Prävention von Wirtschaftskriminalität: Deutsche Unternehmen mit Defiziten

Die Haftungsrisiken für die Unternehmensleitung steigen. Gleichzeitig nehmen die Schäden durch Wirtschaftskriminalität zu. Umso wichtiger wird es für Firmen, Programme zur Vorbeugung von Straftaten und Hinweisgebersysteme einzuführen. Eine Studie von PwC untersucht, wo deutsche Großunternehmen in Sachen Compliance stehen. Zentrales Ergebnis: Über die Hälfte der befragten Firmen hat kein Programm zur Prävention von Wirtschaftskriminalität. Bestehende Programme weisen häufig Schwächen auf. Die Befragung zeigt auch: Eine offene Unternehmenskultur ist die beste Prävention.

Wirtschaftskrimielle Handlungen wie Betrug, Untreue, Korruption oder Wettbewerbsdelikte fügen deutschen Unternehmen Jahr für Jahr große Schäden zu. 5,57 Millionen Euro betrug 2009 der durchschnittliche Schaden eines deutschen Unternehmens in Folge von wirtschaftskriminellen Delikten. Von Reputationsverlust und rechtlichen Implikationen ganz zu schweigen. Der Druck auf Unternehmen, wirksame Programme zur Prävention von Wirtschaftskriminalität zu etablieren, steigt.

56 Prozent der Unternehmen haben kein Compliance-Programm

Für eine Studie hat PwC 500 deutsche Unternehmen befragt, ob sie Compliance-Programme und Hinweisgebersysteme eingerichtet haben. Die Zahl der Firmen, die über ein Compliance-Programm verfügt, ist zwar seit der letzten Erhebung vor zwei Jahren um drei Prozentpunkte auf 44 Prozent gestiegen. Das heißt aber im Umkehrschluss, dass 56 Prozent der Befragten noch immer auf ein Compliance-Programm verzichten. Mehr als die Hälfte von ihnen plant auch nicht, in den kommenden zwei Jahren ein solches System einzuführen.

"Viele Firmen befürchten, dass ein Compliance-Programm unverhältnismäßig hohen Aufwand produziert. Sie scheuen die bürokratischen Kontrollen oder befürchten schlichtweg zu hohe Kosten", gibt Steffen Salvenmoser, Partner bei PwC im Bereich Forensic Services einen Einblick in die Beweggründe. "Die Unternehmen übersehen dabei offenbar, dass gravierende Wirtschaftsstraftaten Misstrauen und Verunsicherung innerhalb der Belegschaft viel stärker schüren als ein Compliance-Programm. 99 Prozent der geschädigten Unternehmen berichten, dass Arbeitsmoral und Motivation der Mitarbeiter in Folge der Straftaten beeinträchtigt wurden."

Bestehende Compliance-Programme sind oft mangelhaft

Compliance-Programme richten sich häufig an Führungskräfte und Mitarbeiter. Externe Gruppen wie Lieferanten, Subunternehmer oder sogenannte "Drittparteien" wie Kunden beziehen weniger als 50 Prozent der Unternehmen in ihre Compliance-Programme ein. Dabei sind Externe bei etwa der Hälfte aller Delikte zumindest beteiligt. Hier besteht also Nachholbedarf.

Ein Compliance-Programm ist nur dann wirksam, wenn es nicht nur auf die Einhaltung ethischer Grundsätze abzielt, sondern konkrete Regeln enthält, die Wirtschaftsstraftaten verhindern oder aufdecken. Dazu gehören auch klare Regeln, ob Mitarbeiter Geschenke annehmen dürfen oder wie sie mit Spenden und Sponsorings umgehen. Nicht alle Unternehmen haben diese Aspekte in ihr Compliance-Programm einbezogen.

Defizite weist die Studie auch bei der Kommunikation der ethischen und rechtlichen Grundsätze und Handlungsanweisungen auf. 85 Prozent der Befragten nutzen unternehmensinterne Kommunikationswege wie Meetings, Rundschreiben und das Intranet. 65 Prozent verfügen über ein Compliance-Handbuch. Aber nur zwei Drittel der Unternehmen, die ihr Compliance-Programm auch auf Externe ausgerichtet haben, binden diese Zielgruppe in die Kommunikation über das Compliance-Programm ein. Damit kennt jeder dritte unternehmensexterne Geschäftspartner nicht die Regeln, an die er sich halten soll.

Unternehmen sind skeptisch gegenüber Hinweisgebersystemen

Nur 34 Prozent der befragten Unternehmen setzen Hinweisgebersysteme, sogenannte Whistleblowing-Systeme, ein. Diese zielen in den meisten Fällen darauf ab, Korruption oder den Missbrauch vertraulicher Kunden- und Unternehmensdaten aufzudecken. Etwa zwei Drittel der Befragten setzen dafür telefonische Hotlines ein, knapp die Hälfte setzt auf web- oder Intranet-basierte Systeme. Nur gut ein Viertel öffnet die Hinweisgebersysteme auch gegenüber Dritten wie Kunden und Lieferanten.

Lediglich zehn Prozent der Firmen, die noch kein Hinweisgebersystem einsetzen, planen, ein solches System bis 2011 einzuführen. Für die Ablehnung werden verschiedene Gründe ins Feld geführt: Die Befragten befürchten, dass Whistleblowing-Systeme eine Kultur des Misstrauens und der Bespitzelung fördern oder die Denunziationsgefahr steigt.

Offene Unternehmenskultur wirkt sich positiv aus

Ob ein Compliance- und Hinweisgebersystem von den Mitarbeitern akzeptiert wird und erfolgreich ist, hängt ganz maßgeblich von der Unternehmenskultur ab. Um diesen Zusammenhang aufzuzeigen, wurden die für die Studie Befragten gebeten, drei Faktoren der Unternehmenskultur einzuschätzen: die Teamatmosphäre, die Bereitschaft zur Mitteilung von Fehlern und die Toleranz gegenüber Regelverstößen.

Bemerkenswertes Ergebnis: Unternehmen mit einer guten Unternehmenskultur setzen häufiger Kontrollprogramme ein als Betriebe mit einer schlechten Unternehmenskultur, werden aber seltener Opfer von Delikten. Diese Erkenntnis beweist, dass Compliance-Programme wirksam sind, wenn sie von allen Beteiligten konsequent umgesetzt werden und die Rahmenbedingungen im Unternehmen stimmen.

Im Gespräch mit Steffen Salvenmoser, Partner bei PwC im Bereich Forensic Services:


Steffen
Salvenmoser

Frage: Wieso sollten Unternehmen viel Geld in eine effektive unternehmensinterne Kriminalprävention stecken?

Steffen Salvenmoser: Das Argument, Prävention sei unwirtschaftlich und finanzielle Schäden durch Wirtschaftskriminalität schlicht ein Teil des operativen Risikos, greift zu kurz: Neben den finanziellen Schäden, die gravierend sein können, übersehen Unternehmen dabei die indirekten Folgen: Reputationsverlust, Haftungsrisiken, Beeinträchtigung der Unternehmenskultur. Diese Schäden lassen sich kaum wirtschaftlich fassen.

Frage: Besteht ein Zusammenhang zwischen der Unternehmenskultur und dem Risiko, Opfer von Wirtschaftskriminalität zu werden?

Salvenmoser: Die Studie belegt, dass eine positive Unternehmenskultur das Wirtschaftskriminalitätsrisiko deutlich senkt. Am Beispiel eines Großunternehmens sieht die Bilanz so aus: 69 Prozent der Großbetriebe mit einer ungünstigen Unternehmenskultur sind Opfer von Wirtschaftskriminalität geworden und berichteten im Durchschnitt über elf Schadensfälle. Bei Unternehmen mit einer positiven Kultur sinkt das Risiko auf 51 Prozent. Im Durchschnitt berichten sie nur von fünf Vorfällen.

Frage: Viele Firmen entscheiden sich gegen Hinweisgebersysteme, weil sie Denunziationen fürchten. Wie hoch schätzen Sie die Missbrauchsgefahr eines Whistleblowing-Systems ein?

Salvenmoser: Dieses Risiko wird völlig überschätzt. Die Hälfte der Befragten berichtete über keine Vorfälle von Missbrauch. Nur jedes vierte Unternehmen hat schlechtere Erfahrungen gemacht. Auch hier zeigt sich der große Einfluss der Unternehmenskultur: Bei Unternehmen mit einer positiven Unternehmenskultur ist der Anteil von missbräuchlichen Hinweisen bedeutend niedriger als bei Unternehmen mit einer unterdurchschnittlichen Kultur.