ISO 26000: Unternehmer profitieren von der Auseinandersetzung mit der neuen Leitlinie

ISO 26000 provoziert Fragen: Wie umgehen mit dieser neuen Leitlinie für gesellschaftliches Engagement, die kein Standard und nicht einmal verbindlich ist? Wie spielt ISO 26000 mit anderen Corporate Responsibility Standards zusammen? Warum sollte man sich überhaupt damit befassen? "Weil dieser Leitfaden das Ergebnis eines globalen Verständigungsprozesses zur unternehmerischen Nachhaltigkeit ist und die Themen aufgreift, die den Erfolg von Unternehmen langfristig mitbestimmen werden ", meint Andreas Bröcher, Partner im PwC-Bereich Sustainability.

Andreas Bröcher
Andreas
Bröcher

Die ISO 26000 enthält Empfehlungen zur gesellschaftlichen Verantwortung, aber ohne verbindliche Vorschriften. Wie sinnvoll ist die neue Leitlinie?

Andreas Bröcher: ISO 26000 ist das Ergebnis des umfangreichsten Konsultationsprozess, der im Rahmen der ISO je stattgefunden hat. 400 Experten aus 99 Ländern haben einen breiten internationalen Konsens darüber erreicht, wie Unternehmen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden können. Den Konsens tragen unterschiedlichste Interessengruppen, die Stakeholder, mit: Vertreter von Unternehmen, Regierungen, Verbraucher-, Arbeitsschutz- und Nichtregierungsorganisationen - auch aus Schwellen- und Entwicklungsländern. Weil die ISO-Leitlinie den Status einer Richtlinie hat und damit Empfehlungen formuliert, bleibt Unternehmen die Freiheit zu entscheiden, wie sie die Inhalte sinnvollerweise umsetzen. Die ISO 26000 gibt hierbei die Leitlinien vor.

Warum ist die ISO 26000 keine verbindliche Norm?

Bröcher: Die ISO 26000 ist eine Handlungsanleitung, kein zertifizierbarer Standard, weil ihre Themen und Bereiche nicht für alle Unternehmen in gleicher Weise relevant sind. ISO 26000 ist zunächst einmal der Aufruf an Unternehmen, sich aktiv mit den vielfältigen Themen der Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen. Letztlich sollen und müssen Unternehmen jedoch selbst darüber entscheiden, welche Inhalte für sie relevant sind und wie sie sie umsetzen. Manche harte Regeln würden Unternehmen beispielsweise in Schwellenländern schlicht überfordern oder dem kulturellen Kontext, in dem Unternehmen weltweit agieren, nicht gerecht werden. Durch die Flexibilität und den allgemeinen Konsens, welche die ISO 26000 bietet, konnten sich trotzdem China und andere Schwellenländer verpflichten, verantwortungsbewusstes Wirtschaften zur Norm zu machen. 

Welchen Stellenwert hat die ISO 26000 in der vielfältigen Welt der Nachhaltigkeitsstandards? 

Bröcher: Die ISO 26000 lässt sich am besten als eine Art Gebrauchsanleitung und Begriffskompendium für unternehmerische Verantwortung, für Corporate Responsibility (CR) umschreiben. Sie bildet einen übergeordneten Rahmen für ein umfassendes CR-Management und weiterführende CR-Standards und beschreibt die wesentlichen Elemente und Themen für ein systematisches Nachhaltigkeitsmanagement. Wer sein Handeln nach der ISO 26000 ausrichtet, setzt sich aktiv mit den sieben Kernthemen der Leitlinie auseinander: Governance, Menschrechte, Arbeitsbedingungen, Umwelt, faire Betriebspraktiken, Konsumententhemen und Gesellschaftliches Engagement. Darüber hinaus verweist die ISO 26000 selbst auf relevante internationale Initiativen, wie Global Compact, und internationale Standards, etwa AccountAbility 1000, die Unternehmen weiterführende Orientierung und themenspezifische Hilfestellung geben sollen.

Welche Vorteile bietet die ISO 26000? 

Bröcher: Organisationen können mit Hilfe der ISO 26000 vor allem die Komplexität des Themas Nachhaltigkeit erschließen, relevante Handlungsfelder identifizieren und gleichzeitig Struktur in ihre bisherigen Maßnahmen und Projekte bringen. Unternehmen, die schon entwickelte Nachhaltigkeitsmanagementsysteme haben, können außerdem unter Berücksichtigung der ISO 26000 und der weiterführend aufgelisteten Standards gezielt Einzelaspekte optimieren und noch vorhandene Lücken schließen. Wer gesellschaftliche Verantwortung systematisch nach der Anleitung der ISO 26000 wahrnimmt, reduziert erstens einmal das Risiko, negativ in die Schlagzeilen zu geraten. Missstände in der Lieferkette aufklären und ausräumen kann beispielsweise besser, wer seine Geschäftsbeziehungen klar dokumentiert hat und für Transparenz im eigenen Unternehmen und in der Lieferkette sorgt. Nachhaltigkeitsthemen sind Zukunftsthemen. Sich mit ihnen zu beschäftigen, stabilisiert langfristig den Wert des Unternehmens – auch für Investoren - und sichert Anerkennung von Mitarbeitern und Öffentlichkeit.

Wie kann ein Unternehmen sein "zusätzliches" Engagement deutlich machen? 

Bröcher: Zum Beispiel mit einem Nachhaltigkeitsbericht, wie ihn auch PwC seit drei Jahren veröffentlicht. Damit wird unser Unternehmen transparenter und es wird ganz deutlich: das haben wir erreicht und das haben wir uns für die Zukunft vorgenommen. Jedes Unternehmen kann eine Statuserhebung vornehmen und überprüfen, ob sein CR-Managementansatz adäquat ausgerichtet ist und alle wesentlichen Themen berücksichtigt. Die ISO 26000 bietet das Werkzeug, um die Nachhaltigkeit des eigenen Wirtschaftens zu überprüfen, Kursänderungen vorzunehmen und das Engagement des Unternehmens oder der Organisation international vergleichbar zu machen.