Ansätze zum systematischen Währungsrisikomanagement in Industrieunternehmen

Deutschland kämpft mit um den Titel des Exportweltmeisters - in kaum einem anderen Land der Welt verkaufen Unternehmen so viel ins Ausland. Das macht die deutsche Wirtschaft anfällig für Währungsschwankungen. Nie war für deutsche Industrieunternehmen ein effektives Währungsmanagement für die Planbarkeit des operativen Geschäfts wichtiger.

Währungsrisiken werden seit langem abgesichert. Eine einheitliche und allgemein anerkannte Sicherungspraxis hat sich allerdings bis heute nicht etabliert. Immer noch spielen subjektive Marktbeobachtungen, Budgetvorgaben und Kosten bei der Sicherungsentscheidung eine große Rolle, hat Thomas Schräder, Experte für Währungsrisiken und Partner bei PwC, beobachtet.

Bei einer solchen Herangehensweise besteht die Gefahr - so die Erfahrung der Absicherungs-Experten von PwC, dass das ursprüngliche Ziel der Risikobegrenzung und der Planbarkeit des operativen Geschäfts aus den Augen verloren wird. "Als Extremfall haben wir auch schon beobachtet, dass Unternehmen die Absicherung komplett vermeiden, wenn der Sicherungskurs das Unternehmen schlechter stellen würde als der Budgetkurs ", berichtet Risikomanagement-Experte Schräder aus seiner Beratungspraxis.

Objektivierung des Risikomanagements

Es ist anzustreben, die eigentlichen Risiken in den Mittelpunkt zu stellen und eine Absicherungsstrategie aufzustellen unabhängig von individuellen Markteinschätzungen und Fragestellungen wie

  • Wohin wird sich der Dollarkurs im kommenden Jahr entwickeln?
  • Welche Währungen werden unter Inflationsdruck stehen?
  • Welchen Einfluss werden Wahlen auf den Wechselkurs haben?

Hierzu bedarf es einer Risikorichtlinie und Handlungsanweisungen mit klaren Vorgaben an das Währungsmanagement, die von allen Tochtergesellschaften beachtet und umgesetzt werden. Solche Vorgaben können beispielsweise währungsdifferenzierte maximale und minimale Hedge Ratios sein, aber auch Limits für quantitative Risikokennzahlen wie den Cashflow-at-Risk.

Eine gefragte Alternative: Quantitativ ausgerichtete Steuerungsansätze

Steuerungsansätze wie der Cashflow-at-Risk Ansatz erfreuen sich zunehmender Nachfrage, haben Thomas Schräder und seine Kollegen beobachtet: Risiken sollen in Zahlen ausgedrückt werden, Modelle sollen deutlich machen, welche Gefahren wie wahrscheinlich sind und welche Folgen Wechselkursschwankungen für ein Unternehmen haben. Auf einer soliden quantitativen Grundlage können die Verantwortlichen sinnvoll entscheiden, wie stark sie ihr Unternehmen gegen Währungsrisiken absichern. In Banken werden Risiken bereits derart quantitativ gesteuert, in Industrieunternehmen wächst der Bedarf.

Der Cashflow-at-Risk-Ansatz

Der "Cashflow at Risk" (CFaR) ist der Cashflow, der bei nachteiligen Änderungen der Wechselkurse mit einer Wahrscheinlichkeit von beispielsweise fünf Prozent nicht mehr unterschritten wird. Grundlage der Ermittlung sind die erwarteten Zahlungsströme in Fremdwährungen, das sogenannte "Fremdwährungsexposure", sowie die Schwankungsbreiten und Korrelationen der jeweiligen Währungen.

Um die Risikokennzahl CFaR in Relation zu setzen und den Sicherungsbedarf zu identifizieren, müssen Risikolimits definiert werden. Diese sollten an der Risikotragfähigkeit und der Risikoneigung des Unternehmens ausgerichtet sein.

Im Gespräch mit Thomas Schräder, Partner im Bereich Governance, Risk & Compliance von PwC:

:
Thomas
Schräder

Frage: Deutschland ist exportstark - ist die deutsche Wirtschaft deshalb besonders anfällig für Wechselkursschwankungen?

Thomas Schräder: Deutsche Unternehmen sind sehr aktiv in aller Welt. Dadurch wickeln sie natürlich viele Geschäfte in fremden Währungen ab. Aber sie sind sich des Währungsrisikos auch bewusst und schließen regelmäßig Sicherungsgeschäfte ab. Allerdings besteht häufig die Unsicherheit bei den Unternehmen, wie und wieviel gesichert werden soll. Wir werden häufig gefragt: "Wie machen es die anderen?" oder "Können Sie uns Benchmarks nennen?" Es gibt natürlich nicht die einzig wahre Sicherungsstrategie, aber wir beobachten leistungsfähige und weniger wirksame Ansätze bei unseren Kunden. In jüngster Vergangenheit gab es zunehmend Nachfrage nach quantitativen Steuerungsansätzen.

Frage: Wo liegt denn der Reiz der Steuerung von Währungsrisiken mithilfe quantitativer Ansätze wie dem Cashflow-at-Risk-Ansatz?

Schräder: Der Cashflow-at-Risk-Ansatz befreit Unternehmen davon, für die Steuerung von Währungsrisiken individuell - und im schlimmsten Fall an verschiedenen Stellen im Unternehmen unterschiedlich - über künftige Entwicklungen am Devisenmarkt zu mutmaßen. Er ermöglicht die Steuerung von Währungsrisiken auf der Grundlage eindeutig identifizierter Risiken, eines Bewusstseins über die eigene Risikotragfähigkeit und einer klaren Strategie zum Umgang mit Währungsrisiken. Durch diese Entlastung können sich Unternehmen wieder stärker auf ihre originäre Geschäftstätigkeit konzentrieren.

Frage: Auch bei Banken haben die wenigsten quantitativen Risikomanagement-Systeme rechtzeitig vor der Wirtschafts- und Finanzkrise und den heftigen Ausschlägen in deren Folge gewarnt. Versagen die Systeme?

Schräder: Quantitative Ansätze zur Risikosteuerung - wie der des Cashflow at Risk - basieren auf Beobachtungen aus der Vergangenheit. Ob sie angemessen funktionieren, muss regelmäßig durch ein Backtesting geprüft werden. Strukturbrüche und Extremszenarien können aber auch sie nicht abdecken. Da hilft eine zusätzliche Stress- oder Szenarioanalyse.