Bestechung, Unterschlagung und Bilanzfälschung: Durch wirtschaftskriminelle Straftaten entsteht deutschen Unternehmen jährlich ein Schaden von rund sechs Milliarden Euro. Doch was bringt Mitarbeiter dazu, der eigenen Firma zu schaden? Aus welchen Motiven begehen die Täter wirtschaftskriminelle Handlungen? Das hat PwC zusammen mit Professoren und Studenten der Hochschule Pforzheim untersucht. Denn: Nur wer die Motive der Täter versteht, kann auch wirksame Präventionsmaßnahmen entwickeln.
Wirtschaftskriminelle Delikte sind in deutschen Firmen längst keine Einzelfälle mehr. Jedes zweite Unternehmen ist in den vergangenen Jahren zum Opfer einer Wirtschaftsstraftat geworden. Vor allem Branchen mit hohem Umsatz wie die Versicherungs- oder Finanzbranche sind gefährdet. Neben dem finanziellen Verlust entsteht einem Unternehmen dabei ernster immaterieller Schaden: Der Ruf der eigenen Marke leidet, die Geschäftsbeziehungen werden beeinträchtigt, die Arbeitsmoral der übrigen Mitarbeiter sinkt, die Aktienkurse fallen.
Wirtschaftstäter durchlaufen diese charakteristischen Phasen:
Doch obwohl Wirtschaftskriminalität großen Schaden in Unternehmen anrichtet, weiß man bislang wenig über die Motive der Täter. Geld, die persönliche Bereicherung des Straftäters, ist häufig nur das vordergründige Motiv. Dahinter stecken meist tiefere Bedürfnisse nach Anerkennung und Selbstbestätigung. Die Gründe der Täter zu verstehen, hilft dabei, die richtigen Gegenmaßnahmen zu entwickeln. PwC hat daher zusammen mit der Hochschule Pforzheim in der Studie "Wirtschaftskriminalität. Eine Analyse der Motivstrukturen" nach den Ursachen für wirtschaftskriminelle Handlungen gesucht.
Das Risiko für Unternehmen ist auch deshalb besonders hoch, weil einige der Täter an den Schaltstellen der Firma sitzen und besonders viel Handlungsspielraum haben: Fast ein Viertel der polizeilich registrierten Täter stammt aus dem Top-Management. Doch die meisten Firmen unterschätzen die Gefahr. Nur zehn Prozent halten es für wahrscheinlich, selbst Opfer einer Wirtschaftsstraftat zu werden. Die Gelegenheit zu wirtschaftskriminellen Taten entsteht in Unternehmen oft durch zu schwache Kontrollen. Nach Analysen von PwC waren bei 37 Prozent aller wirtschaftskriminellen Delikte mangelnde interne Kontrollen die Ursache.
Ziel der Untersuchung war es, Einblicke in die Rahmenbedingungen von Wirtschaftskriminalität zu gewinnen und die Motive der Täter zu verstehen. Dabei hat sich gezeigt, dass sich bestimmte Charakteristika der Täter über verschiedene Fälle hinweg wiederholen. Daraus lassen sich fünf Prototypen von Wirtschaftsstraftätern ableiten. Keiner der Täter entspricht diesen Grundtypen ganz, dennoch lassen sich wichtige Schlüsse daraus ziehen, die bei der Vorbeugung helfen.
Wie sich bei den fünf Täterprofilen zeigt, ist Geld immer nur ein sogenanntes Quasibedürfnis, damit die Straftäter sich tiefere Wünsche erfüllen können. Dem egozentrierten Visionär erlaubt Geld ein luxuriöses, unabhängiges Leben. Dem frustrierten Visionär hilft Geld, sich selbst etwas zu beweisen und Anerkennung für seine Ziele zu bekommen. Der narzisstische Visionär sucht über Geld Selbstbestätigung. Der Abhängige möchte dazugehören und bindet über Materielles Menschen an sich. Der Naive will seine eigene Existenz und die seiner Familie sichern. Wirkliche Ursachen für wirtschaftskriminelle Handlungen sind also Misserfolge, Enttäuschungen, zu wenig Anerkennung oder Ablehnung.
Bei diesen Ursachen muss die Prävention von Wirtschaftskriminalität ansetzen. Wichtig ist, dass Integrität als Unternehmenswert bereits in der Firmenstrategie verankert ist. Richtlinien sind dann wirkungsvoll, wenn sie handlungsleitend und glaubwürdig sind, auch von der Unternehmensspitze gelebt werden und bei Verstößen entsprechende Konsequenzen folgen.
Solche Maßnahmen wirken allerdings nicht auf alle Täterprofile gleich stark: Naiven und Abhängigen geben Richtlinien eine erste Orientierung. Doch egozentrische und narzisstische Visionäre lassen sich davon weniger beeinflussen, da sie sich stärker an eigenen Zielen orientieren. Aufbauend auf der Unternehmensstrategie kann Integrität im Compliance-Management eines Unternehmens weiter präzisiert werden. Unternehmen, die klare Werte vorgeben, erhöhen zumindest die Hemmschwellen für Wirtschaftsstraftäter.
Eine wichtige Rolle spielen auch interne Kontrollen, über die die Mitarbeiter informiert werden. Sie haben eine deutliche Abschreckungswirkung und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Wirtschaftskriminalität frühzeitig aufgedeckt wird. Allerdings müssen diese Kontrollen genauso wie Sanktionen gleichmäßig und ohne Ausnahmen durchgeführt werden. Vor allem bei frustrierten Visionären kann ein Ausbau des Kontrollsystems aber dazu führen, dass er das Betriebsklima als von Misstrauen geprägt empfindet - das kann seine Kriminalitätsbereitschaft erhöhen. Um allen Täterprofilen gerecht zu werden, ist daher ein Präventions-Mix in Unternehmen am wirkungsvollsten, das ist ein wichtiges Ergebnis der Studie.

Steffen
Salvenmoser
Steffen Salvenmoser: Wir vermuten, dass die statistische Zunahme auf verbesserte Kontrollen zurückzuführen ist. Darauf deuten die Analysen hin. In Unternehmen, die verstärkt gegen Wirtschaftskriminalität vorgehen, wird die Zahl der entdeckten Fälle zunächst steigen, da sie einen größeren Teil des bisherigen Dunkelfelds aufdecken. Das wird auch als "Kontrollparadox" bezeichnet.
Salvenmoser: Wichtig ist die Stärkung des Wertebewusstseins aller Mitarbeiter. Besonders effektiv sind Leitlinien, wenn sie nicht nur in Broschüren oder im Internet, sondern in Schulungen und Gesprächen mitgeteilt werden. In Gesprächen kann man auch Ideen der Mitarbeiter aufgreifen und Missverständnissen vorbeugen - das wirkt zum Beispiel bei frustrierten Visionären präventiv. Allerdings zeigt sich in der Praxis auch, dass solche Maßnahmen nicht allen Täterprofilen gerecht werden. Am effektivsten ist daher eine Mischung aus verschiedenen Maßnahmen: Kontrollen, Leitlinien, aber auch einem Wertemanagement im Unternehmen.
Salvenmoser: Darüber wird seit einiger Zeit in Deutschland diskutiert. Anfangs gab es Befürchtungen, die Hotlines könnten für Konflikte im Unternehmen sorgen. Doch das hat sich nicht bestätigt. Stattdessen erhöhen sie die Chancen, Verdachtsmomente frühzeitig zu erkennen. Entscheidend ist allerdings, dass die Firma Vertraulichkeit gewährleistet.