Den Gefahren der Zukunft vorbeugen

Emerging Risks sind neue globale Risiken, die sich nur schwer voraussagen lassen, wie der Klimawandel, politische Instabilität oder volatile Energiepreise, die aber gravierende Folgen für Unternehmen haben können. Firmen brauchen daher ein gutes Risikomanagement, um die Bedrohungen frühzeitig voraussehen zu können und Gegenmaßnahmen einzuleiten. Noch unterschätzen Unternehmen aber häufig die Gefahren, die von den Emerging Risks ausgehen, und investieren zu wenig in ihr Enterprise Risk Management (ERM).

Bei einem großen internationalen Getränke- und Lebensmittelhersteller haben die Emerging Risks zu einem Umdenken in der Unternehmensleitung geführt. Das Unternehmen setzt inzwischen eine eigene Enterprise Risk Management Group ein, die Risiken identifiziert und bewertet, typische Szenarien durchspielt und Lösungen für den Risikoeintritt entwickelt. Risiken für den globalen Getränkehersteller sind beispielsweise der Zugang zu Rohstoffen, insbesondere zu Frischwasser, die Lebensmittelsicherheit, der Klimawandel, die Inflation und steigende Energie- und Produktionskosten.

Ereignisse, die lange als unwahrscheinlich galten, sind eingetreten

Viele Unternehmen dagegen haben noch kein ausreichendes Risikomanagement-System, wie PwC in der Publikation "Exploring emerging risks" beschreibt. Sich auf Emerging Risks vorzubereiten, fällt den Firmen schwer, weil die Gefahren sich kaum vorhersagen lassen und häufig weltweite Auswirkungen haben. Die Folgen von globalen Krisen können Unternehmen nicht allein bewältigen. Doch viele Ereignisse sind eingetreten, die noch vor Jahren als unwahrscheinlich oder weit in der Zukunft liegend galten: Traditionsreiche Banken sind in der Finanzkrise gescheitert, die Autoindustrie muss sich umstellen und zum Beispiel verbrauchsärmere Fahrzeuge produzieren, die Verknappung von Rohstoffen macht ein dauerhaftes internationales Wirtschaftswachstum ungewiss. Diese Ereignisse haben dafür gesorgt, dass Firmen ihre Strategie und ihre Unternehmensziele anpassen mussten. Die Emerging Risks können Unternehmen gefährden, ihnen aber auch neue Wachstumschancen bieten.

Wie wichtig es ist, sich den äußeren Wettbewerbsbedingungen schnell anpassen zu können, ist dem Management aber durchaus bewusst. Im Annual Global CEO Survey 2008 von PwC bestätigen 95 Prozent der befragten CEOs, dass die Fähigkeit zum Wandel einer der Schlüssel für das langfristige Wachstum von Firmen ist. Auch in der Wirtschaftskrise hat sich gezeigt, dass die Unternehmen, die Signale zum Wandel früh erkannt haben, ihre Position verteidigen oder wachsen können. Unternehmen brauchen daher einen neuen Blick auf ihre Risikomanagement-Prozesse. Sie müssen in der Lage sein, Emerging Risks zu erkennen, schneller zu reagieren, um damit ihre Position zu halten oder zu stärken. Diese Strategien müssen sich von der Ebene der Unternehmensleitung durch alle Abteilungen, bis in die täglichen Geschäftsprozesse ziehen.

Die Risiken erkennen, die relevant für das Unternehmen sind

Der erste Schritt zum Risikomanagement besteht darin, die globalen Risiken zu identifizieren, die die Unternehmensstrategie beziehungsweise die Unternehmensziele gefährden können. Für den Getränke- und Lebensmittelhersteller beispielsweise sind politische Unruhen ein ernstes Risiko, weil er in knapp 200 Länder ausliefert. Basis für diese Risiko-Analyse ist die Strategie des Unternehmens. Um auch verdeckte Risiken zu erkennen, sollten Unternehmen nicht nur Daten aus der Vergangenheit kontrollieren, sondern insbesondere auch ihre Prognosen für die Zukunft unter Risikogesichtspunkten sorgfältig analysieren. 

Das Management sollte in regelmäßigen Abständen die Bedingungen im Geschäftsumfeld untersuchen, um zum einen aus Vorfällen der Vergangenheit zu lernen und zum anderen mögliche Folgen für die Zukunft abzuschätzen. Dabei helfen ihnen Medienberichte, Analysen, Rating Reports und Veröffentlichungen von Non-profit-Organisationen, zudem Experten, die diese Informationen kritisch hinterfragen. Im momentanen Geschäftsumfeld ändern sich die Bedingungen, unter denen Firmen arbeiten, ständig. Daher müssen diese Analysen in regelmäßigen Abständen wiederholt werden.

Die Gefahren richtig bewerten

Ein effektives Enterprise Risk Management ermöglicht eine transparente und realistische Analyse aller unternehmensrelevanten Risiken. Ausgerichtet an der Unternehmensstrategie und den Unternehmenszielen umfasst ERM dabei die Einschätzung der Wahrscheinlichkeit, dass ein Risiko eintritt, die Auswirkungen auf das Unternehmen und seine Stakeholder (intern und extern) sowie die Abhängigkeiten und Verknüpfung von Risiken und deren Auswirkungen aufeinander. Entscheidend für die Einschätzung von Risiken sind einheitliche und unternehmensübergreifende Bewertungsmaßstäbe, die nach qualitativen und quantitativen Gesichtspunkten aufgestellt sind.

Strategien entwickeln und mit Partnern zusammenarbeiten

Wenn die Risiken hinsichtlich ihrer Wahrscheinlichkeit und Signifikanz identifiziert und beurteilt sind, müssen Unternehmen Strategien entwickeln, wie sie auf eingetretene Risiken reagieren können. Da es sich um globale Risiken handelt, gegen die ein Unternehmen allein nichts ausrichten kann, kann eine Zusammenarbeit mit Partnern oder Interessensgruppen sinnvoll sein, mit denen gemeinsame Maßnahmen entwickelt werden. Das können Kooperationspartner aus der Region oder aus derselben Branche sein. 

Ein typisches Beispiel dafür ist die Reaktion der Fluggesellschaften nach den Ereignissen des 11. September 2001. Ein industrieweiter Ansatz war notwendig, um die Sicherheit der Fluggäste zu erhöhen. Die Screening-Systeme für die Gepäckkontrolle wurden verbessert, die Passagiere strenger kontrolliert. Die Kosten teilen sich die Fluggesellschaften.

Die Vorteile der Zusammenarbeit generell: geteilte Kosten, effektiverer Einsatz von Ressourcen, besserer Informationsaustausch. Häufige Gründe für Probleme bei der Zusammenarbeit dagegen sind Partner mit unterschiedlichen Interessen und unterschiedlichem Wissensstand. Der internationale Getränke- und Lebensmittelhersteller beispielsweise versucht solche Interessensunterschiede zu überwinden, indem er mit Partnern aus dem Gesundheitsumfeld zusammenarbeitet.

Gibt es Anzeichen aus dem Geschäftsumfeld?

Um die richtigen Management-Entscheidungen treffen zu können, sollten Unternehmer Entwicklungen in ihrem Geschäftsumfeld regelmäßig kontrollieren. Gibt es Anzeichen, die auf wesentliche Änderungen oder ernste Bedrohungen für die Firma hindeuten können? Der Getränke- und Lebensmittelhersteller etwa hat neun Risiko-Kategorien, die laufend überwacht werden; das Thema Risk Management ist an der Unternehmensspitze angesiedelt. Neben Risikomanagement-Experten brauchen Firmen zielgerichtete Investitionen in integrative Technologien, um Signale des Marktes und Anzeichen für Emerging Risks effizient und transparent überwachen zu können. Damit können Unternehmen frühzeitig auf Krisensituationen reagieren.

Im Gespräch mit Christof Menzies und Jörg Tüllner, Partner bei PwC und Experten für Risikomanagement: 


Christof
Menzies

Frage: Wie schaffen Unternehmen ein effektives Risikomanagement?

Christof Menzies: Unternehmen müssen das Risikomanagement in ihre Geschäftsstrategie einbeziehen. Nur dann haben sie die Möglichkeit, Anzeichen für Risiken, die noch in der Zukunft liegen, rechtzeitig zu erkennen und zu reagieren. Dadurch sind sie in der Lage, frühzeitig ihre Unternehmensstrategie und ihre Unternehmensziele an die Marktsituation anzupassen. Wir haben innovative Ansätze entwickelt, die ein effektives Risk Management unterstützen, beispielsweise die Szenario-Analyse und die Simulation von zukünftigen Ereignissen. In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass es Firmen gibt, die sich in der Krise fragen: Warum hat unser Risikomanagement versagt? Warum haben wir die Anzeichen nicht frühzeitig erkannt? Es gibt aber immer auch Firmen, die bestehen oder in der Krise ihr Wachstum sogar steigern können.

Frage: Was macht das Risikomanagement heute so schwierig?


Jörg Tüllner

Jörg Tüllner: Die Emerging Risks lassen sich kaum voraussagen, sie treten weltweit auf und lassen sich nicht von einzelnen Unternehmen bewältigen. Oft sind sie auch miteinander verzahnt. Aus neuen Chancen und Möglichkeiten können heute wiederum weitere Risiken resultieren. Beispiel Technologie: Während das Internet ganz neue Möglichkeiten der Kommunikation geschaffen hat, kann ein Ausfall die Geschäftsabläufe ernsthaft bedrohen. In unserer vernetzten Welt ist auch das Risikomanagement komplexer und globaler geworden. Zudem verändern sich die Geschäftsbedingungen heute rasant.

Frage: Wie können Unternehmen aber auch Chancen aus den Veränderungen nutzen?

Christof Menzies: Veränderungen vorauszusehen kann echte Wettbewerbsvorteile schaffen. Ein Beispiel ist der Wechsel auf digitale Musikformate. Die Firmen, die konsequent auf mp3-Formate und das digitale Rechte-Management gesetzt haben, konnten daran wachsen.