Risiken für Unternehmen werden immer vielfältiger

Früher, so will es scheinen, war die Welt weniger gefährlich. Heute bewegen sich immer mehr Unternehmen mit immer komplexeren Technologien und immer sensiblerem Know-how auf internationalem Parkett. Je größer aber die Bühne wird, auf der man sich bewegt, und je komplizierter die Rolle, die man spielt, desto zahlreicher werden die Fallstricke, die das Erreichen der Unternehmensziele gefährden. Erhöhte Aufmerksamkeit und geeignete Instrumente sind daher - gerade im schwierigen wirtschaftlichen Umfeld - mehr denn je das Gebot der Stunde.

Es könnte so einfach sein, Verträge zu schließen und Geschäfte zu machen: Man wird sich einig, tauscht Waren oder Leistungen - fertig. Dennoch existieren die Worte "unternehmerisches" und "Risiko" als festes Gespann - nahezu unzertrennlich. Denn einfach ist nichts mehr, wenn Leistungen komplexer werden, Verpflichtungen aus Verträgen über längere Zeiträume zu erfüllen sind oder die Vertragsparteien weit über den Globus verteilt sind, in unterschiedlichen Märkten und Rechtsordnungen agieren und in verschiedenen Währungen abrechnen.

Man müsste schon in die Zukunft blicken können, um zu wissen, ob alle Beteiligten verlässlich bleiben, was ihre Leistungen in der Zukunft tatsächlich wert sind und wie sich möglicherweise Rahmenbedingungen ändern.

Vertrauen ist gut, Vorbereitung ist besser

Unsicherheiten und Risiken gibt es bei jedem Geschäft für beide Seiten. Denn Käufer verlassen sich darauf, die bestellten Waren oder Dienstleistungen auch zu erhalten - möglicherweise hängt der ganze Produktionsablauf von wenigen oder gar einem einzigen Lieferanten ab. In solchen Fällen ist das Lieferantenrisiko enorm. Umgekehrt können sich Verkäufer nie vollständig sicher sein, dass ihre Abnehmer die bestellten - oder sogar schon gelieferten - Waren auch tatsächlich bezahlen. Fällt eine größere Forderung oder ein wichtiger Abnehmer aus, können solche Ausfallrisiken durchaus die Existenz eines Unternehmens bedrohen.

Bei internationalen Geschäften ergeben sich Wechselkursrisiken

Wirtschaften die Vertragsparteien mit unterschiedlichen Währungen, müssen sie Schwankungen in deren Wechselkursen bei der Kalkulation berücksichtigen. Denn wenn die Währung des einen Partners unerwartet an Wert verliert, steigen entweder seine Kosten oder es schrumpft der Erlös des anderen Partners - je nachdem, in welcher Währung abgerechnet wird.

Hedging-Strategien helfen, Währungsschwankungen auszugleichen

Abhängig ist der Wert einer Währung langfristig unter anderem von der konjunkturellen Entwicklung in einem Währungsraum: Währungen von Boom-Nationen sind an den Devisenmärkten gefragt. Kriselt die Wirtschaft, sinkt in vielen Fällen auch die Währung.

Und auch darüber hinaus beeinflusst das konjunkturelle Umfeld jedes einzelne Geschäft und die Markt- und Konjunkturrisiken, die zu berücksichtigen sind. Wer beispielsweise in einem Aufschwung höhere Löhne zahlen muss, kann möglicherweise zugesagte Preise nicht halten; es drohen Nachverhandlungen und neue, höhere Preise. Schwächelt die Konjunktur, wollen oder können Käufer möglicherweise weniger abnehmen als zunächst vereinbart.

Schwankende Zinsen erschweren die Finanzierung von Geschäften

Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung prägt auch das Niveau der langfristigen Zinsen und damit die Finanzierungsbedingungen für die Unternehmen. Veränderungen in den Finanzierungs- und damit auch den Anlagebedingungen müssen als Zinsrisiken mit kalkuliert werden. Wenn beispielsweise Geschäfte mit Krediten finanziert werden, machen steigende Zinsen Abschlüsse teurer. Sind Finanzierungen bei sinkenden Zinsen zu langfristig auf ein zu hohes Zinsniveau festgelegt, entstehen möglicherweise Nachteile gegenüber der Konkurrenz.

Das Zinsniveau ist damit ein wichtiger Faktor in der Steuerung der Liquidität, die ein Unternehmen vorhält. Und auch in der Liquiditätssteuerung lauern Risiken.

Zu viele liquide Gelder verursachen möglicherweise hohe Opportunitätskosten - schließlich hätte sich das Geld, das bar in der Kasse liegt, auch gewinnbringend anlegen lassen. Hält ein Unternehmen jedoch zu wenig liquide Mittel vor, können möglicherweise kurzfristige Ausgaben nicht bezahlt werden. Gerade in der zurückliegenden Wirtschafts- und Finanzkrise haben nicht wenige Unternehmen schmerzhaft erfahren, dass Liquiditätsrisiken durchaus existenzbedrohend sein können.

Risiken lauern nicht nur außerhalb des Unternehmens

Wechselkurs-, Zins-, Liquiditäts- sowie Markt- und Konjunkturrisiken stürzen von außen auf Unternehmen ein. Doch Gefahren lauern auch innerhalb der Organisation: Fast zwei Drittel der deutschen Großunternehmen gaben bei einer Umfrage von PwC zur Sicherheitslage in deutschen Unternehmen im September 2009 an, in den Jahren 2007 und 2008 Opfer von Wirtschaftskriminalität geworden zu sein. In vielen Fällen stammen die Täter aus der eigenen Belegschaft - Systeme zur Prävention und Bekämpfung von Betrug, Unterschlagung und Korruption sind daher wichtiger denn je.

Schon die unmittelbaren finanziellen Schäden durch Wirtschaftskriminalität sind enorm: Im Schnitt ermittelte PwC einen Schaden von 5,57 Millionen Euro pro betroffenem Unternehmen. Doch dazu kommen erhebliche immaterielle Schäden: Geschäftsbeziehungen und Arbeitsmoral werden beeinträchtigt, das Vertrauen von Investoren und Anlegern sinkt, der gute Ruf gerät in Gefahr.

Die Öffentlichkeit achtet genauer auf regelkonformes Verhalten

Nicht nur Kriminelle können den Ruf eines Unternehmens ruinieren. Immer öfter geraten auch alltägliche unternehmerische Entscheidungen ins Visier der Öffentlichkeit. Wer auffällt mit Entscheidungen, die als unangemessen aufgefasst werden, sieht sich schnell an den Pranger gestellt. Solche Reputationsrisiken sind für Unternehmen schwer kalkulierbar. Es gilt daher durch eine zielgerichtete und wirksame Corporate Governance eine nachhaltig regelkonforme und damit auch risikobewusste Kultur im Unternehmen sicherzustellen. 

Das umfasst auch alle gesetzlichen und regulatorischen Anforderungen, so dass sich die diesbezüglichen Compliance-Risiken reduzieren. Gleichzeitig hat dieses Verhalten senkende Wirkungen auf andere Risiken: Bei Fehlern und Nachlässigkeiten in Sachen Compliance drohen schnell Schadenersatzforderungen, steht das Vertrauen von Geschäftspartnern und Kapitalgebern auf dem Spiel.

Alles hängt mit allem zusammen

Vertrauen und guter Ruf sind möglicherweise existenziell, wenn - etwa durch Ausnahmesituationen wie die Wirtschafts- und Finanzkrise - alles ins Rutschen gerät. Ist der Ruf ruiniert, wird die Finanzierung schwieriger - Liquidität und damit Zahlungsfähigkeit stehen auf dem Spiel. Wird das bekannt, drohen Geschäftspartner das Vertrauen in die Leistungs- und Lieferfähigkeit zu verlieren. Und wenn Kundenbeziehungen problematisch werden, arbeiten auch die eigenen Mitarbeiter möglicherweise weniger engagiert. Die wiederum prägen als Botschafter des Unternehmens dessen Image mit - und das ist nur ein Ausschnitt aus dem vielfältigen Geflecht von Wechselwirkungen.

Im Gespräch mit Christof Menzies und Jörg Tüllner, Experten für Risikomanagement bei PwC


Christof Menzies

Frage: Herr Menzies, die Menge an Risiken, mit denen Unternehmen konfrontiert sind, wirkt fast unüberschaubar. Wäre "Augen zu und durch" da nicht eine nachvollziehbare Reaktion?

Christof Menzies: Dem Motto "No risk, no fun" setzen wir entgegen "Know risk, know fun". Denn funktionierende Systeme zum Risikomanagement sind nicht nur in vielen Fällen vorgeschrieben, sondern können tatsächlich helfen, Gefahren zu reduzieren. Das zeigt die Erfahrung aus unserer Prüfungspraxis. Als Wirtschaftsprüfer kontrolliert und testiert PwC schließlich regelmäßig, dass - und wie - Unternehmen Risiken antizipieren und sich darauf vorbereiten.

Frage: Herr Tüllner, vor den Ausmaßen der Wirtschafts- und Finanzkrise und ihren Folgen haben Risikomanagement-Systeme die wenigsten Unternehmen bewahren können. Haben die Systeme versagt?


Jörg Tüllner

Jörg Tüllner: Viele Unternehmen sind vor der Krise hohe Risiken in verschiedenen Bereichen eingegangen, deren Wechselwirkungen bei unternehmerischen Entscheidungen oft nicht berücksichtigt wurden oder nicht bekannt waren. Die vorhandenen Risikomanagement-Systeme sind oftmals nicht als geeignetes Steuerungsinstrument für die Unternehmensführung ausgestaltet. Viele Unternehmen haben das erkannt und wollen daran arbeiten. Aber auch ein gutes System ist nur ein Instrument. Es kommt darauf an, wie die Entscheider es nutzen.

Frage: Was kann Ihrer Meinung nach verbessert werden?

Jörg Tüllner: Wir haben den Eindruck, dass Unternehmen sich zwar über ihre einzelne Risiken sehr genau im Klaren sind. Dies trifft jedoch oft nicht für die Wechselwirkungen zwischen einzelnen Risiken zu oder diese werden nicht immer ausreichend beachtet. Oftmals fehlen auch wirksame Instrumente, welche diese Interdependenzen berücksichtigen.

Christof Menzies: Und die Schäden durch einen solchen Erdrutsch wie die Wirtschafts- und Finanzkrise kann wohl am ehesten begrenzen, wer regelmäßig in Stresstests die Belastbarkeit des eigenen Unternehmens analysiert und gegebenenfalls Risikopositionen anpasst.