Kabel und IPTV angewiesen auf HDTV - und umgekehrt

Pünktlich zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Vancouver haben die öffentlich-rechtlichen Sender den Regelbetrieb für das hochauflösende Fernsehen (HDTV) begonnen. Seitdem können Millionen deutscher Haushalte die Programme von ARD, ZDF und ARTE gestochen scharf sehen. Die HD-Programme der privaten Sender gibt es bislang allerdings nur über Satellit - verschlüsselt und bald auch kostenpflichtig. Die Verhandlungen zwischen den Sendern und den Kabelnetz- und IPTV-Anbietern stocken, die Betreiber verspielen möglicherweise ihre Wettbewerbsvorteile.

Daher sind Kabelunternehmen und IPTV-Betreiber gut beraten, die Verhandlungen mit den privaten Sendern zum Abschluss zu bringen und ihr HD-Angebot ausweiten. Sonst drohten sie gegenüber Satellitenunternehmen ins Hintertreffen zu geraten.

HDTV ist ein Kriterium bei der Anbieterwahl

Denn Programm-Angebote in HD-Qualität sind für Konsumenten mittlerweile ein wichtiges Kriterium, um den Anbieter zu wechseln. Satellitenunternehmen locken zwar mit dem Fernsehen in "high-definition", können aber bei integrierten Angeboten von breitbandigem Internet, Telefon und HD-Fernsehen nicht mit den Telekommunikations- und Kabelnetzbetreibern mithalten. Denn ihre sogenannten Triple-Play-Angebote sind dem puren HD-Fernsehen per Satellit hinsichtlich des Preises und der angebotenen Bandbreite überlegen.

Mit integriertem Angebot Wettbewerbsvorteile erarbeiten und nachhaltigen Markterfolg sicherstellen

Gelingt es Kabelunternehmen und IPTV-Betreibern, auch die TV-Programme der privaten Sender wie die von Vox und RTL, ProSieben, Sat.1 oder Kabel 1 in HD-Qualität anzubieten, könnten sie sich nachhaltig nicht nur gegenüber dem Satellitenfernsehen abgrenzen, sondern auch gegenüber dem kostenfreien Antennenfernsehen DVB-T. Denn DVB-T bietet weder Internet noch HDTV. Aufgrund des hohen Kapazitätsbedarfs werden HDTV-Programme auch bis auf Weiteres nicht über DVB-T übertragen.

Neues Spiel, neues Glück

Vieles spricht dafür, dass HDTV jetzt den Durchbruch schafft, der vor fünf Jahren noch nicht gelang. Damals hatten sich ProSiebenSat.1 und der damaligen Pay-TV-Kanal "Premiere" ins hochauflösende Geschäft gewagt - und waren gescheitert. Zwei Jahre später war die Resonanz auf das Premiere-HD-Angebot mit rund 120.000 Abonnenten noch bescheiden. Auch für die frei empfangbaren Programme von ProSieben und Sat.1 in HD-Qualität war die Anzahl der Haushalte, die HDTV empfangen konnten, mit rund 150.000 nur geringfügig größer, sodass die Ausstrahlung der beiden hoch auflösenden Kanäle der privaten Sendergruppe ProSiebenSat.1 im Frühjahr 2008 wieder eingestellt wurde.

Dass HDTV im ersten Anlauf bei den Zuschauern nur mäßig ankam, lag auch an technischen Problemen und Streitigkeiten über die Verteilung der Kosten. Zudem verhinderten der mangelnde Bekanntheitsgrad und die geringe Verfügbarkeit von Endgeräten zu erschwinglichen Preisen den frühen Erfolg.

Heute ist das Interesse an TV-Angeboten in HD-Qualität jedoch deutlich größer: Der Medienrummel um die hochauflösend übertragenen Olympischen Winterspiele in Vancouver hat für Aufmerksamkeit gesorgt und Begehrlichkeiten geweckt. Zudem stimulieren die bessere Verfügbarkeit erschwinglicher Endgeräte und das steigende Angebot an HD-Programmen den Kauf von HD-Fernsehern.

Die Programmvielfalt bei HDTV wächst

Theoretisch sind in Deutschland bereits mehr als 20 HDTV-Programme empfangbar. So bietet etwa die Deutsche Telekom AG über ihre IPTV-Plattform TV-Sendungen und die Fußball-Bundesliga in HD-Qualität. Die privaten Programmfamilien RTL und ProSieben.Sat1 senden hochauflösend per Satellit, die öffentlich-rechtlichen Hauptprogramme und der Kulturkanal ARTE sowieso. Hinzu kommen weitere HDTV-Angebote aus der Schweiz und Österreich und des Premiere-Nachfolgers Sky.

Dennoch: Bis wirklich eine neue Ära des Fernsehens eingeläutet ist, wie es der Branchenverband Bitkom angekündigt hat, sind wohl noch einige Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

Denn einige Hürden schränken die Programmauswahl ein: Wer in den Genuss des vollen HDTV-Angebots der öffentlich-rechtlichen und der privaten Anbieter kommen will, ist zurzeit auf das Angebot via Satellit angewiesen, und neben der Set-Top-Box für Sky ist auch noch ein Kartenleser für die Entschlüsselung der Signale der privaten Sender nötig. Denn die HD-Programme der Privaten RTL, Vox, ProSieben, Sat.1 und Kabel 1 sind über die HD+-Plattform des Satellitensystems Astra ebenso wie die sieben HDTV-Kanäle des Abo-Senders Sky verschlüsselt. Für sie fällt ab 2011 eine Empfangsgebühr für rund 50 Euro im Jahr an. Über Kabel und IPTV gibt es bislang weder RTL und Vox noch ProSieben oder Sat.1 in HD-Qualität.

Set-Top-Box mit abschreckender Wirkung

Als weiterer Hemmschuh bei der Verbreitung von HDTV in der gegenwärtigen TV-Landschaft könnte sich die Empfangsfähigkeit erweisen. Denn trotz der in den vergangenen Jahren drastisch angestiegenen Verkäufe von Flatscreen-Bildschirmen können bei weitem nicht alle Geräte Sendungen in hochauflösender Qualität zeigen: Zwar stehen in deutschen Haushalten rund 20 Millionen HD-fähige Fernsehgeräte, doch es können nur 4,8 Millionen Haushalte tatsächlich HDTV empfangen. Geräte, die lediglich "HD-ready" sind, müssen mit einer HDTV-Set-Top-Box nachgerüstet werden.

Hier sind die Hersteller aufgerufen, die den Konsumenten bislang nicht ausreichend vermittelten Vorteile von HDTV durch klare und eindeutige Hinweise und Logos deutlich herauszustellen und die Begriffsvielfalt einzudämmen.

Zügige Einigung notwendig

Als Hemmschuh beim aktuellen zweiten Anlauf des HDTV könnten sich die Nutzungsrestriktionen der HDTV-Übertragung erweisen, die die privaten Sender im Interesse ihrer Geschäftsmodelle erreichen möchten: Die Funktion der Empfangsgeräte, Werbeblöcke zu überspringen, würden sie am liebsten sperren. Durchsetzen wollen sie auch, dass die Geräte das Aufzeichnen von Sendungen verhindern - und das trotz der Empfangsgebühr. Ratsam ist eine nutzerfreundliche Lösung, schließlich konkurriert das klassische Fernsehen immer mehr mit Angeboten im Internet. Und hier können die Nutzer wählen was sie sehen, wann sie es sehen und ob sie es sehen.