleme Chinas in den Griff zu bekommen. Gelingt das dem Land nicht, ist das weitere Wirtschaftswachstum gefährdet. Beispiel Wassermangel: Gibt es zu wenig industrielles Nutzwasser, müssen Unternehmen ihre Produktion stoppen. Zudem steht das Land vor sozialen Problemen. Bereits jetzt sterben durch die Luftverschmutzung in China jährlich 665.000 Menschen, weitere 95.000 durch verschmutztes Trinkwasser. Das hat eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO ergeben. Die Umweltverschmutzung ist eine Bedrohung für die soziale und wirtschaftliche Stabilität im Land. Das ist der Führung bewusst.

Fink: Hinzu kommt die Abhängigkeit vom Öl. China muss 50 Prozent des Öls importieren und ist damit stark vom Weltmarkt und dessen Preisen abhängig – zumal das Land im Vergleich zu anderen Nationen einen immens hohen Energieverbrauch hat, höher als die USA. Daher sind neue Lösungen notwendig.

Welche Rolle spielt Green Technology in China?

Fink: Der Markt boomt und bietet enorme Wachstumschancen. China hat grüne Technologien mit unglaublicher Geschwindigkeit vorangebracht. Bis 2020 soll Greentech mit 15 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitragen, dafür braucht China auch Know-how aus dem Ausland. Die Staatsführung unterstützt dieses Wachstum durch strenge Umweltauflagen und Regulierungen. Die Technologie hat das Potenzial, einen wesentlichen Beitrag zur Lösung der Umwelt- und Energieprobleme Chinas zu liefern. Allerdings wird dieses Potenzial noch nicht konsequent genutzt. Beispiel Stromversorgung: Ein Drittel der Windenergie wurde bis Ende 2009 noch nicht in das Stromnetz gespeist, weil es technische Probleme gab. Zudem produzieren die Windräder teilweise weniger Energie als ähnliche Anlagen in den USA oder Europa.

Welche Chancen sehen Sie für deutsche Unternehmen auf dem Markt?

Otto: China will zu einem Global Player in Umwelttechnologien werden, das Land sieht darin einen großen Wachstumsmarkt. Deutschland hat mit seinen innovativen Umwelttechnologien dort gute Chancen. Allerdings fühlen sich deutsche Unternehmen häufig bei Ausschreibungen benachteiligt. Aufträge werden in China vor allem über den Preis gewonnen, das setzt voraus, dass die Unternehmen auch in China produzieren. Deutsche Firmen zögern noch, ihre aktuellste Technologie in China fertigen zu lassen – sie haben Angst vor Technologieklau. Aber gerade innovative Technologie soll nach den Plänen der chinesischen Regierung besonders gefördert werden. Umgekehrt werden auch chinesische Unternehmen versuchen, auf den europäischen Märkten Fuß zu fassen. Deutsche Unternehmen müssen sich daher auf einen härteren Wettbewerb einstellen.

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