Wegzug: Steuerverlagerung ins Ausland

Selten zuvor haben so viele Deutsche aus steuerlichen Gründen den Wegzug aus Deutschland ins Auge gefasst wie derzeit. Um tatsächlich dem Zugriff der deutschen Finanzbehörden zu entgehen, bedarf es jedoch einiger Voraussetzungen.

"Viele glauben, dass nach dem Wegzug aus Deutschland für sie auch die deutsche Einkommensteuer passé ist. Dies trifft jedoch nicht automatisch zu", sagt Sabine Gregier, Rechtsanwältin und Steuerberaterin bei PwC im Bereich "Private Client Solutions" in Düsseldorf.

Doppelbesteuerungsabkommen weisen meist Deutschland das Besteuerungsrecht zu

Im deutschen Einkommensteuerrecht kommt es nicht nur darauf an, wo der Steuerpflichtige ansässig ist, sondern auch darauf, woher seine Einkünfte stammen. So unterliegen etwa Einkünfte aus einem deutschen Gewerbetrieb - sei es ein Einzelunternehmen oder eine Personengesellschaft - sowie Einkünfte aus der Vermietung von Immobilien in Deutschland weiterhin der deutschen Einkommensteuerpflicht. "Daran ändert sich auch nichts durch ein Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Deutschland und dem neuen Heimatstaat", erklärt Sabine Gregier. "Denn in den Abkommen wird Deutschland für diese Einkünfte regelmäßig das Besteuerungsrecht zugewiesen." Eine Wohnsitzverlagerung kann sich also prinzipiell nur bei anderen Einkunftsquellen, wie etwa aus Kapitalvermögen lohnen.

Erbschaft- und Schenkungsteuer

Mindestens für fünf Jahre nach einem Wegzug aus Deutschland unterliegen Schenkungen des Weggezogenen oder das aufgrund seines Todes anfallende Vermögen grundsätzlich weiterhin der deutschen Erbschaft- und Schenkungsteuer. "Wenn der Wegziehende in ein so genanntes Niedrigsteuerland geht und weiterhin wesentliche wirtschaftliche Interessen in Deutschland hat, verlängert sich dieser Zeitraum gegebenenfalls sogar auf zehn Jahre", warnt Sabine Gregier. Bei einem Wegzug in die USA gilt - unabhängig vom Vorliegen weiterer Voraussetzungen - eine Frist von zehn Jahren.

Wird ein in Deutschland befindlicher Gewerbebetrieb - egal ob Einzelunternehmen oder Personengesellschaft - sowie eine in Deutschland gelegene Immobilie vererbt oder verschenkt, fällt immer die deutsche Erbschaft- beziehungsweise Schenkungsteuer an.

Das deutsche Erbschaftsteuerrecht knüpft die Steuerpflicht nicht nur an den Wohnsitz des Erblassers, sondern auch an den der Erben. Die Folge: Wenn ein im Ausland ansässiger Erblasser sein ausländisches Vermögen einem in Deutschland wohnenden Erben hinterlässt, unterliegt dieser, mit dem was er erbt, aufgrund seines inländischen Wohnsitzes unbeschränkt der deutschen Erbschaftsteuer. "Grundsätzlich kann der deutschen Erbschaftsteuerpflicht auf ausländisches Vermögen aber entgangen werden, wenn auch die Erben aus Deutschland wegziehen", sagt Sabine Gregier.

Wegzugsbesteuerung nach Außensteuergesetz

Verlegt ein Unternehmer, der mindestens zehn Jahre in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtig war und eine Beteiligung von mindestens einem Prozent an einer inländischen oder ausländischen Kapitalgesellschaft hält, seinen Wohnsitz ins Ausland, findet zusätzlich das deutsche Außensteuergesetz Anwendung. Das Außensteuergesetz unterstellt im Fall des Wegzugs eine fiktive Veräußerung der Anteile an der Kapitalgesellschaft. Nach aktueller Gesetzeslage verbleibt das Besteuerungsrecht für die unterstellte Veräußerung der Anteile auch weiterhin bei der Bundesrepublik Deutschland, und die festgesetzte Steuer wird sofort fällig.

Bei Wegzug innerhalb der EU oder des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) wird die Steuer zwar im Zeitpunkt des Wegzugs festgesetzt, aber bis zur tatsächlichen Veräußerung der Anteile zinslos und ohne Sicherheitsleistung gestundet. Der Steuerpflichtige hat jährlich im Rahmen der Mitwirkungspflicht den Nachweis gegenüber dem Finanzamt zu erbringen, dass die Anteile noch nicht veräußert worden sind und sein Wohnsitz sich im EU/EWR-Raum befindet.

Fazit: Wegzug muss im Einzelfall geprüft werden

Ob sich mit einem Wegzug aus Deutschland die Steuerbelastung tatsächlich senken lässt, kommt sehr auf die Umstände des Einzelfalles an. "Wird ein Wegzug ernsthaft erwogen, sollten alle Einkommens- und Vermögensbestandteile darauf untersucht werden, welche steuerlichen Auswirkungen der Wegzug hat. Nur so lässt sich abschließend beurteilen, ob der Wegzug tatsächlich zu einer deutlichen Steuerentlastung führt", resümiert Sabine Gregier.