Deutschland ist im Glasfaserfieber. Nicht erst seitdem die Bundesregierung im Februar 2009 ihre Breitbandstrategie verkündet hat, wird die Notwendigkeit der Glasfaserinfrastruktur heiß diskutiert. Schließlich werden leistungsfähige Breitbandnetze aufgrund der zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche als eine wesentliche Grundlage für Wachstum und technologische Weiterentwicklung angesehen. Doch noch mangelt es an zukunftsfähigen Anwendungen. Gering ist daher bisher auch die Zahlungsbereitschaft der Kunden und die Neigung der Netzbetreiber, massiv in schnellere Netze zu investieren.
Die benötigten Datenkapazitäten steigen aufgrund der anhaltenden Beliebtheit von interaktiven Onlinespielen und Bewegtbildangeboten wie Youtube und T-Home Entertain immer weiter und bereits jetzt ist absehbar, dass mit IP-basierten HDTV-Angeboten und 3DFilmen die heute verfügbaren Bandbreiten nicht ausreichen werden. Die Notwendigkeit, bestehende Kupferkabel durch Glasfaser zu ersetzen, zeichnet sich immer mehr ab. Die Bedeutung von leistungsfähigen Breitbandinternetzugängen hat auch die Bundesregierung erkannt und im Zuge ihres Konjunkturpakets II unter anderem das Ziel formuliert, bis 2014 eine Versorgung von mindestens 75 Prozent aller deutschen Haushalte mit Übertragungsraten von 50 Mbit/s sicherzustellen. Flankiert wird die Breitbandstrategie durch zahlreiche finanzielle und regulatorische Fördermaßnahmen, die den Ausbau vorantreiben sollen.
Doch Glasfaser ist teuer und die in Aussicht gestellten Förderbeträge reichen nicht aus, um die angestrebte Versorgung sicherzustellen. Für Deutschland wird der Investitionsbedarf bei flächendeckendem Ausbau auf 40 bis 50 Milliarden Euro geschätzt. Die notwendigen Investitionen pro angeschlossenem Teilnehmer variieren in Abhängigkeit der geografischen Lage, der Bevölkerungsdichte und der gewünschten Marktdurchdringung. Erfahrungsgemäß liegen die Investitionen zwischen 1.500 und 2.000 Euro pro angeschlossenen Haushalt. In großen Metropolen kann der Preis vereinzelt zwar unter 1.000 Euro liegen, in ländlichen Gebieten reichen dagegen oftmals auch Investitionen von über 2.000 Euro pro Haushalt nicht aus, um Glasfaserleitungen bis in die Wohnzimmer zu verlegen.
Noch interessieren sich die Konsumenten kaum für schnellere Breitbandinternetzugänge, schließlich genügen heute noch Datenraten von sechs bis 16 Mbit/s, um den Bedarf an Bandbreite der Durchschnittsnutzer zu befriedigen. Gering ist daher ihre Bereitschaft, für Glasfaserzugänge mehr zu zahlen als für den bestehenden Anschluss. Und entsprechend kritisch sind die Finanzabteilungen der Telekommunikationsunternehmen, wenn es um Investitionen in Glasfasernetze geht (Henne-Ei-Problem).
Um die Entwicklung voranzutreiben, ist es daher nicht ausreichend, Maßnahmen zur Beschleunigung des Infrastrukturausbaus zu beschließen. Vielmehr ist es auch notwendig, neue Anwendungen und Dienste zu fördern und so die Nachfrage nach breitbandigen Diensten zu stimulieren.
Allen voran steht hier die Modernisierung der öffentlichen Verwaltung und damit die Schaffung von Voraussetzungen für die elektronische Nutzung von Verwaltungsleistungen. Dies kommt in Zeiten knapper Kassen und steigendem Leistungsdruck nicht nur den Bürgern zugute. Schließlich hilft E-Government primär den Verwaltungen, den Bedarf an Transparenz und Verantwortung, Leistungsfähigkeit und Kosteneffizienz im öffentlichen Sektor nachzukommen. Dabei geht es um mehr als Informationsportale. So kann die Kommunikation per E-Mail den persönlichen Besuch und Anruf bei Behörden ersparen, Dienstleistungen wie die elektronische Beantragung von Reisepässen oder Personalausweisen können das Warten beim Einwohnermeldeamt vermeiden, elektronische Verwaltungs- und Steuerformulare die Behörden verschlanken und das Erstellen von Steuererklärungen beschleunigen. Zudem werden redundante und unvollständige Datenverwaltung und -pflege verhindert und langfristig auch die papierintensive Verwaltung eingestellt. Voraussetzung ist aber nicht nur die Anbindung und Vernetzung der Behörden und Bürger über einen Breitbandanschluss. Auch die Anreize für die Nutzung entsprechender Dienste müssen stimmen, etwa durch eine beschleunigte und billigere Passerstellung bei elektronischer Beantragung, einen Steuerbonus bei elektronischer Steuererklärung oder Abschreibungsmöglichkeiten von PCs oder Internetanschlüssen auch für private Nutzer.
Auch im Gesundheitssektor bieten sich zahlreiche Wachstumspotenziale für Breitbandinternet. Erste Ansätze gibt es bereits durch die elektronische Gesundheitskarte. Doch mit der Speicherung von Daten auf der Karte ist der Digitalisierungsprozess noch lange nicht abgeschlossen. Vielmehr geht es auch um den Zugriff auf Patientendaten, die auf zentralen Datenbanken abgelegt sind und von Ärzten abgerufen werden können. Dies setzt voraus, dass alle Teilnehmer im Gesundheitswesen (angefangen von Arztpraxen über Krankenhäuser und Therapiezentren bis hin zu Versicherungen) miteinander vernetzt und breitbandig angebunden sind, um einen schnellen Datenaustausch zu gewährleisten. Insbesondere bei Röntgen- oder Videoaufnahmen zeichnet sich ein hoher Bandbreitenbedarf ab. In Zukunft könnte es zudem möglich sein, Operationen auch am Bildschirm zu begleiten und Patienten virtuell zu beraten. Vorausgesetzt, die Bandbreite und die Anreize stimmen, um die Nutzung entsprechender Dienste zu fördern. Denkbar wäre es zum Beispiel, die Kostenerstattung für einzelne Leistungen von der elektronischen Speicherung in einer Datenbank abhängig zu machen.
Nicht zuletzt im Bildungssektor wird Breitbandinternet immer wichtiger. Während Deutschland bereits zahlreiche Maßnahmen zur Vernetzung der Schulen eingeleitet hat, steckt die Digitalisierung von Hochschulen noch in den Kinderschuhen. Die Vorstellung, Vorlesungen im Internet zu wiederholen, Präsenzveranstaltungen online zu besuchen und damit Studieninhalte auch über Universitäten hinaus zugänglich zu machen, sind hierzulande derzeit eher Wunsch als Wirklichkeit. Doch Initiativen an US-amerikanischen Universitäten zeigen, wohin die Entwicklung gehen kann. So stellt etwa das MIT sämtlichen Kursmaterialien, Prüfungsaufgaben oder auch Vorlesungen im Netz zur Verfügung und informiert zeitnah über neue Angebote. Insbesondere für Länder wie Deutschland werden solche Entwicklungen aufgrund der demografischen Entwicklung in ländlichen Regionen immer wichtiger. Durch das sogenannte "Blended Learning", die Verknüpfung von Präsenzveranstaltungen und virtuellem Lernen auf Basis neuer Informations- und Kommunikationsplattformen, kann die Erreichbarkeit von Bildungsangeboten sichergestellt und Mieten, Reisezeit und Reisekosten eingespart werden.
Fazit
Beim Breitbandausbau geht es um mehr als die Verlegung von Datenleitungen. Um die Entwicklung weiter voranzutreiben und Konsumenten Anreize zu geben, das Internet nicht nur als Kommunikations-, Informations- und Unterhaltungsmedium zu nutzen, sollte die Bundesregierung Weichen stellen. So können nicht nur die Attraktivität des Standorts Deutschland sichergestellt und Kosten eingespart werden. Vielmehr sorgt die zunehmende Verfügbarkeit von breitbandigen Angeboten auch für eine steigende Zahlungsbereitschaft der Haushalte für Breitbandanschlüsse von 50 Mbit/s und mehr und erhöht damit die Anreize für die Netzbetreiber, in den Glasfaserausbau zu investieren.