Nachhaltigkeit messbar machen

Ein Textilhersteller verpflichtet sich, soziale Produktionsstandards einzuhalten. Ein Energieversorger nimmt einen möglichst hohen Anteil von regenerativ erzeugtem Strom ins Portfolio. Solche Nachhaltigkeitsinitiativen haben einen positiven Effekt auf Gesellschaft und Umwelt. Sie können dazu beitragen, Kosten zu senken oder Risiken zu reduzieren. Doch wie lässt sich ihr ökologischer, sozialer oder ökonomischer Nutzen in Zahlen ausdrücken? „Dazu brauchen Unternehmen geeignete Messinstrumente“, sagt PwC-Partner Hendrik Fink.

Im Gespräch mit Nachhaltigkeits-Experte Hendrik Fink

Hendrik Fink
Hendrik Fink

Wie lässt sich in Euro und Cent messen, was es einem Unternehmen, der Umwelt oder der Gesellschaft bringt, CO2-Emissionen zu senken oder Qualitätsstandards in der Lieferkette zu verbessern?

Hendrik Fink: Das ist die entscheidende Frage. Als Referenzmodell ist die finanzielle Berichterstattung hilfreich. Die hat eine lange Tradition. Ich plädiere für ein integriertes Reporting: Dabei führen Unternehmen die finanzielle Berichterstattung mit ihrem Rapport zur Nachhaltigkeit zusammen. In der Praxis wirft ein solches Reporting allerdings viele Frage auf. Denn für die nicht-finanziellen Informationen fehlen größtenteils allgemein anerkannte Key-Performance-Indikatoren.

Wie lässt sich das ändern?

Fink: Wir brauchen Standards, die einen Vergleich zwischen Unternehmen, Branchen und Ländern erlauben. Wenn ein CEO entscheiden soll, ob es sich lohnt, ein Produkt nachhaltig zu produzieren, braucht er eine verlässliche Datengrundlage. Nur so kann er abschätzen, welche Folgen seine Strategie langfristig auf den Erfolg seines Unternehmens hat.

Gibt es solche Standards bereits?

Fink: Für manche Bereiche, ja. Als Vorreiter in Sachen Standard gilt das Greenhouse Gas Protocol. Die freiwillige Vereinbarung definiert genau, wie sich Treibhausgase quantifizieren lassen. Auf dieser Grundlage kann ein Unternehmen seinen CO2-Fußabdruck berechnen. Das Problem: Bei vielen anderen Nachhaltigkeitsthemen sind solche Standards noch in weiter Ferne.

Wie kann eine vorbildliche Berichterstattung mit konkreten Zahlen aussehen?

Fink: Puma hat mit der weltweit ersten ökologischen Gewinn- und Verlustrechnung kürzlich für Aufsehen gesorgt. Das Unternehmen hat die Umweltbelastung eines konventionell und eines nachhaltig produzierten Schuhs sowie eines T-Shirts genau aufgeschlüsselt. Den Ressourcenverbrauch von der Produktion der Rohstoffe bis zur Entsorgung der Artikel hat das Unternehmen mit konkreten Preisschildern versehen.

Welchen Mehrwert bringt eine solch aufwändige Analyse dem berichtenden Unternehmen?

Fink: Puma macht seinen ökologischen Fußabdruck sichtbar. Das lässt sich intern genauso nutzen wie extern: Mit den Informationen ist eine risiko- und umweltbewusste Unternehmenssteuerung möglich. Puma kann so erkennen, wo Prozesse verbessert werden müssen, um die Umwelt weniger zu belasten, und kann damit nachhaltigere Produkte anbieten. Aber auch der Konsument verlangt diese Informationen: Er möchte sich bewusst für Produkte entscheiden können, die weniger Ressourcen verbrauchen. Insofern stärkt es auch die Marke Puma.

Wie kann PwC Unternehmen dabei unterstützen, ihre Initiativen mit konkreten Zahlen und Daten zu versehen?

Fink: Wir bieten eine ganze Palette an Tools und Methoden an. PwC bietet beispielsweise mit ESCHER ein Werkzeug an, das die gesamte Lieferkette eines Unternehmens auf soziale, ökonomische und ökologische Chancen und Risiken durchleuchtet. Anhand von statistischen Daten, Modellen und Schätzungen kann das Tool etwa aufzeigen, wie hoch die C02- Emissionen beim Einkauf von Chemieprodukten im Wert von 50 Millionen Euro bei einem Lieferanten in China sind. Aber nicht nur ökologische Aspekte – auch zu wirtschaftlichen und sozialen Fragestellungen in der Lieferkette liefert das Tool Analysen.

Wie werden Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsinitiativen im Jahr 2020 oder 2030 messen und darüber berichten?

Fink: Ökologische und soziale Fragestellungen zu bewerten ist ein relativ neues Gebiet, das viele Fragen aufwirft. Mit der Zeit werden sich aber immer bessere Standards etablieren, die eine Bewertung und eine konkrete Messung ermöglichen. In zehn oder 20 Jahren wird ein Reporting zu Aspekten der Nachhaltigkeit genauso selbstverständlich und transparent sein wie die finanzielle Berichterstattung.