Die Unternehmensberichterstattung des 21. Jahrhunderts muss den künftigen Anforderungen gerecht werden

Unternehmensleitung und Investoren ein umfassendes und klares Bild von der Lage und den Perspektiven eines Unternehmens zu geben - das ist eigentlich Sinn und Zweck der Unternehmensberichterstattung. Über die klassische Finanzberichterstattung hinaus ist in den vergangenen Jahren das Reporting der Unternehmen durch Berichte über die Nachhaltigkeit und Corporate Governance ergänzt und ausgeweitet worden. Ein neues prinzipienbasiertes Rahmenkonzept soll jetzt den Horizont der externen Berichterstattung erweitern und die bisher voneinander unabhängigen Informationsinstrumente miteinander verzahnen.

Als Diskussionspapier hat das International Integrated Reporting Council (IIRC) seine Ideen, an denen PwC maßgeblich mitgewirkt hat, Anfang September 2011 der Öffentlichkeit vorgestellt. Nicolette Behncke und Andreas Bröcher - beide Experten für integrierte Berichterstattung bei PwC Deutschland - erläutern sie im Interview.


Nicolette Behncke

Warum engagiert sich PwC im International Integrated Reporting Council (IIRC) für eine grundsätzlich neue Art der Berichterstattung? Reichen die bestehenden Standards nicht aus?

Nicolette Behncke: Mit den Regelungen des Handelsgesetzbuchs (HGB) und den International Financial Reporting Standards (IFRS) haben wir sehr starke Standards zur Rechnungslegung. Aber in unserer globalisierten und eng vernetzten Wirtschaftswelt liefert die isolierte Betrachtung eines Unternehmens oder einzelner Märkte nur noch einen begrenzten Erkenntnisgewinn. Regeln und Standards der Finanzberichterstattung müssen daher den neuen Anforderungen gerecht werden, indem sie sinnvoll erweitert beziehungsweise mit nichtfinanziellen Elementen verknüpft werden.

An welche Elemente denken Sie, wenn Sie von Erweiterungen der Berichterstattung sprechen?

Behncke: Wir müssen sehen: Heute erklärt sich nur noch knapp ein Fünftel des Marktwerts der Unternehmen im Standard&Poor's-500-Index durch das produktive Kapital beziehungsweise das Finanzkapital. Maßgeblich sind zu über 80 Prozent andere Faktoren wie das Geschäftsmodell, die Unternehmensstrategie und Unternehmensführung, die Zukunftsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit von Unternehmen. In den 1970ern war das Verhältnis zwischen den sogenannten "harten" Faktoren und den nicht-finanziellen "weichen" noch genau anders herum. Darauf muss die Berichterstattung reagieren und Humankapital, intellektuelles Kapital sowie natürliche und soziale Ressourcen als wesentliche Elemente der Wertschöpfung von heute aufnehmen

Wie kann ein Unternehmen die weichen Faktoren in seine externe Berichterstattung integrieren?

Behncke: Das Diskussionspapier des IIRC nennt fünf Grundsätze, an denen sich die moderne Berichterstattung ausrichten sollte: Sie sollte einen Fokus auf die Strategie des Unternehmens legen. Sie sollte außerdem Informationen miteinander verknüpfen, im ganzheitlichen Kontext darstellen und den roten Faden durchgängig erkennen lassen. Drittens gilt es, die Berichterstattung zukunftsorientiert auszugestalten und viertens die Reaktionsfähigkeit auf die Belange der Stakeholder sicherzustellen. Schließlich muss die Berichterstattung umfassend sein, zuverlässig und sich im Interesse der Übersichtlichkeit auf wesentliche Informationen beschränken.


Andreas Bröcher

Inwiefern gehen die Vorschläge des IIRC denn über die bestehenden Regeln von IFRS und HGB hinaus?

Andreas Bröcher: Natürlich enthalten die IFRS und noch mehr die Regeln des HGB zur Lageberichterstattung in vielerlei Hinsicht bereits "weiche" Faktoren. Viele Unternehmen informieren darüber hinaus schon heute in eigenen Berichten über CO2-Emissionen, Nachhaltigkeits-Aktivitäten, gesellschaftliches Engagement und ähnliches. Der Vorschlag des IIRC führt diese Informationen zusammen. So sollte beispielsweise die Nachhaltigkeitsstrategie eines Unternehmens immer einen integralen Bestandteil der Gesamtstrategie bilden. Eine separate Darstellung der strategischen Ausrichtung in verschiedenen Berichtswerken wäre künftig nicht mehr zeitgemäß.

Worin sehen Sie die Vorteile eines "integrierten Reportings", wie es IIRC vorschlägt?

Bröcher: Wir haben uns als PwC aktiv in die Arbeit des IIRC eingebracht, weil wir glauben: Unternehmen müssen in ihrer Berichterstattung auf die neuen Bedingungen reagieren und ihre Rechnungslegung und Berichterstattung zukunftsfähig machen.

Können Sie an einigen Beispielen verdeutlichen, welche neuen Erwartungen die Berichterstattung erfüllen muss?

Bröcher: Beispielsweise fordern schon heute institutionelle Anleger immer stärker Informationen über Nachhaltigkeitsaktivitäten. Mit dem Fortschreiten der Digitalisierung wird es zudem immer notwendiger - und gleichzeitig immer einfacher - Informationen in die richtigen Zusammenhänge zu setzen: Finanzanalysten greifen auf Angaben aus den Nachhaltigkeitsreports zurück, Sustainability-Fachleute beziehen Finanzinformationen in ihre Beurteilungen mit ein. Entsprechend vernetzt und synchronisiert müssen Unternehmen die Informationen anbieten. Und schließlich gilt wohl: "Weiche Faktoren" kommen erst richtig zur Geltung in den Entscheidungen der Unternehmenslenker, wenn sie als aussagekräftige Zahlen in die harten Analysen des Controllings eingehen. Alles spricht für ein integriertes Reporting.