Nachhaltigkeit läuft noch immer "nebenher"

In Rechnungswesen, Controlling und Finanzabteilungen deutscher Unternehmen sind Nachhaltigkeitsthemen noch immer nicht richtig angekommen. Zwar werden Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanagement fast überall betrieben, wie PwC und die Leuphana-Universität Lüneburg im "Corporate Sustainability Barometer" feststellen. Motiviert ist das Engagement jedoch zumeist durch Reputationsgewinne. Die Chance, durch den Einbezug von Rechnungswesen, Controlling und Finanzen zur Steuerung der Nachhaltigkeitsleistung etablierte Informations- und Steuerungsansätze zu nutzen, verpassen viele.

Die größte Motivation, Nachhaltigkeitsthemen zu bearbeiten, ist für Deutschlands Unternehmen dem Corporate Sustainability Barometer von Leuphana-Universität und PwC zufolge die Pflege ihrer Reputation und ihres Images. Nur knapp die Hälfte der befragten Unternehmen analysiert überhaupt die Auswirkungen von Nachhaltigkeitsaktivitäten auf Produktivität und Effizienz.

Stakeholder, die die Realisierung von Nachhaltigkeit im Unternehmen einfordern, sind zuvorderst Medien und Öffentlichkeit - mehr als drei Viertel der Befragten bewerten sie als "fördernd". Ähnlich häufig werden mit gut 70 Prozent Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sowie Umwelt- und Sozialverbände genannt, die - wie auch der Gesetzgeber - Unternehmen vor sich her treiben. Im Vergleich weniger häufig nannten die Unternehmen, die Leuphana und PwC für das Corporate Sustainability Barometer befragten, dagegen Pull- oder Marktfaktoren, die das Engagement für nachhaltiges Wirtschaften attraktiv machen: Die Wünsche von Konsumenten und Endverbrauchern geben 63 Prozent der Befragten als Faktor an, der die Beschäftigung mit Nachhaltigkeitsfragen befördert, 57 Prozent erwähnen Wettbewerber, die die Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeitsfragen notwendig machen.

"Die Forderungen nach nachhaltigem Wirtschaften sind massiv, sie haben aber noch nicht die gesamte Lieferkette durchdrungen", kommentiert PwC-Nachhaltigkeitsexperte Hendrik Fink. Erwartet wird, dass der oft als "Gate Keeper" bezeichnete Groß- und Einzelhandel deshalb ein aktiveres Nachhaltigkeitsmanagement wird betreiben müssen, indem er beispielsweise bei der Sortimentsgestaltung noch stärker soziale und ökologische Kriterien beachtet, Lieferanten zertifiziert und Verbraucher kontinuierlich über Produktionsprozesse und die Herkunft von Waren informiert.

Zu wenig Aufmerksamkeit, meint Hendrik Fink, schenkten Deutschlands Unternehmen Themen wie Wasserverfügbarkeit, Biodiversität oder der Beachtung der Menschenrechte, die auf den ersten Blick keine direkte Anbindung an das Kerngeschäft aufweisen. Für diese Themen setzen sich dem Corporate Sustainability Barometer zufolge weniger als ein Drittel der Befragten ein. "Dabei", so warnt Fink, "führt eine Vernachlässigung dieser Themen bereits heute zu Ressourcenengpässen, steigenden Preisen und Reputationsschäden, die zum Teil erhebliche finanzielle Auswirkungen haben."

Nachhaltigkeit ist Thema für Geschäftsleitung und Öffentlichkeitsarbeit

So präsent das Thema Nachhaltigkeit in Deutschlands Unternehmen ist - immerhin haben fast zwei Drittel der Unternehmen an ihrem Nachhaltigkeitsengagement auch in der Wirtschafts- und Finanzkrise unverändert festgehalten - so wenig werden jedoch vielfach seine ökonomischen Seiten beachtet, so sehr wird es als Image-Thema eingestuft. Unternehmensintern sind es vor allem die Öffentlichkeitsarbeiter, die Nachhaltigkeitsthemen vorantreiben: Neun von zehn Unternehmen nennen im "Corporate Sustainability Barometer" PR/Unternehmenskommunikation als "fördernde" Organisationseinheit für Nachhaltigkeitsthemen.

Vorangetrieben werden Nachhaltigkeitsthemen in vier von fünf Unternehmen außerdem von der Geschäftsleitung und den Bereichen, die für die (Konzern-)Strategie verantwortlich sind. Schriftlich fixiert ist die Zuständigkeit der Geschäftsleitung für Nachhaltigkeitsthemen allerdings in gerade einmal einem Viertel der Unternehmen. Finanzen, Controlling und Rechnungswesen nennt dagegen nicht einmal jedes zehnte Unternehmen als "fördernde" Organisationseinheit.

Management verzichtet oft auf Erfolgskontrolle und entscheidungsrelevante Zahlen aus dem Controlling

Weil Bereiche wie Controlling, Finanzen und Rechnungswesen in Nachhaltigkeitsthemen so wenig engagiert sind, können sie den Entscheidern wenig entscheidungs- und erfolgsrelevante Informationen zur Verfügung zu stellen. Ökologische und soziale Daten und Kennzahlen, etwa zum Energieverbrauch, erheben zwar fast alle befragten Unternehmen. Dennoch sieht PwC-Experte Hendrik Fink "erheblichen Nachholbedarf bei der Messung der Auswirkungen des Nachhaltigkeitsmanagements auf den Unternehmenserfolg."

Mit den Konsequenzen für den Geschäftserfolg hinsichtlich wirtschaftlicher Risiken, der Reputation des Unternehmens allgemein und seiner Attraktivität als Arbeitgeber befasst sich der Großteil der befragten Unternehmen noch nicht. Gerade diese Bereiche sind jedoch wichtige Treiber für den Business Case "Nachhaltigkeit".

Qualitäts- und Umweltmanagementsysteme, Vorschlagswesen sowie Umweltaudits dürfen dem Corporate Sustainability Barometer zufolge zu den verbreiteten Managementmethoden gezählt werden. Sozialorientierte und integrative Methoden, die soziale, ökologische und ökonomische Aspekte verbinden, stehen allerdings hinter Umweltmanagementansätzen zurück, nachhaltigkeitsorientierte Effizienzanalysen werden selten angewendet. Dies bestätigt den fehlenden Einbezug von Controlling und Rechnungswesen.

Im Gespräch mit Hendrik Fink, Experte für Sustainability bei PwC


Hendrik Fink

Frage: Nur wenige Unternehmen haben in der Finanzkrise ihre Nachhaltigkeits-Engagements zurückgefahren. Dennoch sehen Sie Nachholbedarf?

Hendrik Fink: Vielleicht sollte man eher von "Potenzial" sprechen als von "Nachholbedarf". Denn das Corporate Sustainability Barometer von der Leuphana Universität und PwC lässt erkennen, dass zwar viele Unternehmen tun, was sie für ihre Pflicht gegenüber Kunden, Regierungen und Nichtregierungsorganisationen halten. Die positiven Effekte, die nachhaltiges Wirtschaften - beispielsweise ein ehrlicher Dialog mit Stakeholdern - haben kann, werden jedoch noch längst nicht überall gesehen und genutzt.

Frage: Wie kommt es, dass Nachhaltigkeit noch immer eher als "von außen aufgedrückt" wahrgenommen wird?

Fink: Eine der Ursachen ist sicherlich, dass das "weiche" Thema Nachhaltigkeit noch wenig mit "harten" Zahlen aus den Rechenwerken von Controlling und Rechnungswesen zusammengebracht wird. So lässt sich der ökonomische Vorteil nachhaltigen Wirtschaftens schwer belegen - Sustainability kann nur schwer eingehen als "zählender" Faktor in die Entscheidungsfindung in den Chefetagen.

Frage: Fehlt es also noch immer an quantitativen Ansätzen, mit denen sich Vorteile einer nachhaltigen Wirtschaftsweise belegen lassen für die Zahlen-Menschen im Management?

Fink: Das kann man so nicht mehr sagen. In der Wissenschaft werden Ansätze für den Einbezug von Finanzen, Rechnungswesen und Controlling durchaus diskutiert. Nur in der Praxis sind sie offenbar noch nicht so weit verbreitet wie es wünschenswert wäre.