Die deutschen Reeder stehen vor einer ihrer größten Bewährungsproben in der jüngeren Vergangenheit: Sie gehen davon aus, dass heftiger konsolidiert werden muss als gedacht. Erwartete 2009 immerhin noch jeder fünfte Entscheider, dass die deutschen Reedereien in der weltweiten Schifffahrtsindustrie nach der Krise eine größere Bedeutung auf den Weltmeeren als zuvor erlangen könnten, ist heute gerade noch jede zwanzigste Führungskraft so optimistisch.
Somit stimmen die deutschen Schiffsherren wieder mehrheitlich der Einschätzung zu, in naher Zukunft sei nicht damit zu rechnen, dass sich die Schifffahrtsmärkte erholen, wie eine aktuelle PwC-Untersuchung "Deutsche Reeder suchen Weg aus der Krise" zeigt. Für die Studie wurden 101 Reedereien mit Sitz in Deutschland befragt, deren Tätigkeitsschwerpunkt die Containerschifffahrt ist.
Dabei sind laut der Studie gleich mehrere Trends festzustellen:
Anhaltende Konsolidierungswelle
Obwohl die Konsolidierungsprozesse in den deutschen Hochseeredereien bereits im vergangenen Jahr weit fortgeschritten waren, geht die Konsolidierung unablässig weiter. Die Unternehmen müssen mitunter ihre Finanzierungskonzepte anpassen, Maßnahmen zur Verbesserung der Liquidität treffen, Investitionen zurückstellen oder etwa Schiffe auflegen.
Umsatzstarke Reedereien auf Wachstumskurse
Im Gegensatz zu umsatzschwächeren, primär kleineren Unternehmen, sehen sich die umsatzstärkeren Reedereien mit mindestens 100 Millionen Euro Nettoumsatz im Vorjahr indes stärker auf Wachstumskurs. Zwei von drei Reedereien gehen explizit von Wachstum aus, der Rest erwartet Stagnation. Mit einem Rückgang für die kommenden 12 Monate rechnet hier niemand.
Schiffsinvestitionen: Eigenkapitalquote von durchschnittlich 42,4 Prozent erwartet
Die Eigenkapitalquote, die gegenwärtig von den Banken bei Investitionen in Schiffe erwartet wird, beträgt derzeit nach den Erfahrungen der befragten Reedereien im Durchschnitt 42,4 Prozent. Sie ist damit vergleichbar zum Vorjahr (41,3%). In der Tendenz zeichnet sich aber eine leichte Steigerung gegenüber dem Niveau im Jahr der Erstbefragung 2009 ab (38,4%).
Piraterie: Lage verbessert sich
Etwa jedes dritte befragte Schifffahrtsunternehmen war schon einmal direkt von Piraterie betroffen. Eine Verschärfung des Problems zum Vorjahr hat es indes nicht gegeben. Nur drei von zehn betroffenen Reedereien (27%) haben in den letzten 12 Monaten Piratenangriffe auf ihre Schiffe erlebt. Zudem hat die Mehrzahl der Reedereien die Schiffe unter Sicherheitsaspekten nachgerüstet.
Wirtschaftliche Lage ist uneinheitlich
Eine Einflaggung von Schiffen ihrer Flotte explizit in die deutsche Flagge planen insgesamt nur sechs der befragten 101 Schifffahrtsunternehmen, somit hat der Anteil der deutschen Schiffe, die auch unter deutscher Flagge fahren, in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Indes erwartet gut jedes zweite Schifffahrtsunternehmen vor dem Hintergrund der anhaltenden Konsolidierungsprozesse in den kommenden 12 Monaten Wachstum. Aber: Die umsatzschwächeren Reedereien mit weniger als 100 Millionen Euro Nettoumsatz im Vorjahr sind dabei optimistischer als die umsatzstärkeren Schifffahrtsunternehmen und gehen häufiger von steigenden Charterraten in den nächsten 12 Monaten aus.
„Zwar wächst das weltweite Transportvolumen trotz der Wirtschaftskrise kontinuierlich. Jedoch ist das Angebot an Schiffsraum durch zahlreiche in den Vorjahren bestellte Schiffe deutlich stärker gewachsen. Dies führt zu geringen Auslastungen und sinkenden Frachtraten. Besonders Reeder, die ihre Schiffe an die großen Linienreedereien verchartern, kommen durch den Ratenverfall in wirtschaftliche Schwierigkeiten“, kommentiert Claus Brandt, Leiter des Kompetenzzentrums maritime Wirtschaft bei PwC die Untersuchung.
Bibliographische Daten
Deutsche Reeder suchen Weg aus der Krise.
Autor
Claus Brandt
Herausgeber
PwC, Frankfurt am Main
Bibliographie/Quelle
Juni 2012
44 S.
Preis
kostenlos