Frühwarn-System hilft dem Ausfall von Schlüssel-Lieferanten vorzubeugen

Vielleicht hatte die Gesellschaft für deutsche Sprache doch recht, als sie "Outsourcing" schon 1996 zu einem der "Unwörter des Jahres" kürte. Denn die Konzentration auf einzelne Teile der Wertschöpfungskette schaffte fast endlose Ketten von Abhängigkeiten zwischen Kunden und Lieferanten. Besonders in wirtschaftlich volatilen Zeiten wächst der Aufwand der Unternehmen für die Kontrolle der Lieferkette. Denn, so weiß es der Volksmund, jede Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied.

Je größer die Abhängigkeit eines Unternehmens von seinen Zulieferern, desto größer wird der Druck auf das Management, Risiken in der Supply Chain zu identifizieren und zu verringern. Was, wenn plötzlich einer der wichtigsten Zulieferer ausfällt? Die eigene Produktion droht ins Stocken zu geraten, das eigene Ansehen bei den Kunden leidet.

Finanzkrise verdeutlicht die Risiken

Je länger die Finanzkrise das wirtschaftliche Geschehen bestimmt, desto offensichtlicher werden die Gefahren, die aus der Supply Chain drohen. Denn zum einen geht immer mehr Unternehmen, die Zulieferer für andere waren, die Luft aus. Zum anderen schrumpfen in vielen Firmen die eigenen liquiden Mittel, so dass sie weder kurzfristig auf Vorrat die Lager füllen noch elementar wichtigen Zulieferern helfend unter die Arme greifen können.

"Gerade in wirtschaftlich schwierigen Phasen sollten Unternehmen die Finanzkennzahlen und Prozesse ihrer kritischen Lieferanten analysieren, um Frühwarnindikatoren für Risiken entwickeln zu können", rät Uwe Herre, PwC-Experte für Risikomanagement. Denn in den seltensten Fällen lässt sich ein Zulieferer einfach und schnell gegen einen anderen austauschen: Schließlich müssen Qualitäts- und Preisansprüche gewahrt bleiben. Und Stakeholder achten vermehrt darauf, dass auch Zulieferer Sicherheits-, Personal- und Umweltstandards einhalten.

Standardisierte Gegenmaßnahmen bei überschrittenen Grenzwerten

Schon für die Lieferantenbewertung erheben Unternehmen vielfach Informationen über ihre Lieferanten. Ein Set an Indikatoren fortlaufend zu beobachten kann helfen, Gefahren frühzeitig zu erkennen. Daten und Fakten der Vorperioden sollten kombiniert mit aktuellen Daten analysiert werden:

  • Vergleiche mit Branchendurchschnitten lassen Schlüsse zu auf die relative finanzielle Lage eines Lieferanten, sie sollten interne und externe Daten weitgehend automatisiert nutzen.
  • Das gesamte wirtschaftliche Umfeld des Zulieferers spielt eine Rolle bei der Risiko-Einstufung - beispielsweise die Verfügbarkeit von Rohstoffen.
  • Gerichtsverfahren, plötzliche Wechsel des Abschlussprüfers oder des Senior Managements können auf Mängel in der Unternehmensführung hinweisen.

Ein derart etabliertes Frühwarnsystem sendet frühzeitig Signale an das Management, wenn ein Zulieferer in Schieflage zu geraten droht. Abhängig davon, wie groß der Wertbeitrag des Zulieferers ist, wie verheerend ein vollständiger Ausfall also wäre, und wie groß die Probleme des Zulieferers sind, greifen zuvor festgelegte Gegenmaßnahmen. Um Liquiditätsengpässe eines Lieferanten zu mindern, ist es beispielsweise denkbar, das eigene solide Kreditrating zu nutzen und dem Lieferanten günstige Finanzierungen zu ermöglichen, berichtet Dr. Hans-Jürgen Wieben, PwC-Manager und Experte für das Management von Supply-Chain-Risiken.

Unternehmenskultur erleichtert den Umgang mit Risiken

"Mindestens so wichtig wie die Systeme zum Risikomanagement ist eine funktionierende Risikokultur im Unternehmen", berichtet PwC-Experte Wieben aus seiner Praxis: Benötigt wird eine Unternehmenskultur, innerhalb derer Rollen und Verantwortlichkeiten klar definiert sind und das Handeln zur Reduzierung langfristiger Risiken belohnt wird. Risiken müssen offen angesprochen und ihre Bearbeitung wertsteigernd verstanden werden, meint Wieben.

Im Gespräch mit Uwe Herre, Experte für Risikomanagement und Partner bei PwC

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Uwe Herre

Frage: Wo können Unternehmen Ihrer Ansicht nach das Management von Risiken aus der Supply-Chain noch verbessern?

Uwe Herre: Bei unseren Projekten stellen wir häufig fest, dass Unternehmen Lieferanten zwar im Rahmen der Auswahlprozesse einmalig bewerten, dann aber nicht "am Ball" bleiben. Ein Frühwarnsystem, das die Zulieferer und ihr Umfeld im Auge behält, sendet rechtzeitig Signale, wenn Schwierigkeiten in der Lieferkette drohen. Dann kann man gemeinsam frühzeitig gegensteuern.

Frage: Dafür müssen aber auch die Zulieferer mitspielen und ihre Kunden mit den notwendigen Informationen versorgen.

Herre: Richtig. Ein ganzheitliches Risikomanagement-System aufzubauen bedeutet, dass beide Seiten - Abnehmer wie Zulieferer - in die Partnerschaft investieren müssen. Im Idealfall gelingt es Unternehmen, Schlüssel-Zulieferer auf die eigenen Unternehmensziele einzuschwören. Unbestritten ist jedoch auf jeden Fall, dass eine funktionierende, vertrauensvolle Partnerschaft im Interesse beider Seiten liegt.

Frage: Warum sollten Unternehmen Aufwand für ein Supply-Chain-Risk-Management betreiben, sie bezahlen doch ohnehin schon für die Zulieferung?

Herre: Lieferketten sind mittlerweile so komplex, dass schon der Ausfall eines einzigen Gliedes in der Kette die Produktion ganz am Ende der Kette lahmlegen kann. Außerdem sind die Anforderungen an Lieferanten hinsichtlich Preis und Qualität, aber auch Compliance und Corporate Governance, Arbeits-, Umwelt- und Sozialstandards inzwischen so vielschichtig, dass kaum noch ein Lieferant einfach zu ersetzen ist. Die Wirtschafts- und Finanzkrise dürfte vielen Unternehmen deutlich gemacht haben, wie fragil ihre Lieferketten sind. Die Gefahr, dass einzelne Lieferanten ausfallen, wird zwar mit Abklingen der Krise zurückgehen. Ganz ausschließen wird man dieses Risiko aber niemals können.